Scheitern: Aufstehen, abputzen, erneut versuchen

Blog7. Februar 2013, 08:47
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Die "Secret Sauce" des Silicon Valley ist seine Akzeptanz des Scheiterns - Solange man daraus lernt

Meine erste Begegnung mit der amerikanischen Start-up-Kultur und ihrer Akzeptanz des Scheiterns machte ich 2010 in San Francisco. Im Rahmen einer Pressereise des US-Außenministeriums zum Thema Social Media hatte eine internationale Gruppe von Journalisten die Gelegenheit, bei einer Art Kamingespräch mit Twitter-Mitbegründer Biz Stone über seine Erfahrungen zu sprechen. 

Fast das Ende der Geschichte

Stone berichtete ausführlich über Twitters "Path to Power" - und mindestens ebenso ausführlich über die Fallen und Stolpersteine auf dem Weg dahin. Tatsächlich, so der Unternehmer, war Twitter in seiner jetzigen Form die letzte einer ganzen Reihe von unterschiedlichsten Ideen, die die jungen Gründer an den Rand der Pleite gebracht hatten. Unnötig zu erwähnen, dass keine davon ein Erfolg wurde. Geld war nach diesen Jahren des Experimentierens fast keines mehr übrig, und der Ultra-Kurznachrichtendienst überzeugte die Twitter-Chefs nicht komplett.

Das wäre in Österreich wohl das Ende der Geschichte gewesen (um ehrlich zu sein, sie hätte wohl sogar schon einige Fehlschläge früher geendet). Biz Stone und sein Partner aber entschlossen sich, einen letzten Versuch zu wagen, trotz vieler Rückschläge, skeptischer Investoren und Finanznot. Das Ergebnis ist bekannt und heute eines der erfolgreichsten Social-Media-Unternehmen der Welt.

Aufstehen, abputzen, erneut versuchen

In den vergangenen Jahren begegneten mir immer wieder Menschen wie Biz Stone, manche noch in der Phase des Scheiterns, andere mit ersten vorzuweisenden Erfolgen oder schon als "The Next Big Thing" gehandelt. Und sie alle berichteten offen und ehrlich über ihre Misserfolge. Wieso findet sich diese Gattung von Jungunternehmern, die Niederlagen nur zu neuen Versuchen anspornen, eher in den USA als bei uns? Oder anders gesagt: Warum trauen sich viele US-Amerikaner eher, nach einer Niederlage aufzustehen, sich abzuputzen und es erneut zu versuchen?

Ein wichtiger Aspekt ist sicher der kulturelle Umgang mit dem Scheitern. Schief beäugt wird der, der sich nichts traut und nicht einmal einen Versuch wagt - nicht der, der scheitert. Das Scheitern sei, erklärt Tina Seelig, Leiterin von Stanfords Technology Ventures Program, die "Secret Sauce", also die Geheimzutat des Silicon Valley. Misserfolge seien integraler Bestandteil des Unternehmertums, solange die handelnden Personen aus den Fehlern lernen.

"No Fear of Failure"

Dieser Zugang wird oft als eine Verherrlichung des Scheiterns misverstanden. Und das Valley tut, zugegeben, auch selbst einiges für dieses Missverständnis, indem die Parole "No Fear of Failure" fast inflationär benutzt wird. So gibt es mittlerweile eigene Konferenzen, die sich nur damit befassen - die sogenannten "FailCons", die auf den ersten Blick wirken könnten wie ein Treffen verkrachter Existenzen, die über ihre Fehler lamentieren. Tatsächlich aber treffen dort intelligente, spannende, erfolgreiche Menschen aufeinander, die sich nicht scheuen, über weniger ruhmreiche Etappen ihrer Lebens zu sprechen, über peinliche Pitches, dumme Ideen, Beinahe-Insolvenzen und komplette Fehleinschätzungen. Das eigentlich Spannende daran: Ihnen wird für ihre Offenheit applaudiert, statt dass über sie getuschelt wird.

Ich habe im vergangenen Jahr Lebensläufe gesehen, deren längster Teil eine Auflistung der vorangegangenen fehlgeschlagenen Gründungen war, aber das wäre für Österreich wohl ein bisschen viel kultureller Wandel auf einmal. Es würde schon viel ausmachen, wenn diejenigen, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden, Mut und Durchhaltevermögen ein bisschen höher bewerten würden - und die, die heute erfolgreich sind, auch ehrlich über Stolpersteine und Hürden berichteten.

Und womit sind Sie (fast) gescheitert?

Ich fange gleich einmal damit an, als gutes Beispiel sozusagen: Ich habe insgesamt unglaubliche acht Jahre für mein Studium gebraucht. Und ich habe immer noch Alpträume von der Steuerrechtsprüfung, die ich monatelang vor mir hergeschoben habe und an der ich zweimal gescheitert bin, bevor ich gnädigerweise ein "Genügend" bekommen habe. Mein erster "journalistischer" Auftrag war es, für wenig Geld tagelang alle Weihnachtsmärkte Wiens abzutelefonieren, um ihre Öffnungszeiten, das Kinderprogramm und die Punsch-Spezialitäten abzufragen. Auch das ging vorüber. (Anita Zielina, derStandard.at, 7.2.2013)

  • Die Passage aus Samuel Becketts "Worstward Ho" gibt den Silicon-Valley-Geist gut wieder, auch wenn der Ire zeitlebens nie dort war.
    Foto: Flickr CC/feral78

    Die Passage aus Samuel Becketts "Worstward Ho" gibt den Silicon-Valley-Geist gut wieder, auch wenn der Ire zeitlebens nie dort war.

  • Wer einmal scheitert, der wird diesen Stempel in Österreich oft nur schwer wieder los.
    Foto: Flickr CC/Hans.Gerwitz

    Wer einmal scheitert, der wird diesen Stempel in Österreich oft nur schwer wieder los.

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