"Ärgernis Fremdenpolitik" als Berlinale-Beitrag

Interview6. Februar 2013, 17:26
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Anja Salomonowitz' kämpferischer Dokumentarfilm "Die 727 Tage ohne Karamo" wird bei der Berlinale uraufgeführt

Wien/Berlin - Auf binationale Paare wartet in Österreich ein kaum zu bewältigender bürokratischer Dschungel. Am Ende steht oft die Trennung, erzwungen durchs Fremdenrecht oder selbstgewählt, weil der Kampf die Beziehung zerstört hat. Die Filmemacherin Anja Salomonowitz hat sich in Die 727 Tage ohne Karamo gleich mit 20 dieser Paare beschäftigt und wählt dabei wie schon in ihren bisherigen Arbeiten einen rigiden konzeptuellen Zugang. In stark komponierten Tableaus, aus denen nicht nur die Farbe Gelb hervorsticht, sondern in denen mitunter auch Geräusche überdeutlich zu hören sind, lässt sie einzelne Etappen eines behördlichen Irrlaufs Revue passieren und wechselt dabei die Protagonisten unaufhörlich aus: eine Geschichte, erzählt von vielen.

STANDARD: "Die 727 Tage ohne Karamo" arbeitet stärker mit Gefühlen als " Kurz davor ist es passiert", Ihr Film über Frauenhandel. Warum war Ihnen dieses emotionale Engagement für die Protagonisten diesmal wichtiger?

Salomonowitz: Für mich ist der Film die Advanced-Version von Kurz davor ist es passiert. Ich versuche zwar auch die Struktur einer Geschichte freizulegen, aber gleichzeitig bekommen die Menschen mehr Gewicht. Es gibt einen inszenierten Rahmen, aber darin finden sich die Spuren der Menschen: Was sie sagen und fühlen, ist immer echt. Das finde ich wunderschön. Während der Interviews hab ich mich teilweise wahnsinnig geärgert. Da werden aufgrund der Gesetzeslage Familien zerrissen, auch solche mit schwangeren Frauen und kleinen Kindern. Ich wollte, dass man sich fest ärgern kann, wenn man diesen Film sieht.

STANDARD: Es gibt 20 Protagonisten, die ihre Lage verbindet. Wie hat sich dieses Konzept entwickelt?

Salomonowitz: Beim Casten haben sich dieselben Geschichten wiederholt, unabhängig von Milieu, Bildungsgrad etc. Alle haben mit denselben Hindernissen zu kämpfen. Man kann sich nicht herauskaufen, nicht mit Anwälten dagegen ankämpfen. Da lernen sich zwei kennen, im Afrikadorf oder in der Disco, beschließen zu heiraten und glauben, dass die Probleme aufhören. Aber da fangen sie erst an. In allen Geschichten gibt es neuralgische Stellen, die ich herausarbeiten wollte, indem ich sie durch ein Kollektiv erzähle.

STANDARD: Wie sind Sie denn bei der Recherche vorgegangen?

Salomonowitz: Der Film war eigentlich der Nachfolgefilm von Kurz davor ist es passiert. Er hatte das Pech, bei Förderstellen immer abwechselnd angenommen und abgelehnt zu werden. Ich habe mit einer NGO zusammengearbeitet: "Ehe ohne Grenzen". Ich wollte viele Menschen vorkommen lassen, um die betroffene Masse zu zeigen. Wir haben stets nach passenden Momenten gesucht: Die Hochzeit etwa ist nicht nachgestellt. Die Menschen sollten sich in der jeweiligen Situation befinden, das war eine Bedingung.

STANDARD: Die Szenen sind also unterschiedlich stark inszeniert?

Salomonowitz: Bei der Hochzeit haben wir nur bei der Gestaltung mitgeholfen. Ich habe die Leute immer ein paar Wochen im Alltag begleitet und daraus dann Szenen entworfen. Susi hat mir etwa erzählt, dass sie mit ihrem Kind jeden Tag rechnen übt. Irgendwann hat sie mir gesagt, wie lange ihr Mann Karamo schon weg ist. Da ist mir die Idee gekommen, das zu verbinden, indem ich sie die Abwesenheit des Mannes ausrechnen lasse.

STANDARD: Warum ist der Film so gelb geworden?

Salomonowitz: Mir ist von Anfang an aufgefallen, wie mutig diese Leute sind - deshalb wollte ich ihnen eine Farbe geben, die etwas Trotziges hat, knallig und ungewöhnlich wirkt, aber auch sonnig und fröhlich. Es soll einem die Augen herauskrallen, und Sehgewohnheiten verschieben. Ich wollte jedes Jammern vermeiden, der Film sollte stark, mutig wirken. Es sollte auch eine Farbe sein, die in den Räumen der Menschen vorkommt. Wir haben vielfach nur verstärkt, was schon da war.

STANDARD: Der Staat verhält sich wie ein Dritter, ein Nebenbuhler, Neider, der ständig interveniert?

Salomonowitz: Ja, weil in diesen Geschichten die Liebe, der freie Wille mit dem Gesetz kollidiert. Ich wollte den Film so aufbauen, dass man ähnlich wie die Menschen in ihre Fälle hineinschlittert; man muss immer mehr tun, um zusammenleben zu können. In vielen Geschichten ist es einfach so, dass sich die Paare trennen, weil der Druck zu hoch ist.

STANDARD: Der Film scheint den Druck zu veranschaulichen - meinen Sie das mit "hineinschlittern"?

Salomonowitz: Genau, man erfährt die Dinge erst Schritt für Schritt. Die Wörter formieren sich auch wie zum Rap, sie haben einen bestimmten Rhythmus; wir haben im Schnitt darauf geachtet, dass er etwas Musikalisches bekommt. Auch durch Hervorheben bestimmter Geräusche wollte ich den Druck herausarbeiten.

STANDARD: Warum haben Sie darauf verzichtet, die Gegenseite, etwa in Form eines Beamten, zu Wort kommen zu lassen?

Salomonowitz: Ich wollte nicht, dass das Problem an einer Person hängen bleibt. Das Ganze hat ja etwas Diffuses - es ist ein wenig so, wie wenn man bei einem Mobilfunkunternehmen anruft, aber niemand ist verantwortlich. Außerdem wollte ich die Menschen ihre Geschichte selbst erzählen lassen und sicherstellen, dass sie niemand unterbricht.

STANDARD: Als Advocatus Diaboli könnte man natürlich sagen, diese Gesetze sind da, um Scheinehen zu verhindern. Warum haben Sie kein Beispiel für einen solchen Fall?

Salomonowitz: Lustig, dass Sie das fragen. Anfangs hatte ich einmal eine Version, in der ich lauter Scheinehen-Geschichten erzähle - also solche, in denen jemand eine andere Person durch eine Scheinehe rettet. Ich habe dann aber entschieden, von Menschen zu erzählen, die sich tatsächlich lieben, um das auch filmisch einzuschränken. Aber mich darf man zu Scheinehen ohnehin nicht fragen - ich finde die ja super. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 7.2.2013)

Anja Salomonowitz (36) wurde für ihre konzeptuellen, durch inszenatorische Eingriffe geprägten Dokumentarfilme mehrfach ausgezeichnet. "Spanien" (2012) war ihr erster langer Spielfilm.

  • Zwei, deren Liebe das heimische Fremdenrecht verhindert.
    foto: amour fou

    Zwei, deren Liebe das heimische Fremdenrecht verhindert.

  • Regisseurin Anja Salomonowitz.
    foto: standard/heribert corn

    Regisseurin Anja Salomonowitz.

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