"Man findet Gefallen daran, dass man nichts braucht"

Interview6. Februar 2013, 18:29
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Christoph Luser spielt in der Dramatisierung von Thomas Bernhards Roman "Der Untergeher"

 Im Gespräch sagte er, wie er sich in Südamerika wiederfand und was er an Bernhard liebt

STANDARD: Sie haben als sehr junger Mann eine Blitzkarriere in Deutschland gemacht. Am Schauspielhaus Graz spielen Sie jetzt zum ersten Mal?

Christoph Luser: Ja. Dabei bin ich hier aufgewachsen und auch hier auf die Schauspielschule gegangen. Ich hab schon mit 16 die Aufnahmeprüfung gemacht, hab dann angefangen zu studieren, bin aber mit 19 ins Engagement nach Düsseldorf - zu Anna Badora.

STANDARD: Die war damals Intendantin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Also eine Rückkehr in zweierlei Hinsicht.

Luser: Irgendwie. Ich war auch noch acht Jahre an den Kammerspielen München, und Anna hat mich öfter gefragt, es hat aber nie gepasst. Obwohl ich Interesse hatte, hier einmal zu arbeiten.

STANDARD: Also kein Grazer, der seine Heimatstadt meidet?

Luser: Nein, überhaupt nicht, ich bin wahnsinnig gern hier. Ich bin auch familiär sehr verwurzelt. Mein Bruder Constantin ist Künstler, mein Bruder Clemens und mein Vater sind Architekten hier. Außerdem wollte ich auch immer was Österreichisches machen.

STANDARD: Thomas Bernhard?

Luser: Genau. Ich bin unheimlich froh über den Zeitpunkt, den Ort und darüber, dass wir mit diesem Roman arbeiten. Mit der Regisseurin Christiane Pohle hab ich noch nie gearbeitet, kenne sie aber aus den Kammerspielen - aus der Kantine. Ich hatte sofort Lust, mit ihr was zu machen, weil man voneinander weiß, wie man über Theater denkt. Das passt bei uns.

STANDARD: Können Sie sich mit 33 an Thomas Bernhard erinnern?

Luser: Ich hab ihn als Kind schemenhaft wahrgenommen. Aber ich habe mich tatsächlich seit meiner Jugend durchgehend mit Thomas Bernhard beschäftigt, weil ich den so interessant fand. Erst mal die Brutalität im Erzählen, die er hatte, dann die ewigen Widerstände, die er überwinden musste - in der Gesellschaft und gesundheitlich. Das war ein Antrieb für ihn. Das ist auch interessant als Schauspieler. Eben nicht: Man richtet es sich gemütlich ein auf der Bühne oder in einer Figur, sondern man geht von nichts aus und lässt sich über einen Text wo hinführen. Und er hat sein eigenes Verhältnis zu dem Heimatland infrage stellt. Er hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, was das hier für eine Gesellschaft ist.

STANDARD: Erkennen Sie im heutigen Österreich jene Gesellschaft wieder, die er beschrieben hat?

Luser: Also bei der Tagespolitik ist es für mich so, dass ich überhaupt nicht mehr durchblicke. Ich traue überhaupt niemandem mehr.

STANDARD: Sind Sie ein Bernhard im Körper eines Schauspielers?

Luser: Vielleicht. Was er auch gehasst hat, sind die, die sich auf etwas festlegen. Das gibt es in Deutschland auch, aber es ist etwas total Österreichisches. Jeder schaut, dass er etwas abkriegt vom Kuchen, und hält daran fest. Wenn ich mich am Burgtheater umschaue, da richten es sich Leute über Jahrzehnte ein wie Beamte.

STANDARD: In Graz läuft gerade wieder eine Produktion von Viktor Bodó. Die Situation für Theatermacher in Ungarn ist katastrophal. Würden Sie sich mehr Solidaritätsaktionen in der EU wünschen?

Luser: Man könnte sich auch mehr Aktionen für die Flüchtlinge in der Votivkirche wünschen. Würde man sich alles wünschen. Es findet aber nichts statt. Und selber ist man auch nicht so. Ich geh auch nicht hin. Warum eigentlich nicht? Das verärgert mich oft, weil man sich allem so ergibt.

STANDARD: Aber Sie könnten ja noch in die Votivkirche gehen.

Luser: Ja, sicher. Ich weiß nicht. Man ist sehr schnell überfordert. Es müssten zumindest alle für die Flüchtlinge protestieren und die Leute aufklären, was wirklich passiert. Auch in Ungarn. Da geht es doch eh schon seit Jahren so, dass zum Beispiel kritische Intendanten einfach ausgetauscht werden. Neonaziaufmärsche. Niemand macht was. Und in Europa sehe ich einen Sumpf, wo es schwierig ist, Köpfe rauszusuchen.

STANDARD: Hat es Ihnen geschadet, so schnell aufzusteigen?

Luser: Ich hab schon mit acht Jahren angefangen zu spielen und bin über das Ballett zur Bühne gekommen. Dass musste ich aber beenden wegen einer Wachstumsentzündung im Knie. Mir gefiel diese Strenge am Ballett, aber ich hab auch immer welche vor mir gesehen, die besser waren, unerreichbar. So gesehen war es besser für mich aufzuhören.

STANDARD: Da ging es Ihnen ja wie den Pianisten, die im "Untergeher" Glenn Goulds Weg kreuzen?

Luser: Eigentlich sind das zwei Fallbeispiele, wie man damit umgehen kann. Hängt man dem ewig hinterher und versucht es trotzdem? Oder trennt man sich und macht was ganz was Anderes, zieht weg, holt sich völlig raus.

STANDARD: Sie haben sich schon einmal ganz rausgeholt?

Luser: Es rettet einen, wenn man die Kraft hat, sich anzuschauen, wer man eigentlich ist. Ich hatte eigentlich nach zehn Jahren ein Burnout. Ich weiß, es ist nicht leicht ein Fixengagement zu bekommen. Aber es ist auch nicht leicht, rauszukommen. Ich hatte nie eine Phase, wo ich überlegen musste, was ich will. Das hat mich relativ schnell ermüdet. Ich dachte: "So, jetzt hab ich eh schon alles gesehen." Ich war deprimiert.

STANDARD: Wie haben Sie reagiert?

Luser: Ich bin freier Schauspieler geworden. Dann hab ich einen totalen Schnitt gemacht und bin ein Jahr nach Südamerika. Ich war in Buenos Aires. Da hab ich einen Tangokurs gemacht und Spanisch gelernt. Herrlich: sich nicht mehr über den Beruf zu definieren, sondern nur über die eigene Persönlichkeit. Weil du niemanden kennst. Du bringst nichts mit, außer neugierige Augen. Das ist gut für den Selbstwert. Und die Lust aufs Spielen kam auch wieder. Frei bin ich geblieben. Ich habe keinen wirtschaftlichen Stress, weil ich noch keine Familie habe. Ich habe seit damals auch keine Wohnung mehr. Man findet Gefallen daran, dass man nichts braucht. Ich suche Sicherheit lieber in zwischenmenschlichen Beziehungen als in vier Wänden.

STANDARD: Sie haben schon zahlreiche Klassiker gespielt. Wen wollen Sie noch unbedingt spielen?

Luser: Es gibt Rollen, die würde ich gerne noch einmal spielen. Ich hab mit 23 den Alfred aus Geschichten aus dem Wienerwald gespielt. Da hab ich von Anfang an gewusst, ich liebe diese Figur, aber ich bräuchte für ihn eine gewisse Lebenserfahrung. Der würde mich wieder interessieren. (Colette Schmidt, DER STANDARD, 7.2.2013)

Christoph Luser (33) wurde mit 21 für seine Rolle in Igor Bauersimas " norway.today" von "Theater heute" zum Nachwuchsschauspieler des Jahres gekürt. Er arbeitete mit Regisseuren wie Jürgen Gosch, Thomas Bischof oder Lars Ole-Walburg und spielte in Wolfgang Murnbergers Kinofilm "Der Knochenmann". Nach Engagements am Schauspielhaus Düsseldorf und den Münchner Kammerspielen arbeitet er als freier Schauspieler. Derzeit ist er am Burgtheater, ab 14. 2. in Graz zu sehen.

  • Christoph Luser über Thomas Bernhard: "Er hat sein eigenes Verhältnis zu dem Heimatland infrage gestellt. Er hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, was das hier für eine Gesellschaft ist." 
    foto: harry schiffer

    Christoph Luser über Thomas Bernhard: "Er hat sein eigenes Verhältnis zu dem Heimatland infrage gestellt. Er hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, was das hier für eine Gesellschaft ist." 

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