Erster Erdbeben-Großversuch Europas stellt Haus auf Rütteltisch

7. Februar 2013, 18:49
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Holzexperten von der TU Graz simulieren in Lissabon starkes Erdbeben, um Stabilität von dreistöckigem Holzhaus zu testen

Graz - Als nachwachsender Rohstoff gewinnt Holz als Baumaterial wieder an Bedeutung. Erdbebensicherheit ist jedoch eine grundlegende Voraussetzung, um den Holzbau in den Ländern einzuführen, die nicht zu den klassischen "Holzbaunationen" gehören: Den Mittelmeer- und Balkanländern zum Beispiel, die wie speziell Italien, Griechenland und die Türkei zu dezidierten Erdbebenrisikozonen gehören. Die Holzexperten an der TU Graz nehmen derzeit Holz-Massivbau-Konstruktionen in Brettsperrholz (BSP) ins Visier: Konkret prüfen sie gleich ein vollständiges dreistöckiges Haus in dieser Bauweise - mittels eines simulierten Erdbebens auf einem sogenannten "Shaking table" (Rütteltisch).

Eine hydraulische Rüttelplatte im Großformat simuliert bei dem Versuch in Lissabon dabei den Verlauf des großen Erdbebens in Montenegro aus dem Jahr 1979 mit einer Stärke von über 7 nach Richter: "Unser Holzhaus muss das Beben etwa 15 Mal und in unterschiedlichen Stärken durchmachen", schilderte Georg Flatscher vom Institut für Holzbau und Holztechnologie der TU Graz. Die Experten interessieren sich besonders für die Verbindungen zwischen den einzelnen Holzelementen und wollen genauer herausfinden, welche Kräfte auf diese Verbindungen einwirken und welche Verformungen dadurch entstehen können.

Erster vergleichbarer Großversuch in Europa

Das Gebäude, das die TU-Forscher in Portugal auf Erdbebentauglichkeit testen, ist knapp acht Meter hoch und hat eine Fläche von rund 90 Quadratmetern. Ein Raum ist möbliert und wird mit Videokameras überwacht. Laut Flatscher ist der Test - nach ähnlichen Versuchen an zwei BSP-Gebäuden in Japan - erst der zweite Großversuch dieser Art weltweit und der erste in Europa.

Die Holz-Massivbauweise in Brettsperrholz wurde am Institut für Holzbau und Holztechnologie von Institutsleiter Gerhard Schickhofer federführend mitentwickelt: Aus kreuzweise flächig verklebten Massivholzbrettern entstehen Massivholzwände, aus denen sich die Aussparungen für Fenster und Türen ausschneiden lassen. In London steht bereits ein achtstöckiges Haus aus Brettsperrholz, in Australien befinden sich weitere mehrstöckige Brettsperrholzgebäude in Bau.

Die Versuchsreihe in Lissabon wird durch eine Beteiligung der TU Graz am EU-projekt SERIES (Seismic Engineering Research Infrastructures for European Synergies) möglich. Dieses hat das Ziel, die Erdbebenforschung in Europa zu bündeln und Synergien zu nützen. Für den Bereich Brettsperrholz ist die TU Graz mit dem Institut für Holzbau und Holztechnologie verantwortlich und kooperiert mit Partnern aus der Holzindustrie. (APA/red, derStandard.at, 07.02.2013)

  • Von dieser "Kommandozentrale" aus beobachten die Forscher das Gebäude auf dem Rütteltisch (im Hintergrund) und steuern den Erdbebenversuch.
    foto: tu graz/lignum

    Von dieser "Kommandozentrale" aus beobachten die Forscher das Gebäude auf dem Rütteltisch (im Hintergrund) und steuern den Erdbebenversuch.

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