Fixe Arztpraxis für Obdachlose in Wien

7. Februar 2013, 18:48
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Im Neunerhaus gibt es eine neu eröffnete Anlaufstelle, in der Obdachlose eine allgemeine Arztpraxis aufsuchen können

Wien - Die Praxis hat erst das fünfte Mal geöffnet, und doch sind schon mindestens 20 Menschen ins Neunerhaus gekommen, um das neue Angebot zu nutzen. Seit Ende Jänner können Obdachlose in Wien hier nicht nur ihre Zähne behandeln lassen, sondern auch eine allgemeine Arztpraxis aufsuchen. In der Kombination mit einer Veterinärpraxis sowie Sozialarbeit sollen sie ganzheitlich stabilisiert werden.

"Wer nicht gesund ist, schafft es auch nicht, im sozialen Leben wieder Fuß zu fassen", sagt Susanne Schremser. Sie ist Sozialarbeiterin und hat bereits in der Zahnarztpraxis - seit 2009 das einzige Angebot dieser Art für obdachlose Menschen - im Neunerhaus gearbeitet. "Das Leben auf der Straße fordert einen enormen Tribut, Zähne und Gesundheit sind oft die geringsten Probleme von Obdachlosen", erzählt sie.

Verlorenes Körpergefühl

Viele der Betroffenen leiden an chronischen, multiplen Krankheiten. Aus Scham oder Angst vor den Kosten gehen die wenigsten zum Arzt. "Wenn sie zu uns kommen, ist das oft nur die Spitze des Eisbergs", sagt die Medizinerin Fidelia Vlasich-Heinisch.

Langjährige Erkrankungen seien vielen Menschen, die auf der Straße leben, gar nicht bewusst. "Viele haben das Körpergefühl über die Jahre verloren." Die Ärztin engagiert sich seit Jahren in der Obdachlosenbetreuung und führt eine Privatpraxis für traditionelle, chinesische Medizin.

Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen, damit die Klienten möglichst wiederkommen und ein regulärer Kontakt hergestellt wird. Gleichzeitig wird bei Behördengängen geholfen, etwa, wenn Betroffene den Versicherungsschutz verloren haben. Die meisten Ärzte arbeiten ehrenamtlich im Neunerhaus. Die Infrastruktur für die Praxen, das Personal und die Sozialarbeit werden hauptsächlich über Spenden finanziert. In dieser Woche wurde der zweitausendste Patient zahnärztlich behandelt.

Lücke im Gesundheitssystem

Insgesamt soll die neu eröffnete Arztpraxis eine Lücke im Gesundheitssystem schließen: Im Neunerhaus können sich auch Menschen behandeln lassen, die in keiner Einrichtung registriert sind und daher kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Dabei sei "das größte Medikament die Zeit", sagt Vlasich-Heinisch. Im Durchschnitt würde sie für einen Neunerhaus-Patienten zwanzig Minuten brauchen, weil viele Betroffene Angst hätten und viel Einfühlungsvermögen brauchten. "Das ist mit einem normalen Kassentarif von gut fünf Minuten nicht machbar", weiß sie. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 8.2.2013)

  • Seit Ende Jänner können Obdachlose in Wien im Neunerhaus eine allgemeine Arztpraxis aufsuchen.
    foto: der standard/christian fischer

    Seit Ende Jänner können Obdachlose in Wien im Neunerhaus eine allgemeine Arztpraxis aufsuchen.

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