Soziologe Girtler: "Karl Marx wäre gern auf den Opernball gegangen"

Interview7. Februar 2013, 18:58
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Alles nicht so ernst nehmen, empfiehlt Soziologe Roland Girtler den Opernball-Kritikern. Er erklärt, warum es nett ist, wenn Leute wie Pfaue daherkämen und warum es keine Demos gibt

STANDARD: Millionen Menschen verfolgen den Opernball im Fernsehen, andere schäumen über vor Kritik. Was ist der Grund für diese Hassliebe der Österreicher?

Girtler: Ach, da wird einfach die Tradition der noblen Bälle der Aristokratie weitergeführt. Der Mensch ist nun mal ein "animal ambitiosium" - ein Wesen mit Imponiergehabe, er geht aus, präsentiert seine Orden und Kleider. Wer nicht dabei ist, stellt sich über das Ganze. Das hat seinen eigenen Reiz. Aber ich glaube, dass viele Kritiker geschmeichelt wären über eine Einladung.

STANDARD: Was macht den Opernball zur besonderen Angriffsfläche? Schließlich gibt es dutzende Bälle.

Girtler: Es trifft sich hier eine neue Elite, wie ich sie nenne. Sie übernimmt die Symbolik der Aristokratie. Aber das sollte man mit Humor nehmen. Die Buntheit macht doch das Leben aus. Ist doch nett, wenn ein paar Leute wie Pfaue daherkommen.

STANDARD: Was ist eigentlich mit den Opernball-Demos passiert?

Girtler: Die Demos waren großteils ein Relikt der 1968er-Bewegung gegen Aristokratie, Militär, Großindustrielle und Ausbeutung. Für junge Menschen ist es wichtig, sich zu reiben. Aber heute tummeln sich dort weniger Generäle und Adelige als Skifahrer und Wirtschaftskaiser.

STANDARD: Böte der Ball nicht gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise eine gute Plattform für Proteste?

Girtler: Der Kapitalismus ist den Linken abhandengekommen. Heute müsste man gegen Banken protestieren, aber die sind nicht greifbar. Man sollte das aber alles nicht so ernst nehmen. Karl Marx war auch mit einer Adeligen verheiratet, und er wäre bestimmt gerne zum Opernball gegangen. Es ist eine lustige Tradition, sonst wäre es ja fad. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 8.2.2013)

Roland Girtler (71), Soziologe, Kulturanthropologe und Professor an der Universität Wien, hat unter anderem ein Buch über "Die feinen Leute" und ihre Rituale geschrieben.

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    Der Soziologe Roland Girtler beschreibt den Opernball als eine lustige Tradition, die man nicht allzu ernst nehmen sollte.

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