Ziegler: Hunger ist organisiertes Verbrechen

Interview21. Februar 2013, 07:59
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Jean Ziegler kämpft unermüdlich gegen den Hunger und Zocker, die mit Wetten auf Nahrungsmittel Milliarden einstreichen

Weltweit stirbt alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger. Das lässt Jean Ziegler, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, nicht zur Ruhe kommen. Im Interview mit derStandard.at spricht er über den "Bankenbanditismus", Agrarspekulanten, die kannibalische Weltordnung und die Ursachen des globalen Hungers.

"Ein erwachsener Mensch kann in der Regel drei Minuten leben, ohne zu atmen, drei Tage, ohne zu trinken, drei Wochen, ohne zu essen. Mehr nicht. Dann beginnt der körperliche Verfall. Bei unterernährten Kindern kündigt sich der Todeskampf sehr viel früher an. Zunächst verbraucht der Körper seine Reserven an Zucker, dann an Fett. Die Kinder werden lethargisch. Sie verlieren rapide an Gewicht. Das Immunsystem bricht zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und Infektionen der Atemwege verursachen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau der Muskeln. (...) Ihre Arme baumeln kraftlos am Körper. Ihre Gesichter gleichen Greisen. Dann folgt der Tod." (Aus: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt)

derStandard.at: Sie werden nicht müde, in Ihrem Buch zu betonen, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert. Welchen Anteil hat die Gier der Rohstoff-Spekulanten an dieser Hungersnot?

Ziegler: Nicht ich behaupte das, sondern die Welternährungsorganisation FAO. Die Mechanismen, die zu diesem Massenmord führen, sind sehr komplex. 2008/2009 hat erst der Bankenbanditismus die Finanzmärkte verwüstet, anschließend sind die Hedgefonds, die Großspekulanten mehrheitlich auf die Rohstoffbörsen im Allgemeinen und auf die Agrarrohstoffbörsen im Speziellen umgestiegen. Das ist ein Markt mit gefangener Kundschaft, denn essen muss jeder.

derStandard.at: Aber ein legaler Markt.

Ziegler: Der Trader, der mit Grundnahrungsmitteln spekuliert, ist an allen Fronten tätig und verschlingt alles, was ihm irgendetwas einbringen kann. Mit Spekulationen auf Grundnahrungsmittel erwirtschaftet er mit Futures, Short Sellings, Leverage und so weiter ganz legal astronomische Profite. Innerhalb eines Jahres ist der Weltmarktpreis für Mais um 63 Prozent gestiegen, für Reis um 31,8 Prozent, und der Preis für die Tonne Weizen hat sich verdoppelt.

derStandard.at: Ist es nicht zu einfach, den Spekulanten für die gestiegenen Rohstoffpreise verantwortlich zu machen?

Ziegler: Der Spekulant ist auch nicht der Verursacher des Preisanstiegs, aber durch sein Eingreifen beschleunigt er die Preisbewegungen. Von anderen Wirtschaftsakteuren unterscheidet ihn der Umstand, dass er nichts für den eigenen Gebrauch kauft.

Nehmen Sie ein Beispiel: Sowohl der Getreidebauer in Argentinien auf der einen Seite als auch der Besitzer einer Bäckereikette in New York auf der anderen Seite hat Interesse an einem Fixpreis. Beide brauchen Planungssicherheit, um für den nächsten Produktionszyklus kalkulieren zu können. Diese Art von Termingeschäften ist spekulativ. Der Preis ist künstlich und entspricht nicht dem effektiven Marktpreis. Das ist legitim. Wenn jedoch die Marktteilnehmer weder Verbraucher noch Produzenten sind, handelt es sich um reine Börsenspekulation, die keinem wirtschaftlichen Nutzwert entspricht.

derStandard.at: Die Instrumente, derer sich Rohstoff-Spekulanten bedienen, sind Derivat und Terminkontrakt, die Märkte dafür keine Erfindung der letzten Jahre. Was hat sich also geändert?

Ziegler: Lassen Sie mich mit Olivier Pastré, einem der maßgeblichen Fachleute auf diesem Gebiet, antworten: "Die Märkte für derivate Produkte wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Chicago geschaffen. Doch seit Anfang der 1990er Jahre haben sich diese neuartigen Finanzprodukte aus den reinen Versicherungsprodukten in reine Spekulationsprodukte verwandelt. In weniger als drei Jahren hat sich der Anteil der nichtkommerziellen Akteure auf dem Maismarkt von 17 auf 43 Prozent erhöht." Heute halten die großen Hedgefonds 12.000 bis 15.000 Warenterminkontrakte auf Mais, Getreide, Soja, Reis et cetera, die sie kaufen, verkaufen, wieder kaufen und so weiter. Kommt der Realisierungsmoment, ist der Weltmarktpreis explodiert.

derStandard.at: Auf der anderen Seite steigt der Hunger ...

Ziegler: Mais, Getreide und Reis decken 75 Prozent des Weltkonsums an Grundnahrungsmitteln ab. Während Hedgefonds in gewohnter Manier Milliarden und Abermilliarden Spekulationskapital investieren, sind von den sieben Milliarden Menschen weltweit 1,2 Milliarden "extremely poor". Das heißt, sie müssen mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag überleben, meistens aber mit sehr viel weniger. Der World Food Report sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase der Entwicklung der Produktionskräfte problemlos pro Tag zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Das ist nahezu das Doppelte der Weltbevölkerung. Seit Beginn dieses Jahrtausends gibt es keinen objektiven Nahrungsmittelmangel mehr. Jedes Kind, das gerade jetzt, wo wir reden, stirbt, wird ermordet.

Dieses Massaker geschieht in absoluter und eisiger Normalität. Es ist kein fernes Sterben. Jeder weiß Bescheid. 57.000 Menschen verhungern täglich, eine Milliarde von den sieben Milliarden der Erdbevölkerung sind permanent unterernährt. Nimmt man alle Todesursachen zusammen, verlassen 70 Millionen Menschen jedes Jahr diesen Planeten. 2012 sind 18,2 Millionen Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen gestorben.

derStandard.at: Sie reisten acht Jahre lang als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung rastlos durch die Notgebiete dieser Welt. Die Kraft geht Ihnen immer noch nicht aus.

Ziegler: Nicht irrationale Wut trägt mich, sondern Zorn. Zorn auf diese totale Absurdität. Hunger ist heute bei weitem die brutalste, bedeutsamste Todesursache auf diesem Planeten. Hunger ist ein organisiertes Verbrechen, er ist das Werk von Menschen und kann durch Menschen besiegt werden.

derStandard.at: Sie sehen die Verantwortung also in jedem Einzelnen?

Ziegler: Jeder weiß, dass dieser fürchterliche Massenmord durch verfassungsgerechte Reformen in Demokratien schon morgen Früh gestoppt werden könnte. Nur der Zufall der physischen Geburt trennt uns von den Opfern, nichts anderes. Das Solidaritätsbewusstsein, der Aufstand des Gewissens, steht bevor. Davon bin ich überzeugt. Che Guevara hat gesagt: "Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse."

derStandard.at: Wer kann demnach die Rohstoff-Spekulanten zügeln?

Ziegler: Keine Börse funktioniert im rechtsfreien Raum. Wäre der Druck der Bürgerinnen und Bürger stark genug, könnten Parlamente sofort eine Revision vornehmen und alle Marktteilnehmer, die weder Produzenten noch Verbraucher sind, vom Markt von Grundnahrungsmitteln ausschließen. Es gibt also keine Fatalität.

derStandard.at: In den vergangenen Jahren sind alle großen Investmentbanken verstärkt in den Derivatehandel auf Agrarrohstoffe eingestiegen. Jetzt spekuliert auch die Deutsche Bank wieder mit Lebensmitteln.

Ziegler: Der Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, meint, Spekulation auf Agrarrohstoffe sei ein normales Marktgeschehen. So weit stimmt das auch. Was er verschweigt: Wenn mit einem Schlag tausende von Spekulanten in den Markt eintreten, steigt der Preis für die Warenterminkontrakte.

Jean-Paul Sartre schreibt: "Pour aimer les hommes, il faut détester fortement ce qui les opprime" - um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt. Das entscheidende Wort ist "was". Es geht um die strukturelle Gewalt und nicht um Personen.

derStandard.at: Neben einem Verbot der Börsenspekulation mit Nahrungsmitteln fordern sie auch Verbote für Biosprit.

Ziegler: Die Amerikaner haben letztes Jahr 138 Millionen Tonnen Mais - das sind 40 Prozent der gesamten Maisernte - und hunderte Millionen Tonnen Weizen verbrannt, um Bioethanol und Biodiesel herzustellen. Es stimmt, dass sich das Klima zum Negativen verändert. Es stimmt, dass der übermäßige CO2-Ausstoß dafür verantwortlich ist. Es stimmt auch, dass dieser CO2-Ausstoß von fossiler Energie stammt. Die Idee, die fossile Energie durch erneuerbare zu ersetzen, ist auf den ersten Blick nicht total absurd. Dennoch: In einer Welt, in der alle fünf Sekunden ein Kind verhungert, ist Agrosprit, hergestellt aus verbrannten Lebensmitteln, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

derStandard.at: In der EU sollen 2020 zehn Prozent des Energieaufwands aus erneuerbaren Energien bestehen ...

Ziegler: Diese Direktive muss annulliert werden. In den EU-27 haben die Bauern nicht die nötige Anbaufläche, um diese Massenpflanzung zu leisten. Und was tut EU-Kommissionspräsident José Barroso? Er hat vor kurzem mit Mosambik die Pachtung von 55.000 Hektar Ackerfläche vereinbart. Diese soll Palmöl und Zucker für die Herstellung von Bioethanol liefern. Einmal mehr geschieht das dort, wo der Hunger unter den afrikanischen Bauern in der Bevölkerung am schlimmsten ist.

Die kannibalische Weltordnung wird durch eine ganz schmale Klasse der Finanzoligarchie nach dem Profitmaximierungsprinzip beherrscht: Zehn Konzerne kontrollieren 85 Prozent aller weltweit gehandelten Nahrungsmittel. Natürlich versuchen diese nicht, den Hunger in Somalia zu bekämpfen. Es ist die strukturelle Gewalt, die dieser kannibalischen Weltordnung innewohnt, nicht die Böswilligkeit der Einzelnen.

derStandard.at: Wie kann diese strukturelle Gewalt gebrochen werden?

Ziegler: Peter Brabeck-Letmathe, ein Villacher, ist der hocheffiziente Präsident des größten Nahrungsmittelkonzerns der Welt: Nestlé. Er ist ein zivilisierter Mensch, er kann lesen und schreiben, geht wahrscheinlich in die Kirche, scheint also ein relativ anständiger Mensch zu sein. Wenn Brabeck aber den Shareholder-Value von Nestlé nicht jährlich um einen bestimmten Prozentsatz hinaufjagt, ist er innerhalb kürzester Zeit seinen Job los. Punkt.

Dasselbe gilt beispielsweise auch für die Cargill-Gruppe, die letztes Jahr 29,8 Prozent allen gehandelten Getreides auf dieser Welt kontrollierte. Wenn der dortige Chief Executive Officer die Profitrate pro Jahr nicht massiv steigert, ist er weg. Das ist die strukturelle Gewalt auf unserem Planeten. Die Konzerndiktatur auf dieser Welt muss und kann gebrochen werden von den freien Bürgern und Bürgerinnen. Der französische Schriftsteller Georges Bernanos hat gesagt: "Dieu n'a pas d'autres mains que les nôtre" - Gott hat keine anderen Hände als die unseren. Entweder wir brechen diese kannibalische Weltordnung, oder es tut niemand. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 21.2.2013)

Jean Ziegler wurde 1934 als Hans Ziegler in Thun in der Schweiz geboren. Er ist Soziologe, Politiker und Autor. Von 1967 bis zu seiner Abwahl 1983 und erneut von 1987 bis 1999 war er Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. 2008 wurde Ziegler in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats gewählt. Bis 2002 war er außerdem Professor für Soziologie an der Universität Genf sowie ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris. Ziegler war befreundet mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die ihn veranlasste, seinen Vornamen in Jean zu ändern. Während Kubas Teilnahme an der ersten Weltzuckerkonferenz der UNO 1964 in Genf war er zwölf Tage lang der Chauffeur von Che Guevara. Er ist in zweiter Ehe mit der Kunsthistorikerin Erica Deuber-Ziegler verheiratet und Vater eines Sohnes.

Nachlese: STANDARD-Matinee im Burgtheater: "Wir dürfen Europa nicht kleinreden"

Jean Ziegler
Wir lassen sie verhungern
Die Massenvernichtung in der Dritten Welt

Verlag Bertelsmann
320 Seiten, 20,60 Euro

  • Jean Ziegler: "Keine Börse funktioniert im rechtsfreien Raum. Wäre der Druck der Bürgerinnen und Bürger stark genug, könnten Parlamente sofort eine Revision vornehmen und alle Marktteilnehmer, die weder Produzenten noch Verbraucher sind, vom Markt von Grundnahrungsmitteln ausschließen."
    foto: standard/matthias cremer

    Jean Ziegler: "Keine Börse funktioniert im rechtsfreien Raum. Wäre der Druck der Bürgerinnen und Bürger stark genug, könnten Parlamente sofort eine Revision vornehmen und alle Marktteilnehmer, die weder Produzenten noch Verbraucher sind, vom Markt von Grundnahrungsmitteln ausschließen."

  • Jean ZieglerWir lassen sie verhungernDie Massenvernichtung in der Dritten WeltVerlag Bertelsmann320 Seiten, 20,60 Euro
    foto: randomhouse
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