Was aus Europa kommt, ist angeblich besser

16. September 2003, 17:44
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Die Kehrseite des amerikanischen Wegs: kulturelle Phänomene als Auswüchse der eigenen Geschichte

Das ist die Kehrseite des amerikanischen Wegs. Kulturelle Phänomene als Auswüchse der eigenen Geschichte: ein im gegenwärtigen Streit vernachlässigtes Thema. Von Michael Freund

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Sogar Kasperliaden können schnell in internationale Verstimmung und sinkende Nächtigungszahlen ausarten, das zeigt sich momentan am Beispiel Deutschland/Italien. Erst recht sind die viel komplizierteren transatlantischen Verhältnisse und die Eigeninteressen aller Beteiligten zu einem Problem eskaliert. Seither reißen die Bemühungen zur Deeskalation nicht ab, ebenso wenig die Versuche, weiter Öl ins Feuer zu gießen.

Immerhin, was heißläuft und brennt, sind vorläufig vor allem Debatten in Artikeln, Büchern, auf Konferenzen und in immerhin noch diplomatischen Kommuniqués - die hier laufende Serie brachte vor allem die feuilletonistischen bis akademischen Akzente dieses Schlagabtauschs.

Am anderen Ende des Spektrums liegen die rein persönlichen Eindrücke aus dem Alltag hüben wie drüben. Vor Jahrzehnten erschien etwa das Buch eines groß gewachsenen österreichischen Diplomaten, der sich über die Mr.-Tall-Geschäfte in den USA freute und die heimischen Torten vermisste. Nach diesem Strickmuster tauschen sich viel gereiste Menschen, verpflanzte Manager und sonstige expatriates darüber aus, was ihnen abgeht oder angenehm auffällt.

Zwischen den Diskursen über Venus und Mars, Hobbes und Habermas und den Niederungen des selbst Erlebten klafft eine Lücke. Sie wenn schon nicht zu schließen, so doch an einzelnen Stellen zu überbrücken ist eine lohnenswerte Aufgabe. Man kann sich von beiden Seiten an die Arbeit machen - im doppelten Wortsinn: von der Theorie wie der Alltagspraxis her, oder von beiden Seiten des Atlantiks. Es könnte ein stockendes Unterfangen werden, aber ein lohnendes: Mit etwas Glück findet man transkulturelle Missverständnisse und Merkwürdigkeiten angelegt in Geschichte und Traditionen, die man nicht immer bewusst reflektiert.

Am solidesten wurden derartige Verbindungen zwischen dem puritanischen Impetus der Einwanderer, der Säkularisierung des modernen Europa und den resultierenden unterschiedlichen religiösen und moralischen Standards gezogen. Weniger erforscht, aber ähnlich bedeutsam für das Verständnis bestimmter Standards: die Funktion der Privatsphäre, in die niemand eindringen darf, die "unendlich weiten Räume", die es zwar realiter nicht mehr gibt, sehr wohl aber in der Ideologie der "letzten Grenzen", die noch zu erobern seien - das sind alles Teile eines amerikanischen Mythos. Zu den dazu aufgezählten Beispielen lassen sich zwar, wie der Schriftsteller Louis Begley in dieser Serie anmerkte, beliebig viele Ausnahmen finden. Und je feiner man den Details nachgeht, umso mehr findet man ethnische, soziale, individuelle Unterschiede - die aber eine generelle Tendenz nicht ganz verschleiern können. Was dann sichtbar bleibt, lässt sich mit der nötigen Vorsicht als "typisch" bezeichnen.

Noch ein Beispiel: Die ambivalente Haltung der US-Amerikaner dem Begriff und der Praxis des "Designs" gegenüber lässt sich bis zu den Wurzeln der Einwanderung bzw. der Eroberung des Westens zurückverfolgen - wenn auch natürlich nicht restlos erklären. Die Pilgerväter hatten, verkürzt gesagt, andere Sorgen als die Verfeinerung der Alltagsobjekte. Was zum Überleben taugen sollte, musste stark, kräftig, haltbar sein, big & bold, wie es zwei der beliebtesten Adjektive im Amerikanischen ausdrücken. Eine Produkteigenschaft, die bis heute anziehend wirkt ("Warum", fragt ein Ehemann in einem New Yorker-Cartoon beim Zähneputzen angesichts der Flaschen auf dem Regal, "ist bei uns immer alles extra-strength?").

Schlichtheit und Einfachheit sind dabei sehr wohl Prädikate guten Designs (wenn man diesen Terminus schlicht als "Entwurf" übersetzt), und Shaker-Möbel oder alte Eisenbahnwaggons belegen, dass es dazu in den USA sehr wohl eine diesbezügliche Tradition gibt.

Doch "was aus Europa kommt, wird als besser angesehen", sagt Paola Antonelli, Kuratorin für Design am New Yorker Museum of Modern Art. "Britische Redakteure für Lifestyle-Magazine zum Beispiel, oder italienische Kuratorinnen", fügt sie selbstreferentiell dazu.

Was sie damit ausdrückt, ist der Zusammenstoß des selbstwussten eigenen Wegs der Amerikaner mit einem gewissen Minderwertigkeitsgefühl. Es bedurfte nur der großen Ausstellung "New Domestic Landscape" vor etwa 30 Jahren im Modern Art, und plötzlich war Italien synonym für "gutes Design". Statt Pizza und Gondolieri assoziierte man mit dem europäischen Staat nun intelligente Plastikmöbel, Avantgarde-Mode und wunderbare Roadster. Seither, meint Antonelli (die an dieser Ausstellung nicht beteiligt war), glauben die Amerikaner, dass "Design" etwas mit extravagantem Stil und hohen Preisen zu tun hat, und vergessen darüber, dass sie auch in jüngerer Zeit äußerst brauchbare Produkte entworfen haben. Tupperware, Black & Decker, Zippo, iMac: "Die Liste von gutem US-Design ist endlos."

Das Klischee von der überlegenen europäischen Kultur lässt sich dennoch nicht so leicht abschütteln, es kommt in immer neuen, zum Teil sehr kuriosen Formen. Die Bewerbung von Perrier etwa begann in den Siebzigern in großem Stil und bewirkte - auf einer Marketing-Basis von Gesundheitswahn und Snobismus -, dass kohlensäurehaltiges Wasser millionenfach über den Atlantik transportiert und zu erstaunlichen Preisen verkauft wurde. Der verspätete Gegenfeldzug war übrigens auf seine Weise wieder sehr amerikanisch: Nun kontern die Abfüller mit bottled water, was nichts anderes als Leitungswasser ist, das durch High-Tech geschmack- und herkunftslos und damit überall gleich vermarktbar gemacht wird. Beim Genuss eines solchen Plastikwassers aber fühlt man sich als Europäer wieder nah an der Quelle des Puritanischen: Es mag nicht gut sein, aber es verheißt dafür ewiges Leben.

Hier sollte man als Europäer innehalten und sich darüber klar werden, dass man die Epiphänomene des Kultur- und Konsumalltags eben durch die eigene Brille betrachtet bzw. dass man plötzlich andere, ebenfalls "typische" amerikanische Eigenschaften ignoriert: Gehört nicht die instant mindestens so wie die delayed gratification zum (anti-)amerikanischen Klischee-Repertoire?

Der Brückenbau wird schwierig werden. Aber Herausforderungen mag man doch, hüben wie drüben. (DER STANDARD, Album, 12./13.7.2003)

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