Adoptivvater niedergestochen: Ein Opfer auf der Anklagebank

6. Februar 2013, 17:56
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Eine 32-Jährige muss sich wegen versuchten Totschlags vor Gericht verantworten, nachdem sie ihrem Adoptivvater zweimal ins Herz gestochen hat. Sie leidet an einem Borderline-Syndrom - da sie eine furchtbare Kindheit gehabt haben soll

Wien - Eigentlich muss man mit Dagmar S. fast Mitleid haben. Die 32-Jährige kauert auf der Anklagebank im Wiener Landesgericht, bittet manchmal mit leiser, kindlicher Stimme um eine Pause - "ich halte das nervlich nicht aus", sagt sie. "Das" ist ihr Prozess, da sie im Vorjahr ihrem Adoptivvater zweimal ins Herz gestochen hat, was der nur knapp überlebt hat.

Eigentlich ist sie selbst ein Opfer. Auch die durch Ursula Kropiunig vertretene Staatsanwaltschaft scheint Mitleid zu haben. Denn die Anklage lautet nicht auf Mordversuch, sondern versuchten Totschlag.

Adoptivvater soll Angeklagte missbraucht haben

Ingrid Urlesberger, die Vorsitzende des Schöffensenates, lässt die Akademikerin ganz vorne beginnen. Und so erzählt die 32-Jährige, dass sie von ihrer alkoholkranken Mutter zur Adoption freigegeben worden ist. Der neue Vater war ein Kriminalbeamter, die Mutter brutal. Sie sei von der geschlagen und gedemütigt worden, bis sich das Paar scheiden ließ, als sie in der Volksschule war.

Doch auch danach wurde es nicht besser, sagt selbst Staatsanwältin Kropiunig in ihrem Eröffnungsplädoyer. "Der Adoptivvater hat sich um sie in einer Form gekümmert, die man von einem Vater nicht erwarten würde", drückt sie euphemistisch aus, was die Angeklagte erzählt hat. Dass der heute 70-Jährige sie jahrelang sexuell missbraucht haben soll.

Borderline-Syndrom

Laut der psychiatrischen Sachverständigen Gabriele Wörgötter hatte das verheerende Folgen: Dagmar S. entwickelte ein Borderline-Syndrom, unternahm Selbstmordversuche. Was im März 2012 passiert ist, sei aber ein Unfall gewesen, beharrt die Angeklagte. Damals wurden ihr in Wien von einem Güterzug beide Unterschenkel abgetrennt.

Danach kam sie in ein psychiatrisches Krankenhaus, das sie am Tag vor der Tat aber verließ. Wohl stark beeinflusst von ihrem damaligen Freund, der als Zeuge sehr dominant auftritt. "Ich habe das damals so entschieden", erklärt er, warum er überzeugt war, seine Partnerin brauche keine Behandlung.

Stattdessen wälzte man Zukunftspläne. "Ich hatte ja keine Wohnung, keine Familie und keine Füße", sagt Dagmar S. unter Tränen. Das Wohnungsproblem wollte man lösen, indem man mit dem Adoptivvater sprach. " Der hat aber immer gesagt, dass ich zurück ins Spital soll und dann doch wieder nicht."

Mit Rollstuhl zur Tatwaffe

Das habe sie aufgewühlt, schließlich sei sie in die Küche gerollt und habe ein Messer mit acht Zentimeter langer Klinge geholt. Als sie neben dem Opfer auf der Couch saß, stach sie unvermittelt zweimal auf ihn ein, ehe ihr Freund sie zurückhielt.

Nach über fünf Stunden Verhandlung erklärt sich der Senat schließlich für unzuständig: Eine Mordabsicht könne nicht ausgeschlossen werden, daher ist ein Geschworenengericht zuständig. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 7.2.2013)

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