Harri Stojka: Freude durch Geschwindigkeit

Gespräch6. Februar 2013, 17:37
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Der Wiener Gitarrist geht mit seiner neuen CD "India Express" auf Österreich-Tournee. Ein Gespräch über Wurzelsuche, Identität und das väterliche Schweigen

Wien - Es begab sich, dass zum Finale der Aufnahmen zum Film Gipsy Spirit Harri Stojka - Eine Reise ein Konzert angesetzt wurde, bei dem sich der Wiener Gitarrist mit indischen Kollegen eine Bühne zu teilen hatte. Und weil dies exzellent funktionierte, wurde gleich ein Projekt daraus. India Express startet nun schon seine zweite Tournee - diesmal beginnend im Wiener Gasometer. Hört man die gleichnamige neue CD, stellt man auch fest, dass Stojkas rasender Saitenstil delikat dynamisch mit den Ideen der indischen Klangkünstler verschmilzt.

"Wir mussten uns natürlich auf die Stilistik einstellen, die sich auf eine harmonische Ebene festlegt", sagt Stojka. Im rhythmischen Bereich hätten "sich wiederum meine indischen Freunde angepasst. Die vertrackten Rhythmen, mit denen sie gemeinhin arbeiten, spielen in der Roma-Musik gar keine Rolle." Interessant fand Stojka auch, dass "man in Indien schnelle Musik schätzt. Auch bei uns Roma ist das so. Wobei: Schnell zu spielen ist eine Form des Ausdrucks von Lebensfreude. Es hat nicht nur damit zu tun, dass man glänzen oder zeigen will, was man kann. Es geht um Darstellung einer inneren Befindlichkeit. Und auf dieser Ebene haben wir uns schnell gefunden."

All diese Begegnungen sind Teil einer Wurzelsuche nach und der Bekenntnis zu eigenen Roma-Traditionen, die bei Stojka so um 2000 einsetzte. Man kannte ihn als versierten Saitenkönner zwischen Jazz und Rock, nachzuhören in verdichteter Form etwa auf einer Einspielung, die sein Solokonzert beim Jazzfest Montreux festgehalten hat. Plötztlich jedoch war da ein Stil zu hören, der gänzlich andere Stile thematisierte und Stojka auch in der Nähe von Genie Django Reinhardt und dessen Gypsy Swing zeigte.

Von vorne beginnen

"Ich habe zwanzig Jahre lang Bebop gespielt. Man dachte natürlich: Harri, jetzt bist du im Jazz so weit, und nun willst du just von vorne beginnen? Ja, eigentlich wollte ich das." Das alles hatte natürlich vor allem "mit Identitätsfindung zu tun, mit meiner Selbstfindung als Roma", sagt Stojka. "Als Kinder haben wir unsere Musik von den Altvorderen gehört. Ich war damals aber Beatles-Fan, das Eigene hat mich nicht interessiert." Und Django Reinhardt? "Ich stand eher auf Jimi Hendrix. Reinhardt habe ich zwar seit den 1970ern gehört, aber nie verstanden. Das war mir zu alt. Mittlerweile würde ich sagen, er ist der Größte und für uns Roma und Sinti eine totale Identifikationsfigur."

Übrigens kann man froh sein, dass Stojka kein Verkaufstalent als Teppichhändler hatte. Sein Vater war ein solcher, "und eine Zeitlang wollte er, dass ich das auch werde. Er hat aber gemerkt, dass ich fürs Handeln überhaupt keinen Sinn habe. Die Kunst besteht ja darin, jemandem einen Teppich zu verkaufen, der keinen braucht. Wie das geht - dieses Geheimnis habe ich nie gelüftet", erzählt Stojka, der seinem Vater auch die finanzielle Freiheit dankt, ungestört üben und musizieren zu können. " Mit 14 habe ich mehr als zwölf Stunden trainiert, die Schule ist insgesamt unnötigerweise nebenher gelaufen. Hätte ich arbeiten müssen, wäre das alles nie gegangen."

Papa unterstützte das. Da war es schon schwerer, ihn nach dem "Z" in der Tätowierung zu fragen, die Mongo Stojka als Folge der Gefangenschaft im KZ Auschwitz-Birkenau am Körper zu tragen hatte. "Wenn ich ihn danach gefragt habe, konnte er wütend werden. Mit meinem Vater war über den Krieg nicht zu reden, er war traumatisiert. Er hat spät ein Buch geschrieben, in dem er ein bisschen davon erzählt. Aber was er wirklich erlebt hat, weiß ich bis heute nicht." Das "Z" in der Tätowierung stand für Zigeuner - ein Wort, das Harri Stojka mit einer ausführlichen Foto-Plakat-Aktion bekämpft. "Und dieses Projekt wird natürlich ewig fortgesetzt." (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 7.2.2013)

22.2., Gasometer Wien

  • Gitarrist Harri Stojka: Geht mit seinen indischen Musikerfreunden auf Tournee. 
    foto: michael sinn

    Gitarrist Harri Stojka: Geht mit seinen indischen Musikerfreunden auf Tournee. 

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