S&P: Singend auf den Abgrund zu

S&P soll falsche Modelle genutzt und Absprachen mit Investoren getroffen haben. Einige Analysten versuchten sich als Songwriter

Wien - Die Ratingagentur Standard & Poor's sorgt gerade dafür, dass die Talking Heads ein spätes Comeback feiern. Zu den Hits der in den 70er-Jahren groß gewordenen und längst aufgelösten New-Wave-Band zählte die Nummer "Burning down the house". Im März 2007 dichtete ein Analyst der Ratingagentur S&P den Liedtext um und verschickte seine Version des Songs via Mail an Kollegen: "Watch out, Housing market went softer, Cooling down, Strong market is now much weaker, Subprime is boi-ling o-ver, Bringing down the house".

Die E-Mail des Mitarbeiters "D" ist eines der Beweisstücke in der Klage der US-Regierung gegen S&P, die diese Woche in Kalifornien eingebracht wurde. Die inzwischen veröffentlichte Klageschrift gewährt einmalige Einblicke in die Arbeit der Ratingagentur. Die Dokumente veranschaulichen den Kampf der Bonitätshüter um immer neue Marktanteile und sind nach Ansicht von US-Justizminister Eric Holder der Beweis, dass Standard & Poor's Ratings bewusst manipuliert hat.

CDOs in C-Dur

Um die Bedeutung des umgedichteten Liedes zu verstehen, ist ein Blick zurück auf den Höhepunkt der US-Immobilienblase (2004-2006) notwendig: Banken vergaben damals Millionen von billigen Hypotheken an Schuldner mit oft zweifelhafter Bonität. Über Finanzinstitute an der Wall Street wurden diese Papiere gebündelt und als sogenannte Mortage Backed Securities (MBS) verkauft. Jede MBS benötigte ein Rating, je nach Qualität der zugrunde liegenden Hypotheken. In vielen Fällen wurden verschiedene MBS-Kategorien gemischt und als neues Finanzprodukt, als Collateralized Debt Obligation (CDO), verkauft. Die CDOs wurden ebenfalls von den Ratingagenturen bewertet. Dabei war es wichtig, dass die Wertpapiere nicht zu schlechte Ratings erhielten, um sie Investoren schmackhaft zu machen.

Die Klageschrift des US-Justizministeriums zeigt, dass S&P bis zuletzt davor zurückschreckte, eigene Beurteilungen zu korrigieren. Anfang 2007 stellte sich heraus, dass viele der von S&P geprüften MBS-Papiere überbewertet waren. Doch die verantwortlichen S&P-Manager lehnten laut Klage Downgrades mit Hinweis auf mögliche Verluste von Marktanteilen ab. In einem Fall wurden nach Rücksprache mit einer Investmentbank die Ratingkriterien so angepasst, dass Wertpapiere besser bewertet werden konnten. Intern machte sich Mitarbeiter "D" über den Vorgang mit dem Talking Heads Song lustig. Später wurde per Mail ein Video bei S&P verschickt, indem Mitarbeiter die abgewandelte Nummer sangen.

Vorgeworfen wird S&P auch von Anfang an bewusst falsche Modelle verwendet zu haben: Ein großer Teil der Klage dreht sich um das Computerprogramm "LEVEL". S&P nutzte das Programm, um die Qualität der von den Banken vergebenen Hypotheken zu bewerten. "LEVEL" baute auf historische Erfahrungen in den USA mit 166.000 Hypothekenkrediten auf, etwa wenn es darum ging, genaue Ausfallsraten zu berechnen.

Doch wie sich herausstellte, waren die historischen Daten zu optimistisch für die Realität. Bereits 2002 erstellte S&P ein neues Programm basierend auf fast 650.000 Hypothekenkrediten. Das neue Modell hätte für viele Produkte schlechtere Ratings gebracht. Deshalb gelangte das Programm nie zum Einsatz - das Management fürchtete bei zu strengen Kriterien Marktanteile an die Konkurrenten Fitch und Moody's zu verlieren.

In der Klageschrift gibt es auch viele Verweise auf dubiose Praktiken bei Moody's und Fitch. Die Vorwürfe gegen S&P würden "auf alle Mitbewerber zutreffen. Es könnte aber sein, dass die Regierung lediglich über interne Emails von S&P verfügt, die eine Klage unterstützen", sagt Jeffrey Manns, Rechtsprofessor an der George Washington University dem Standard.

Er hält die Klage des US-Justizministeriums für einen "Warnschuss" für die Branche. Denn die Regierung berufe sich auf ein Gesetz, das großen Interpretationsspielraum zulässt, um S&P unter Druck zu setzen und ein Schuldeingeständnis abzuringen. "Wenn sich S&P schuldig bekennt, würde die Agentur die Büchse der Pandora öffnen", mahnt Manns. "Dann würden zivile Prozesse von Geschädigten folgen. Das würde S&P zerstören und das Geschäftsmodell aushöhlen."

"S&P zerstören"

Für Manns läuft das eingeleitete Verfahren auf einen Vergleich hinaus, möglicherweise mit einer Milliardenstrafe. Denn das US-Justizministerium klagt auf bis zu fünf Milliarden Dollar Strafe. Denn Banken und Kreditgenossenschaften hatten mit 40 CDOs, die von S&P bewertet wurden, mehr als fünf Mrd. Dollar verloren. Die Bonitätsprüfer von S&P hatten allerdings lediglich 13 Millionen Dollar mit diesen Bewertungen verdient. Rechtsprofessor Manns geht davon aus, dass ein teurer Vergleich das Ratinggeschäft umkrempeln könnte: "Ratingagenturen verdienen ihr Geld mit Masse. Für jedes einzelne Rating bekommen sie relativ wenig Geld im Vergleich zur Größe der Emission. Wenn sie jetzt haftbar für die Wertpapiere sind, dann würde das das Geschäftsmodell infrage stellen." (Lukas Sustala, András Szigetvari, DER STANDARD, 7.2.2013)

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