Neue Wege gegen die Grippe

7. Februar 2013, 12:47
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Mit einer neuen Therapie wollen Forscher nicht mehr die Viren selbst, sondern für sie lebensnotwendige körpereigene Proteine ausschalten

Medikamente gegen Viren zu entwickeln ist extrem schwierig – ständig verändern diese ihr Erbgut und passen sich neuen Umweltbedingungen an. Kaum wird ein Wirkstoff gegen ein Virus gefunden, ist er schon veraltet, weil die Viren resistent geworden sind.

In dem EU-geförderten FP7-Projekt ANTIFLU vom Berliner Max-Planck Institut für Infektionsbiologie und dem Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie gehen die Forscher einen ganz neuen Weg: nicht mehr die Krankheitserreger selbst werden angegriffen, sondern körpereigene Proteine gezielt ausgeschaltet, ohne die sich die Viren nicht vermehren können.

Proteinbildung verhindern 

Die Wissenschaftler haben eine Strategie entwickelt, bei der Wirkstoffe bestimmte Proteine in Zellen ausschalten, auf die Viren bei ihrer Vermehrung angewiesen sind. Die Forscher verwendeten dazu eine kurze synthetische RNA (Ribonukleinsäure), die komplementär zur Boten-RNA in der Zelle aufgebaut ist. Treffen die RNA-Sequenzen aufeinander, wird die Boten-RNA abgebaut, so dass kein neues Protein hergestellt werden kann.

"Mit dem Ausschalten von Proteinen dürfen wir natürlich keinen Schaden für die Zelle anrichten. Würde dadurch zum Beispiel die ganze Zelle absterben, hätten wir nichts gewonnen", sagt Forscher Jens von Kries vom Max-Planck Institut. Er und seine Kollegen überprüften in einer Studie mit 60.000 solcher kurzen RNAs darauf ob sie für die Vermehrung von Viren wichtig sind und ob gleichzeitig die Zelle deren Verlust über einen begrenzten Zeitraum verkraften kann. 

Etwa 300 Proteine in der Zelle haben sich als geeigneter Angriffspunkt für mögliche Therapien herausgestellt. Mit der Screening Unit des FMP, in deren Sammlung 35.000 Substanzen enthalten sind, suchen die Wissenschaftler nun für ausgewählte Proteine nach Wirkstoffen, die deren Funktion blockieren können. Im MPI wird anschließend die Wirkung in zellulären Systemen getestet, um nachzuweisen, dass auch die gefundenen chemischen Wirkstoffe die Virusreplikation hemmen können. Sind die wirksamen Substanzen identifiziert, müssen die Forscher noch sichergehen, dass sie nicht toxisch sind oder die Zellen schädigen.

Zusammenarbeit mit Hebrew University

So erhalten die Wissenschaftler durch sehr umfangreiches systematisches Ausprobieren mögliche Kandidaten für gute Wirkstoffe. Diese erforschen sie nun genauer: Sie nehmen etwa  das genaue Zusammenspiel zwischen Wirkstoff und Protein unter die Lupe. Die Projektpartner von der Hebrew University in Jerusalem entschlüsseln diese komplexe Struktur, um hinterher die Bindungsstärke und damit die Wirkung verbessern zu können.

Wer sich in diesem Jahr ein Grippevirus einfängt, muss sich allerdings mit den klassischen Methoden behelfen – Bettruhe, Tee und Wadenwickel. Bis ein neues Medikament auf dem Markt ist, vergehen wohl noch viele Jahre. Das EU-ANTIFLU-Konsortium geht aber immerhin davon aus, dass bereits zu Projektende die ersten klinische Studien starten können. (red, derStandard.at, 7.2.2013)

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    In Zukunft könnte es vielleicht schon bald ein wirksames Mittel gegen Influenza geben.

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