Rimini ist einfach überall

23. September 2003, 10:31
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Die deutsche Stefanie Schulze (39) feiert mit einer einfachen Badeschuh-Idee aus den USA größte Erfolge in Europa und legte damit eines der besten Start-ups der letzten Jahre hin - 2300 Prozent Umsatzsteigerung in fünf Jahren

Welche Geräusche verursachen Badelatschen? Stefanie Schulze glaubt, es ganz genau zu wissen: Sie vernimmt bei jedem Schlapfenschritt ein deutliches "Flip-Flop". Es könnte aber auch ein Flip-Flap sein? Nein, bleibt sie hart. Der Schritt mit der Zehenriemensandale mache Flip, das an die Ferse hochklappende hochwertige Schaumstoffgemisch Flop. Das ist ihre Erfindung, daran will sie glauben. Und sie tut recht daran. Das ist ein Flip-Flop-Sommer.

Der Zehengreifer - wie der an einem Steg zwischen den Zehen gehaltene Schuh im Fachjargon heißt - geht weg wie warme Semmeln. Schon im vergangenen Jahr erlangte die Badelatsche Kultstatus. Jetzt sieht man sie auch im urbanen Raum. "Im Büro ebenso wie im Biergarten, denn es gibt dazu keine Alternative", so die Unternehmerin.

Vor fünf Jahren agierte sie noch von ihrem Wohnzimmer aus. Inzwischen hat sie in München schicke Büroräume in bester Lage, beschäftigt zwei Mitarbeiterinnen, verkauft mehrere hunderttausend Stück und verzeichnet einen siebenstelligen Jahresumsatz. "Ich habe schon im ersten Jahr schwarze Zahlen geschrieben und dann jedes Jahr über 50 Prozent zugelegt", freut sich die gebürtige Wiesbadenerin. 2300 Prozent Umsatzsteigerung in fünf Jahren.

Moderner Tragekomfort

Badelatschen kamen in den Sechzigerjahren auf, als man in Rimini die Strandpromenade hoch- und runterschlappte. Aber die Latschen, die ihre Eltern noch trugen, "hatten eine zu harte Sohle, und die Riemchen rissen leicht aus". Stefanie Schulze wollte ein hochwertiges Modell mit modernem Tragekomfort. Die einstige Triathletin, die in Kalifornien gelebt hat, sah dort ständig bei Wettkämpfen und Hotelaufenthalten Latschen aus Fernost, die jeder trug, "sogar an der Hotelbar. Aber die passten nicht und waren billig gemacht." Da kam sie auf die Idee, einen Kult zu inszenieren.

Sie fand eine Firma "irgendwo in Osteuropa", in der man mit ihr ins Labor ging und Materialien testete. "Wir haben das beste Angebot, auch wenn es inzwischen viel Kopisten gibt", gibt sie sich überzeugt. "Allein der weiche Gummiriemen ist nicht so einfach herzustellen. Da kann die Konkurrenz meine Produkte noch so sehr zerschnippeln." Einen Kult schafft man durch gute Werbung und Herstellung eines Images. "The shoe must go on", textete die studierte Werbefachfrau 1999 in einer Pressemitteilung, packte 185 Pakete für Modejournalisten mit je einem Paar Badelatschen und selbst gebastelten Papierblumen. Dann das Glück, denn ein Frauenmagazin berichtete ganzseitig. 2000 wurde der Trend zum ersten Mal ausgerufen. Seither ließ sie sich für jeden Sommer ein neues buntes Sortiment einfallen.

Trendfarbe Olive

Für 2003 bezeichnet sie "Pudertöne wie Rosa, Flieder, Himbeere, helles Rot und Olive" als Trendfarben. Außerdem hat sie eine Auflage an Blockstreifen- und Flower-Power-Design auf den Markt gebracht. Um die Zukunft ihres Produkts ist Stefanie Schulze nicht bange. "Der Trend fängt ja erst richtig an", sagt sie. Zu ihrer Zielgruppe zählen bereits alle Generationen: "Schon Vierjährige passen in Schuhgröße 28", sagt sie. Inzwischen werden auch flott bedruckte T-Shirts und Handtaschen aus PVC mit Lederriemen und der Blume aus ihrem Logo verkauft.

"Die Taschen waren sofort weg, da müssen wir heftig nachproduzieren." Zu ihrem Heimatland hat Stefanie Schulze eine zwiespältige Einstellung. Nach ihrer Lehre bei einer bekannten Düsseldorfer Werbeagentur erhielt sie ein Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft für die USA und war bis Mitte der Neunzigerjahre bei Gray Advertising in San Francisco. "Dort habe ich alles Wichtige gelernt", resümiert sie. Also der Glaube an eine Idee, Durchhaltevermögen, Selbstbewusstsein. Wieder in Deutschland, geriet sie nur an Skeptiker. Die fanden ihre Badelatschen-Idee zu verspielt. Arbeitsamt, Industrie- und Handelskammer, Banken - eine Odyssee.

"Innovation ist ein hohler Begriff"

Selbst als sie die erste Lastwagenladung ihres Produkts für Abnehmer hatte, darunter große Kaufhäuser, half ihr immer noch kein Geldinstitut. "Die Leute haben Angst, sind mutlos, wollen sich absichern. Wer sich selber nichts zutraut, traut auch den anderen nicht. Innovation ist hier ein hohler Begriff." Ihr Vater musste einspringen und eine Bürgschaft über eine fünfstellige Summe übernehmen. Das Geld war im Nu wieder hereingeholt. Die US-Freunde gratulierten, die Geldverwalter staunten schlecht. Die Zehengreifer-Kultmarke Flip-Flop wird in ganz Europa vertrieben. Nach Deutschland und Italien ist Österreich drittstärkstes Abnehmerland.

Inzwischen haben sich selbst Nachahmer mit berühmten Namen an den Trend gehängt. So gibt es Zehenriemensandalen von Jil Sander aus Kalbsleder und viel teurer als Flip-Flop. "Gut gemacht", lobt Stefanie Schulze, die den Produktnamen schützen ließ. "Aber ich glaube nicht, dass davon nur fünf Prozent so viele Exemplare verkauft werden wie von uns." (Roland Mischke, DERSTANDARD Printausgabe, 14.7.2003)

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    Diese Sommerschlapfe wurden zum Renner - Auf ein Flip folgt jedenfalls nur ein akustischer Flop

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