Man muss die Männer vorsichtig erziehen

6. August 2003, 11:10
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Monika Klinger bemüht sich um den Aufbau einer afghanischen Zivilgesellschaft

Mit Staub und Hitze müsse sie sich herumschlagen, sagt Monika Klinger, mit Verkehrschaos und Blechschäden. Das klingt wie Nachrichten aus einer beliebigen Stadt an der globalen Peripherie. Aber sie spricht über Kabul, und darum kommt sie schnell auf viel problematischere Aspekte des urbanen Lebens. Seit einem Dreivierteljahr ist sie für die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Afghanistan stationiert. Von 1995 bis 2001 hat die Deutsche mit Zweitwohnsitz im Waldviertel für die GTZ und die UNO in Ruanda gearbeitet; das Fernziel war jedes Mal - um es mit der nötigen Vorsicht auszudrücken - die Etablierung von Bedingungen, die eine Zivilgesellschaft ermöglichen. Von diesem Ziel fühlt sie sich auch in Kabul noch weit entfernt, in einem Land, das zivile Verhältnisse schon längst nicht mehr kennt. Karawanen der Nacht von James Michener (1964) - "ich habe es gerade als englischen Raubdruck gefunden" - würde die auch heute noch herrschende Atmosphäre genau beschreiben.

Frau Klinger, wie fühlt man sich als westliche Frau in Kabul?

Klinger: Man ist eine Art drittes Geschlecht. Das spürt man nicht in Ministerien, da sind alle extrem höflich. Aber auf der Straße wird man angeschubst und weggedrängt, es herrscht ein Mangel an bei uns selbstverständlicher Höflichkeit. Und es herrschen Doppelstandards. Mein Assistent ist freundlich und gebildet, computer-literate, doch seine Frau muss die Burka tragen, ist Analphabetin, und das scheint ganz normal.

Ob man freiwillig oder gezwungen verschleiert geht, scheint ein Gradmesser für die afghanische gesellschaftliche Verfassung zu sein.

Klinger: Man muss jedenfalls bei der Frauenarbeit sehr vorsichtig vorgehen. Laura Bushs Aufruf - "Die Burka muss fallen" - war Quatsch. Man soll unter den gegebenen Umständen nicht so sehr die Frauen ermutigen - die meisten Frauen wollen das sowieso -, sondern die Männer erziehen, das zu akzeptieren. Und das muss man sehr vorsichtig machen.

Für welchen Job genau sind Sie stationiert?

Klinger: Unser Job (der GTZ) hier ist es, beim Aufbau einer ausgebildeten und verantwortungsvollen Polizei mitzuhelfen. Dazu muss sie auch ihr altes Image loswerden, und dabei unterstützen wir sie mit Werbekampagnen. Vom deutschen Innenministerium kommen Ausbildner, die 1500 Kadetten dazu verhelfen sollen, eine bürgernähere Truppe zu bilden. Ich selber werde Kurse über Menschenrechte und über Formen der Ermittlungstätigkeit abhalten.

Was, glauben Sie, werden Sie erreichen?

Klinger: Ich weiß nicht, wie viel man hier erreichen kann. Man ist schon über sehr kleine Schritte froh. Die Arbeit mit der Polizei ist schon sinnvoll, zumindest kann es danach bewusstere Polizisten geben. Unser Ziel ist es auch, bis zu 100 Frauen in den Polizeidienst zu bekommen. Es gibt jetzt ca. 40, und sogar zwei weibliche Polizeigeneräle. Das gab's übrigens auch schon unter den Russen.

Und wird jetzt nicht zum zweiten Mal zurückgenommen?

Klinger: Nein, das wohl nicht, weil die Afghanen wissen, dass die internationale Hilfe von derartigen Fortschritten abhängt.

Wie sicher fühlen Sie sich persönlich in Kabul?

Klinger: Ich sehe zurzeit kein großes Problem, wir haben sogar anders als die UN-Leute keine Ausgangssperre (die aus versicherungsrechtlichen Gründen zu beachten ist). Aber außerhalb der Stadt sieht es ganz anders aus. Wir müssen Sicherheits-Updates abgeben, immer mit zwei Autos fahren, und die ganze Ostregion Richtung Pakistan ist ein no-go-area. Dort gibt es ständig Schießereien zwischen afghanischen, pakistanischen und amerikanischen Truppen und Taliban-Einheiten. Und es gibt die warlords. Die sind wahrscheinlich das größte Hindernis für jeden nationalen Zusammenschluss. Einer, Ismail Khan, der Gouverneur von Herat, verdient sich dumm und dämlich mit Zolleinnahmen aus dem Iran. Er ist gefürchtet, andererseits aber geachtet, denn er bezahlt die Gehälter und sorgt für eine saubere Stadt. Karsai wollte ihn in die Zentralregierung holen, doch er ist lieber Kaiser in der Provinz: Das ist die afghanische Wirklichkeit. (DER STANDARD, Printausgabe 12./13.07.2003)

Von Michael Freund
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    Tochter und Mutter in Kabul.
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