S&P: Singend auf den Abgrund zu

Lukas Sustala, András Szigetvari
6. Februar 2013, 20:53

S&P soll falsche Modelle genutzt und Absprachen mit Investoren getroffen haben. Einige Analysten versuchten sich als Songwriter

Wien - Die Ratingagentur Standard & Poor's sorgt gerade dafür, dass die Talking Heads ein spätes Comeback feiern. Zu den Hits der in den 70er-Jahren groß gewordenen und längst aufgelösten New-Wave-Band zählte die Nummer "Burning down the house". Im März 2007 dichtete ein Analyst der Ratingagentur S&P den Liedtext um und verschickte seine Version des Songs via Mail an Kollegen: "Watch out, Housing market went softer, Cooling down, Strong market is now much weaker, Subprime is boi-ling o-ver, Bringing down the house".

Die E-Mail des Mitarbeiters "D" ist eines der Beweisstücke in der Klage der US-Regierung gegen S&P, die diese Woche in Kalifornien eingebracht wurde. Die inzwischen veröffentlichte Klageschrift gewährt einmalige Einblicke in die Arbeit der Ratingagentur. Die Dokumente veranschaulichen den Kampf der Bonitätshüter um immer neue Marktanteile und sind nach Ansicht von US-Justizminister Eric Holder der Beweis, dass Standard & Poor's Ratings bewusst manipuliert hat.

CDOs in C-Dur

Um die Bedeutung des umgedichteten Liedes zu verstehen, ist ein Blick zurück auf den Höhepunkt der US-Immobilienblase (2004-2006) notwendig: Banken vergaben damals Millionen von billigen Hypotheken an Schuldner mit oft zweifelhafter Bonität. Über Finanzinstitute an der Wall Street wurden diese Papiere gebündelt und als sogenannte Mortage Backed Securities (MBS) verkauft. Jede MBS benötigte ein Rating, je nach Qualität der zugrunde liegenden Hypotheken. In vielen Fällen wurden verschiedene MBS-Kategorien gemischt und als neues Finanzprodukt, als Collateralized Debt Obligation (CDO), verkauft. Die CDOs wurden ebenfalls von den Ratingagenturen bewertet. Dabei war es wichtig, dass die Wertpapiere nicht zu schlechte Ratings erhielten, um sie Investoren schmackhaft zu machen.

Die Klageschrift des US-Justizministeriums zeigt, dass S&P bis zuletzt davor zurückschreckte, eigene Beurteilungen zu korrigieren. Anfang 2007 stellte sich heraus, dass viele der von S&P geprüften MBS-Papiere überbewertet waren. Doch die verantwortlichen S&P-Manager lehnten laut Klage Downgrades mit Hinweis auf mögliche Verluste von Marktanteilen ab. In einem Fall wurden nach Rücksprache mit einer Investmentbank die Ratingkriterien so angepasst, dass Wertpapiere besser bewertet werden konnten. Intern machte sich Mitarbeiter "D" über den Vorgang mit dem Talking Heads Song lustig. Später wurde per Mail ein Video bei S&P verschickt, indem Mitarbeiter die abgewandelte Nummer sangen.

Vorgeworfen wird S&P auch von Anfang an bewusst falsche Modelle verwendet zu haben: Ein großer Teil der Klage dreht sich um das Computerprogramm "LEVEL". S&P nutzte das Programm, um die Qualität der von den Banken vergebenen Hypotheken zu bewerten. "LEVEL" baute auf historische Erfahrungen in den USA mit 166.000 Hypothekenkrediten auf, etwa wenn es darum ging, genaue Ausfallsraten zu berechnen.

Doch wie sich herausstellte, waren die historischen Daten zu optimistisch für die Realität. Bereits 2002 erstellte S&P ein neues Programm basierend auf fast 650.000 Hypothekenkrediten. Das neue Modell hätte für viele Produkte schlechtere Ratings gebracht. Deshalb gelangte das Programm nie zum Einsatz - das Management fürchtete bei zu strengen Kriterien Marktanteile an die Konkurrenten Fitch und Moody's zu verlieren.

In der Klageschrift gibt es auch viele Verweise auf dubiose Praktiken bei Moody's und Fitch. Die Vorwürfe gegen S&P würden "auf alle Mitbewerber zutreffen. Es könnte aber sein, dass die Regierung lediglich über interne Emails von S&P verfügt, die eine Klage unterstützen", sagt Jeffrey Manns, Rechtsprofessor an der George Washington University dem Standard.

Er hält die Klage des US-Justizministeriums für einen "Warnschuss" für die Branche. Denn die Regierung berufe sich auf ein Gesetz, das großen Interpretationsspielraum zulässt, um S&P unter Druck zu setzen und ein Schuldeingeständnis abzuringen. "Wenn sich S&P schuldig bekennt, würde die Agentur die Büchse der Pandora öffnen", mahnt Manns. "Dann würden zivile Prozesse von Geschädigten folgen. Das würde S&P zerstören und das Geschäftsmodell aushöhlen."

"S&P zerstören"

Für Manns läuft das eingeleitete Verfahren auf einen Vergleich hinaus, möglicherweise mit einer Milliardenstrafe. Denn das US-Justizministerium klagt auf bis zu fünf Milliarden Dollar Strafe. Denn Banken und Kreditgenossenschaften hatten mit 40 CDOs, die von S&P bewertet wurden, mehr als fünf Mrd. Dollar verloren. Die Bonitätsprüfer von S&P hatten allerdings lediglich 13 Millionen Dollar mit diesen Bewertungen verdient. Rechtsprofessor Manns geht davon aus, dass ein teurer Vergleich das Ratinggeschäft umkrempeln könnte: "Ratingagenturen verdienen ihr Geld mit Masse. Für jedes einzelne Rating bekommen sie relativ wenig Geld im Vergleich zur Größe der Emission. Wenn sie jetzt haftbar für die Wertpapiere sind, dann würde das das Geschäftsmodell infrage stellen." (Lukas Sustala, András Szigetvari, DER STANDARD, 7.2.2013)

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Verlauf eines E-Mail-Austauschs von S&P Mitarbeiter

«Es gibt grossen internen Druck bei S & P, frühere Deals herabzustufen. Doch das Management hat Angst, dass Klienten sauer werden könnten, und will deshalb nicht vor Fitch und Moody's vorpreschen.»

Dem Gesprächspartner leuchtet offensichtlich ein, dass hier Zündstoff vorhanden ist. «Das Geschäft könnte total durchgerüttelt werden», antwortet der Investmentbanker. «Ich meine, ‹come on›, wir zahlen euch dafür, dass ihr unsere Deals bewertet, und je besser das Rating, desto mehr Geld machen wir?!?! Wie kann denn das sein? Wie könntet ihr jemals unabhängig sein????»
http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaf... y/26117412

Einsperren und Schlüssel wegwerfen!

"Für Manns läuft das eingeleitete Verfahren auf einen Vergleich hinaus, möglicherweise mit einer Milliardenstrafe. Denn das US-Justizministerium klagt auf bis zu fünf Milliarden Dollar Strafe." und alle anderen Geschädigten (z.B. Europa) gehen leer aus?

Das ist ja das Traurige:

Die "Strafe" zahlt der Eigentümer von S&P, das Management sowie die Begeber und Profiteure der Schrottanleihen sind hochweiss und gehen nicht in den Häfen, wo sie hingehören. Und alle die vom "Geschäftsmodell" der Ratingagenturen geschädigt sind (Z.B. die ganze EU, aus Ratings und der Kaskadenwirkung des Immobilien-Crashs in den USA) gehen leer aus.

Lesetipp: Prager, Christoph - Ratingagenturen. Funktionsweisen eines neuen politischen Herrschaftsinstruments

https://www.anarchia-versand.net/Buecher-u... :3881.html

...das Geschäftsmodell infrage stellen...: endlich

"Geschäftsmodell" klingt so business-like/erfolgsorientiert und anstrebenswert. (Es geht wie gesagt nicht um leistung, sondern um gewinn).
Wenn man bedenkt, dass auch die Mafia Geschäftsmodelle hat, oder der Fussball-Wettbetrug aus Singapure, oder auch die (aktuellen) Kreditkartenbetrüger auch Modelle für Markt-Nischen entwickelt haben, sollten man die Botschaft, die mit dem Begriff "Geschäftmodellen" verbunden ist mal etwas kritischer ansehen.

"...das Management fürchtete bei zu strengen Kriterien Marktanteile an die Konkurrenten Fitch und Moody's zu verlieren."

Dieser Satz sagt alles aus!

Was ich witzig finde, der Beihilfstäter der 13Millionen verdient hat wird angeklagt. Die Haupttäter, die Begeber der MBS/CDO sind vollkommen schuldlos. Die haben anscheinend unwissentlich wertlose Kredite gebündelt, dummerweise ein gutes Rating bekommen und dadurch ihren Schrott erfolgreich verkaufen können.
Nicht falsch verstehen, ich befürworte die Anklage. Aber ich kann es irgendwie nicht ganz glauben, dass die Begeber der MBS/CDOs komplett schuldlos sind.

Ich glaub, da beißt sich die Katze in den Schwanz ... Haben diese Firmen die Bundles deswegen so zusammengestellt, weil sie erwarten konnten, dass es trotzdem ein gutes Rating geben wird? Oder wurden diese Bundles schon vorher zusammengestückelt, um sie gierigen Investoren schmackhafter zu machen und das Rating hat nur den Zuckerguss draufgesetzt?

was i von anfang an gsagt hab

die ratings dienen ausschließlich dazu
horrende kursgewinne
durch termingeschäfte an den börsen
zu erzielen

Lachend in die Kreissäge

Der ganze Vorstand 5 Jahre Entwicklungsarbeit in der Dritten Welt.

und dazu noch Goldman Sachs zerschlagen und Blankfein in den Häfn

Poor & Standard - ist der neue Firmenname nach dem Vergleich

MAFIA - auch das ist nichts anderes, als organisiertes Verbrechen.

Und wir alle sehen zu...

nicht viel anders agiert wie Madoff

sollte unter'm Strich eine ähnliche Strafe ergeben. Ich halt die Daumen.

Zeit wirds ...

dass diesen Schutzgeldbaronen das Handwerk gelegt wird.
Ein bitterer Beigeschmack bleibt:
1. Greifen die USA S&P nicht an, weil ein ehrlicherer Markt erwünscht ist, sondern weil S&P es gewagt hat, die USA herabzustufen.
2. Vergleich bedeutet, dass die Aktionäre bzw. S&P/Eigentümer die Zeche zahlen und das korrupte Management frei geht statt im Häfen zu landen.
So wird sich wenig ändern.

Das System frisst seine Kinder. Endlich.

Solange nur Geldstrafen verhängt werden, ändert sich da gar nichts.

Schaun wir mal. F.D. Roosevelt war da wenig zimperlich, die Vorgänger der Herrschaften von heute kriegten zum Teil wirklich saftige Gefängnisstrafen aufgebrummt.

Zuständiger Herr für die Beibringung der nötigen Beweise damals übrigens: Joseph Kennedy, der Vater von eben dem. Selbst eine ziemlich zwielichtige Figur in der Spekulationsszene, aber eben deshalb wurde er engagiert von Roosevelt. Dessen Begründung: Man benötige eben einen, der die linken Nummern kenne. Und tatsächlich machte er einen recht guten Job.

stimmt
aber die amis sind da weniger zimperlich
al capone musste wegen steuerhinterziehung einsitzen

wirst sehen, das kommt noch.

Ja, diesen Hedgefonds-Inder und den Madoff haben sie auch kassiert. Die Hoffnung besteht.

Liebe Amis, den Kapitalismus(gebündeltes Wirtschaftskonstrukt d. menschl. Gier) interessieren keine "öffentlichen Interessen", noch immmmmmer nicht kapiert!?!?

Rate sich wer kann!

Warum die Leute 2009 überrascht waren, ist mir nicht klar.

In 2003 bekam man Angebote
"Hypothek, 0.5% Zinsen" etc, mit bis zu 150% Beleihung, ohne weitere Sicherheiten.
Für jeden klar denkenden Menschen waren das Selbstmordangebote der Anbieter, oder Kredithaie mit extrem klein Gedrucktem.

Also Idioten oder Verbrecher.

Hat sich ja auch vollkommen bewahrheitet. Schade dass es für alle anderen so teuer geworden ist.

Nur diese Überraschung ist mir nicht klar. Warum?

Wenn ich dem Sandler am Eck 200 Euro gebe und sage er möge es mir in 20 Raten jeden Montag zurückgeben, dann bin ich was? Na, wenigstens gutgläubig. Und wer von dem dann die CDO kauft...naja...

Leute, wirklich.
Wer diesen nutzlosen Fuzzis nen Job gibt, ok. Aber Entscheidungen oberhalb 500 Euro sollten andere treffen. Wirklich.

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