Intendantenparadies

15. August 2003, 20:54
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Hol's der Geier, wir holen den Geyer, mag sich die im Grazer Theater-(nomen est omen)-Ausschuss versammelte Politikermannschaft gedacht haben, als sie sich letztlich einem Dirigentendiktat fügte und Wiens tüchtigen Musikintendanten zu jenem der Grazer Bühnen designierte.

Von einer Musikhauptstadt darf sich eine Kulturhauptstadt personell ja wirklich ein bisschen aushelfen lassen. Das war früher, als Graz noch keine Kulturhauptstadt war, auch nicht anders. Schließlich hatte man ja auch Carl Nemeth aus Wien geholt. Wie man sich überhaupt recht gerne in Wien umhörte, wenn sich in Graz Not an einem Bühnenintendanten abzeichnete.

Es muss schon sehr viele Jahre her sein, als ich mir eines Abends bei einem netten Italiener in der Wiener Innenstadt ein paar Spaghetti einverleibte. Der Zufall wollte es, dass der damalige Chef der Bundestheater ähnliche Absichten hegte. Herzliche Begrüßung. Und schon ging das Plaudern an.

Sichtlich belustigt erzählte mir mein hochmögender Spaghetti-Kollege über einen hochkarätigen Politikerbesuch aus Graz. Zwei Emissäre des Theaterausschusses hätten ihn gefragt, ob er ihnen hinsichtlich der anstehenden Neubesetzung der Grazer Bühnenintendanz nicht die eine oder die andere erfahrene Persönlichkeit nennen könnte, die für diese Funktion geeignet wäre.

Selbstverständlich war der gewiefte Wiener mit Vorschlägen prompt zur Hand. Wie er mir verschmitzt gestand, nannte er jedoch ausschließlich Namen, deren Träger er sich möglichst bald und für immer vom Leibe wünschte.

Wie sich wenig später herausstellen sollte, hatte der prominente Konsulent auch tatsächlich Fortune. Zumindest einen hatte er von seiner schwarzen Liste und als Theaterintendanten in die nunmehrige Kulturhauptstadt gelobt.

Im Fall von Roland Geyer ist, wie man weiß, natürlich alles anders gelaufen. Sodass man ihn ruhig ein bisschen beneiden darf. Denn früher, als es in der Steiermark noch drei oder gar vier Tageszeitungen gab, hatte so ein armer Intendant eigentlich keine ruhige Minute. Schrieb die ein Zeitung gut über eine seiner Produktionen, setzten andere schon zum Halali an.

Und nach so mancher Premiere begann die weiß-grüne Volksseele so richtig aufzukochen. Christen und Freigeister, Fortschrittliche und Bewahrer lagen sich in den Haaren. Der bedauernswerte Intendant musste in endlosen öffentlichen Diskussionen Ausrede und Antwort stehen.

Das ist heute alles viel besser. Kein Mensch regt sich in Graz noch über das Theater auf. Und welche Zeitungen sollten sich in der Steiermark schon in die Haare geraten? Hat man sich mit den zweien, die es noch gibt, arrangiert, dann gibt es nichts Schöneres, als Intendant zu sein in Graz. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2003)

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