"Wir Muslime in Europa sind keine Opfer"

Interview7. Februar 2013, 10:00
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Religionspädagoge Ednan Aslan über den Euro-Islam, die Rolle der Frauen und muslimisches Beleidigtsein

Muslime sollen sich ihren Schwächen stellen, fordert Ednan Aslan. Für den wissenschaftlichen Leiter des Masterstudiums Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien ist eine europäische Prägung des Islams nicht nur möglich, sondern auch notwendig, wenn Muslime in Europa nicht immer als fremd wahrgenommen werden wollen. Von den Muslimen wünscht sich Aslan mehr Gelassenheit und Selbstkritik, die Angst vor dem Islam unter der Bevölkerung will er nicht gleich als ausländerfeindlich abstempeln. Und was die Benachteiligung der Frauen im Islam anbelangt, sieht der Religionspädagoge noch sehr viel Aufholbedarf, aber auch schon kleine Fortschritte.

daStandard.at: Es gibt in der westlichen Welt oft den Vorwurf des allzu schnellen Beleidigtseins der Muslime, wenn es um Karikaturen des Propheten oder Religionssatire geht. Sie haben während der gewaltsamen Proteste gegen das Mohammed-Video im vergangenen Jahr für mehr Sachlichkeit und Gelassenheit unter den Muslimen in Österreich plädiert. Warum war dieser Aufruf notwendig?

Aslan: Wir Muslime leben seit langem in Europa, aber was das Leben hier konkret für uns bedeutet, haben wir noch immer nicht verstanden. In einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft zu leben setzt bestimmte Kompetenzen voraus. Wir können nicht von allen Menschen erwarten, dass sie unsere religiösen Inhalte genauso respektieren und den Propheten genauso verehren. Proportional zur Weltbevölkerung betrachtet stellen die Muslime nur einen gewissen Anteil, welcher nicht der Welt diktieren kann, wie sie mit islamischen Werten umgehen soll. Diese Erwartung, dass man uns genauso versteht, wie wir uns selbst definieren, ist  falsch.

daStandard.at: Wie definieren sich die Muslime?

Aslan: Religion ist kein abgeschlossener Prozess und kann nur im Wandel verstanden werden. Deshalb müssen Muslime lernen, die Religion neu zu definieren: Was bedeutet es, Moslem zu sein im europäischen Kontext? Die europäische Prägung des Islam ist eine besondere Aufgabe für die Muslime, die ihre Zukunft in Europa gestalten wollen.

daStandard.at: Kann es einen Euro-Islam überhaupt geben?

Aslan: Wenn der Islam nicht europäisch geprägt wird, dann hat er keine Zukunft in Europa oder wird immer als fremdes Phänomen wahrgenommen.

daStandard.at: Wie sieht so ein europäisch geprägter Islam konkret aus? Sollen die Muslime ihre Werte oder ihr Verhalten ändern?

Aslan: Wenn wir zum Beispiel bei den Karikaturen bleiben, dann bedeutet europäische Prägung, von Nichtmuslimen nicht zu erwarten, dass sie Mohammed gleich verehren, wie die Muslime selbst das tun. Bei einem Islam mit pakistanischer Prägung könnten wir das vielleicht erwarten, aber im europäischen Kontext sollten die Muslime  in der Lage sein, mit verschiedenen Ansichten und Wertvorstellungen umzugehen. Das bedeutet, dass die Muslime ihre eigene Religion im europäischen Kontext selbst definieren sollten. Es bedeutet aber nicht, dass sie auf ihre eigenen Werte verzichten müssen, sondern diese im europäischen Kontext neu verstehen und auch kritisch hinterfragen.

daStandard.at: Sie regen also auch zur Selbstkritik im Islam an?

Aslan: Ohne Selbstkritik und kritische Reflexion eigener Tradition können wir keine Zukunft gestalten. Die Neugestaltung der Zukunft setzt voraus, dass man sich mit seiner eigenen Geschichte kritisch auseinandersetzt. Ich meine, wir Muslime sollten in der Lage sein, auch die Fragen zu beantworten, die wir aus unserer eigenen Tradition nicht kennen.

daStandard.at: Wie reagieren Muslime und islamische Vereine in Österreich auf Ihre Forderung der kritischen Selbstreflexion? Werden Sie dafür kritisiert?

Aslan: Wie viel Prozent der Muslime ich mit solchen Ideen erreichen kann, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht der Einzige bin, der solche Positionen vertritt. Aber den inneren Wandel können wir nicht künstlich beschleunigen, wir arbeiten noch daran. An der Universität setzen wir uns mit dem Islam in Österreich erst seit 2007 auseinander, wir haben mit der neuen Deutung des Islam erst angefangen. Diesen Wandel kann man ohne akademische Kompetenzen nicht bewerkstelligen. Aber wenn man sagt: Ihr müsst die ganze Geschichte über Nacht neu definieren, dann ist das Ganze zum Scheitern verurteilt.

daStandard.at: Sie haben verschiedene Bücher herausgebracht, auch zur Ausbildung der Imame in Österreich. Oft wird kritisiert, dass Imame nicht in Österreich ausgebildet werden oder immer noch antisemitische und frauenfeindliche Tendenzen im Religionsunterricht oder in Moscheen verbreitet werden. Wie versuchen Sie dem entgegenzuwirken?

Aslan: Wichtig ist zunächst, dass die Muslime sich ihren Schwächen stellen. Wenn wir Muslime unsere Schwächen ignorieren, werden nicht in der Lage sein, unsere Stärken zu fördern.

daStandard.at: Was sind diese Schwächen?

Aslan: Dass wir uns einfach dieser Frage, die Sie gerade gestellt haben, nicht stellen können. Wenn die historische Darstellung der Frauen im Islam frauenfeindlich ist, dann müssen wir uns dieser Frage stellen und nicht einfach ignorieren, dass die islamische Theologie die Frauen benachteiligt. Zunächst müssen wir feststellen, dass die klassische islamische Theologie die Bildung der Frauen nicht als notwendig betrachtet. Aber was tun wir? Wir versuchen trotz dieser Tatsache eine falsche Position als Islam zu verteidigen.

Dadurch betrachten die Muslime die Welt immer aus einer Opfer- oder Abwehrrolle. Wir Muslime in Europa sind keine Opfer, wir sind gleichberechtigte Bürger dieses Landes. Wenn es zu kritisch wird, können wir uns nicht in die Isolation zurückziehen und die klassischen Positionen verteidigen. Das hilft uns nicht.

daStandard.at: Unter der österreichischen Bevölkerung wird der Islam von manchen immer als noch bedrohlich wahrgenommen, und dann gibt es noch diesen scheinbar sehr starken Störfaktor: das Kopftuch. Wie gehen Sie auf solche Angst und Ablehnung ein?

Aslan: Wissen Sie, es gibt in der Gesellschaft Angst, die berechtigt ist, aber wir haben natürlich auch mit einer historisch begründeten Angst zu tun, die in der Realität nicht zu verstehen ist. Es gibt Rassismus und Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft. Auf der anderen Seite haben wir aber auch muslimische Realität, die Angst fördert, mit isolierten Stadtteilen und Wertvorstellungen. Da gibt es Strukturen, die in der Isolation gepflegt werden, und Gruppen, die die Mitte der Gesellschaft meiden. Das fördert und beliefert die vorhandene Angst vor dem Islam und verhindert den Dialog.

Aber die vorhandene Angst vor dem Islam können die Muslime alleine nicht verantworten. Es gibt Parteien und politische Bewegungen in Europa, die aus dieser Angst Gewinn schöpfen. In meinem Beruf achte ich mehr darauf, was die Muslime leisten können, damit wir diese Angst zunächst verstehen und mit falschen Beiträgen nicht fördern. Eine ältere Frau im 10. Wiener Bezirk vermisst natürlich ihre eigene Geschichte und hat Angst vor neuen Entwicklungen. Dann sollten Muslime diese Angst nicht als ausländerfeindlich verurteilen, sondern versuchen zu verstehen, warum diese alte Frau Angst hat. Es ist notwendig, dass wir bestimmte Ängste und Vorurteile sachlich diskutieren können. Der Dialog ist eine Herausforderung an uns alle.

daStandard.at: Finden Sie es richtig, dass an österreichischen Schulen muslimische Mädchen nicht am Schwimm- oder Sportunterricht teilnehmen mit der Rechtfertigung, die Religion erlaube das nicht?

Aslan: Die Muslime haben erst angefangen, sich mit ihrer eigenen Tradition kritisch auseinandersetzen. Vor zehn Jahren wäre es noch unvorstellbar gewesen, dass eine junge ledige Frau aus der Türkei nach Wien kommt und hier alleine studiert. Das heißt, dass man langsam die eigene Tradition anders deutet. Bisher hat die eigene Tradition die Frau immer benachteiligt. Das ist eine Tatsache. Wenn Sie die islamischen Pädagogen in der Geschichte betrachten, werden Sie keinen einzigen finden, der die Bildung der Frauen befürwortet.

daStandard.at: Ist das heute immer noch so?

Aslan: Heute haben wir immer noch Muslime, die diese Geschichte unüberlegt inhalieren. Irgendwann werden die Muslime in der Lage sein, ihre heutigen Entscheidungen, die ihre Töchter betreffen, kritisch zu betrachten. Noch sind wir weit weg davon. Sport für Frauen ist eine neue Fragestellung in islamischen Ländern, aber in anderen Bereichen wie Kunst und Bildung konnten sich Musliminnen schon profilieren. 

daStandard.at: Warum dauert das auch in Europa immer noch so lange - das Anpassen an den europäischen Kontext und die Verbesserung der Stellung der Frau?

Aslan: Die Muslime, die vor 20 oder 30 Jahren nach Europa kamen, sind nicht hergekommen, um sich hier weiterzubilden, sie wollten hier arbeiten. Dass sie hier bleiben und sich weiterbilden müssen, ist auch für sie eine neue Herausforderung. Das ist aber nicht nur ein Problem der muslimischen Gastarbeiter, auch die Aufnahmegesellschaft hat die Einwanderung sehr spät wahrgenommen. Keine der beiden Parteien hat diese Einwanderung verinnerlicht.

Immer noch rechnet ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft, dass die Muslime doch irgendwann zurückkehren, und auch die Gastarbeiter rechnen damit, in die Heimat zurückzukehren, was nicht realistisch und zugleich nicht Wunsch aller Muslime ist. Denn viele der muslimischen Einwanderer wollen Studien zufolge ihre eigene Zukunft in Österreich gestalten können. (Güler Alkan, daStandard.at, 7.2.2013)

Ednan Aslan ist 1959 in der Türkei geboren. Seit 2006 ist er wissenschaftlicher Leiter des Masterstudiums Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.

  • Aslan: "Wir Muslime leben seit langem in Europa, aber was das Leben hier konkret für uns bedeutet, haben wir noch immer nicht verstanden."
    foto: privat

    Aslan: "Wir Muslime leben seit langem in Europa, aber was das Leben hier konkret für uns bedeutet, haben wir noch immer nicht verstanden."

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