Rufmord am krummen König

6. Februar 2013, 17:48
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Das Bild Richards des III. ist ein Literaturprodukt. Der König aus dem Hause York war ausnehmend tapfer

Wien - Richard (1452-1485) muss ausnehmend hässlich gewesen sein. Das erklärt noch nicht zur Gänze, warum ihn sein berühmtester Souffleur - der größte Dramatiker aller Zeiten - als Monster verunglimpft hat. Er war jedenfalls nicht klein von Wuchs. Der König aus dem Hause York besaß eine verkrümmte Wirbelsäule. Er war ausnehmend tapfer, daran lassen die nunmehr identifizierten Knochenfunde im britischen Leicester keinen Zweifel.

Gestorben ist der bucklige Mann in der Schlacht von Bosworth. Auch über dieses Gemetzel glauben wir uns deshalb wohlinformiert, weil William Shakespeare das letzte Wort behalten hat. "Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd ..." soll der Blutsäufer gekräht haben. Richard, dem der Wert seines Landes offenbar wenig galt, dem aber die Sympathie aller Pferdeliebhaber sicher sein sollte, starb im Handgemenge. Man überwältigte ihn, schändete den Leichnam noch rasch und stellte ihn in einem Wirtshaus zur Schau.

Der Gewinner der Schlacht war ein gewisser Heinrich, Earl of Richmond. Man kann ihn dem Hause Lancaster zuschlagen, mit dem die Yorks in blutiger Dauerfehde lagen: weiße Rose, rote Rose. Mit Heinrich Tudors Krönung zum König waren die Rosenkriege im Wesentlichen beendet. Der neue, segensvolle Regent ließ Richard und dessen Parteigänger nachträglich zu Hochverrätern erklären. Das erleichterte die Abrechnung mit den Hinterbliebenen. Es gab noch ein paar Metzeleien und Kindsmorde, aber insgesamt muss man, mit Blick auf die Tudors, von einer geruhsamen Zeit sprechen.

Einträge auf dem Kerbholz

Einer, der das ganz bestimmt musste, war Shakespeare. Die Begebenheiten rund um den Tyrannen Richard lagen zu seinen Lebzeiten gerade einmal 100 Jahre zurück. Als Künstler durfte er in den Augen von Königin Elisabeth I. keine missverständliche Propaganda verbreiten. Die hohe Dame war eine Tudor. Shakespeare dürfte recht gut darüber Bescheid gewusst haben, dass Richard unmöglich alle ihm nachgesagten Gräueltaten begangen haben konnte. Auf dem Kerbholz soll er zum Beispiel die Ermordung seiner beiden kleinen Neffen im Tower gehabt haben. Shakespeare ließ dem Unhold auf andere Weise posthume Gerechtigkeit widerfahren. Er machte ihn zum Titelhelden einer Tragödie. In dieser bekam man alle Techniken des Machterwerbs auf engstem Raum vorgeführt. Plötzlich konnte man sich der Anziehungskraft dieses Scheusals nicht mehr entziehen.

Richard Gloucester war der gierigste Aasvogel unter lauter Geiern - und ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Er besitzt dank Shakespeare die unbedenkliche Eleganz aller Skrupellosen. Er hat der Liebe ob seiner himmelschreienden Hässlichkeit entsagt. Er weiß sich körperlich "um dieses schöne Ebenmaß" verkürzt, das ihn in den Augen aller anderen zurücksetzt.

Von Richard lernen heißt: das Getriebe der Politik bis auf den Grund durchschauen. Insofern ist der Blutsäufer aus dem Hause York ein Insider der Macht. Er bekennt: "Richard liebt Richard; das heißt: Ich bin ich .. .", und ersetzt mit dieser einfachen Formel das Herumgerede von den hehren Zwecken, die angeblich die unlautersten Mittel heiligen.

Richard ist der Terrorist auf dem Thron. Er erfreut sich der uneingeschränkten Bewunderung durch alle Staatspräsidenten, die bis heute nur unter Zuhilfenahme von Notstandsgesetzen zu regieren verstehen. Der Gedanke an ihn als Theaterrolle raubt sämtlichen Staatsschauspielern den Schlaf.

Aufgrund der Rekonstruktionskünste der Wissenschaften kann man sich vom " echten" Richard jetzt ein gutes Bild machen. So hässlich ist er denn gar nicht gewesen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 7.2.2013)

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    Kernspintomografie: Richard, dessen Knochen auf einem Parkplatz in Leicester ... 

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    ... als die seinen identifiziert wurden.

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    Letzter Wiener "Richard": Nicholas Ofczarek (li., 2008).

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