Immer mehr Ärzte machen weniger Hausbesuche

7. Februar 2013, 13:53
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Kann der Patient nicht zum Arzt, muss der Arzt zum Patienten - Das ist zwischen Krankenversicherungen und Ärzten vereinbart - Die Praxis sieht anders aus

Ob hohes Fieber oder Bettlägerigkeit: Die Gründe, warum Patienten krankheitsbedingt nicht zum Hausarzt gehen können, sind vielfältig. Hausbesuche ermöglichen es, sich trotzdem untersuchen zu lassen. Derartige Visiten sind nicht nur ein Service der Mediziner, sondern unter bestimmten Bedingungen sogar ein Muss. Wenn dem Patienten das Aufsuchen einer Ordination aus gesundheitlichen Gründen nicht zugemutet werden kann, muss er zu Hause behandelt werden. Welcher Arzt dafür zuständig ist, hängt von der jeweiligen Krankenkasse ab.

Ein Allgemeinmediziner mit Vertrag bei der Wiener Gebietskrankenkasse etwa ist dann zur Visite verpflichtet, wenn der Erkrankte im gleichen Abrechnungszeitraum bei ihm in Behandlung war oder wenn er der nächstgelegene Vertragsarzt ist. Fachärzte sind im Allgemeinen nicht zu Krankenbesuchen verpflichtet. Sie müssen Patienten nur unter besonderen Umständen zu Hause untersuchen - Vertragsfachärzte der Wiener Gebietskrankenkasse etwa dann, wenn "der Erkrankte schon bisher in ihrer Behandlung steht und wegen der gleichen Erkrankung nicht ausgehfähig wird".

Spital statt Hausbesuch

Den vertraglichen Vereinbarungen kommen aber offenbar nicht alle Allgemeinmediziner nach. "In den letzten Jahren gibt es zunehmend Beschwerden von Patienten, die bettlägerig sind und denen gesagt wird, sie sollen ins Spital fahren oder den Ärztenotdienst rufen", sagt Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte Österreichs. Das sei ein österreichweites Problem, allerdings bestünden regionale Unterschiede. In Wien etwa sei aufgrund der hohen Spitalsdichte die Verlockung groß, Patienten ins Krankenhaus zu schicken, anstatt sie selbst zu besuchen, sagt die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz. "Die Allgemeinmediziner machen viel zu wenige Hausbesuche", kritisiert sie. "In meiner Kindheit war es klar, dass der Mediziner nach Hause kommt, wenn es nötig ist - davon sind wir in Wien weit weg."

14 Beschwerden in Zusammenhang mit hausärztlichen Krankenbesuchen sind seit 2007 bei Pilz und ihrem Team eingelangt, österreichweite Daten liegen nicht vor. "Die Leute beschweren sich selten", erklärt Bachinger die geringe Zahl an Beanstandungen, "was bei uns landet, ist nur die Spitze des Eisbergs."

Beim Patientenservice der Ärztekammer Wien monierten etwas mehr Patienten. 56 Beanstandungen in Verbindung mit Visiten langten dort 2012 ein. Bei etwa der Hälfte davon war nach Schätzungen von Paul Prem, Leiter des Patientenservice, Nichterscheinen oder verspätetes Erscheinen des Arztes Grund der Beschwerde. Die Beanstandungen von Hausbesuchen haben bei der Wiener Ärztekammer im Jahresvergleich zugenommen, für Prem ist das aber kein Hinweis auf schlechte Leistungen der Ärzte. "Die Hemmschwelle, sich zu beschweren, ist niedriger geworden", sagt er.

Verweigerer sind Minderheit

Aus der Sicht von Ärztevertreter Rudolf Hainz sind verwehrte Visiten Einzelfälle. "Wenn ein Arzt sagt, er macht keine Hausbesuche, dann ist das nicht in Ordnung", erklärt der stellvertretende Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte Wien, "das ist aber sicher eine verschwindende Minderheit." Es sei wichtig, dass sich Patienten an die Spielregeln halten und Visiten rechtzeitig anmelden, betont Hainz. Bei hohem Patientenaufkommen wie in der Grippesaison ist in seinen Augen Flexibilität gefragt: "Wenn ich 30 Visiten am Tag habe, muss ich mir etwas überlegen." Beschwert sich ein Patient wegen eines nicht erfolgten Hausbesuches beim Patientenservice, wird der Arzt um eine Stellungnahme ersucht und genau geprüft, ob die Beanstandung berechtigt war. "Ist das der Fall, wird der Arzt vorgeladen und auf seine Pflichten aufmerksam gemacht", sagt Hainz. "Das ist ja auch in unserem Interesse."

Einen Grund, warum Hausbesuche bei manchen seiner Kollegen nicht zu den beliebtesten Aufgaben zählen, sieht Hainz in der Bezahlung. 37 Euro pauschal bekommt ein Hausarzt etwa von der Wiener Gebietskrankenkasse pro Visite. "Das ist bei Gott nicht viel", sagt Hainz - eine Ausrede ist das für ihn aber nicht. "Wenn ich Hausarzt bin, dann habe ich eine Verpflichtung gegenüber der Kasse und den Patienten." Einen möglichen Lösungsansatz sieht er im System. Wenn der Hausarzt endlich aufgewertet werden würde, könnten die Allgemeinmediziner ihre Aufgaben "effizienter und freudiger" wahrnehmen - auch die Hausbesuche.

Patientenanwalt Bachinger teilt diese Ansicht. Er führt die Verwehrung von Hausbesuchen auf die Überlastung der Allgemeinmediziner zurück. Daher sei es wichtig, die Strukturen zu überarbeiten und ein neues Modell der Primärversorgung zu schaffen.

Abklärung im Vorfeld

Bis diese Wünsche Realität werden, können sich Patienten bei Problemen an die Ombudsstellen der Landesärztekammern sowie an die Patientenanwaltschaften wenden. Patientenanwältin Pilz rät zudem, sich bei der Wahl des Hausarztes genau zu informieren, ob und zu welchen Bedingungen Hausbesuche durchgeführt werden. (Stefanie Rachbauer, derStandard.at, 7.2.2013)

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    Hausbesuche gehören nicht zu den beliebtesten Aufgaben des Allgemeinmediziners.

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