Die inneren Werte der Schwedenbombe

Gastkommentar6. Februar 2013, 17:06
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Bei reinen Genussmitteln ist es besonders unanständig, sie auf ihren "guten Geschmack" zu reduzieren

Ich mochte nur die mit Kokos. An meine letzte Schwedenbombe kann ich mich nicht mehr erinnern. Es wird wohl zehn oder 15 Jahre her sein. Ich vermisse sie nicht, obwohl sie mir damals geschmeckt hatten. Wie fast allen Kindern in Österreich.

Die erwachsen gewordenen Kinder wollen jetzt die Schwedenbombe "retten". Und ein insolventes Unternehmen noch dazu. Flehende Kauf- und Solidaritätsappelle, stets mit einer ganz persönlichen Erinnerung versehen und immer mit dem Verweis auf die bevorzugte Sorte, tauchen seit ein paar Tagen wieder vermehrt in meiner Twitter- und Facebook-Timeline auf. Frei nach dem von Slow Food geborgten Motto "Essen, was man retten will". Gestern gab es sogar einen Beitrag in der "ZiB" dazu.

Wenn man die Erinnerungen und Emotionen weglässt, bleibt:

Inhaltsstoffe/technische Angaben: Zucker, Hühnereiweiß, Pflanzenfett teilweise gehärtet, Glukosesirup, Kokosraspel, Magerkakao, Weizenmehl, Sojamehl, Magermilchpulver, Geliermittel Agar-Agar, Emulgator Sojalecithin, Hühnereigelbpulver, Vollmilchpulver, Karamellzuckersirup, Vanillearoma.

(Auf einem aktuellen Foto einer Packung Schwedenbomben ab Werk in diesem Wiener Blog sind die Zutaten nicht ganz gleich, aber sehr ähnlich aufgelistet.)

1. Zucker: Schreckt mich nicht, ist aber konventioneller Zucker, den ich nicht kaufe (warum, habe ich in mehreren Reportagen/Magazingeschichten ausführlich argumentiert). Aber der ist nicht das Problem (sondern in allen anderen Süßwaren auch enthalten).

2. Hühnereiweiß: Das ist das Problem. Und zwar ein großes. Ohne Angabe von Herkunft/Art ist nämlich nicht feststellbar, aus welchen Eiern welcher Herkunft das Hühnereiweiß gewonnen wurde. Vermutlich handelt es sich um pulverisiertes Hühnereiweiß oder Flüssigeiweiß, wie es auch für industriell hergestellte Macarons und Ähnliches üblicherweise verwendet wird. Wäre es aus Freilandeiern, würde das der Hersteller deklarieren, denn das wäre ja ein nicht zu unterschätzender Marketingvorteil. Wäre es aus Bodenhaltungseiern, würden das viele Unternehmen in Österreich auch ausloben - obwohl das nach österreichischer (und EU-)Rechtslage Mindeststandard ist. Wie Geflügel gehalten wird, gehört neben der Schweinehaltung zum Unwürdigsten, was Massentierhaltung heute zu bieten hat. Hühnereiweiß ohne genauere Angabe ist keine Zutat, die man zu Hause gerne zum Backen verwenden würde. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich um Hühnereiweiß aus Käfighaltung handelt, solange der Hersteller die Angabe nicht spezifiziert. Und mir wäre auch Bodenhaltung zu wenig.

3. Pflanzenfett teilweise gehärtet: Margarine halt, so what, ich esse keine Margarine, wozu auch? Ein Surrogatprodukt, das nur dann nötig ist, wenn man aus gesundheitlichen oder ideologischen Gründen keine Butter essen darf. Teilgehärtet heißt im Übrigen auch, dass Trans-Fettsäuren, die keinen so guten Ruf haben, nicht auszuschließen sind. In Schwedenbomben wird nicht viel Fett enthalten sein, aber wozu überhaupt? Im Überzug?

4. Glukosesirup: Siehe Zucker. Quelle? Unbekannt. Gilt für viele Gesundheitsapostel als das Böse schlechthin. Es ist einfach noch billigerer Zucker, der technologische Vorteile hat. Er wird nicht aus Zuckerrüben oder -rohr, sondern aus Mais, Erdäpfeln oder Weizen hergestellt. Industriell wird dazu übrigens auch Gentechnik benötigt, nämlich um ein Enzym herzustellen, das wiederum für die Stärkeverzuckerung benötigt wird, wodurch Glukosesirup entsteht.

5. Kokosraspel: Natürlich wissen wir nicht, wo die Kokosnüsse herkommen, aber so weit sind wir ja nicht mal bei Bio-Produkten, die aus mehreren Zutaten bestehen.

6. Magerkakao: Wie und unter welchen Bedingungen Kakao angebaut wird, dürfte sich herumgesprochen haben. Konventionellen Kakao kaufe ich nie.

7. Weizenmehl: Ist natürlich Hauptbestandteil der Waffel, kommt bestimmt auch irgendwo her.

8. Sojamehl: Wetten, dass es nicht aus österreichischem Soja hergestellt wurde? Und wozu überhaupt Soja in Produkten wie diesem? Sojaanbau im großen Stil, vor allem in Südamerika, zieht einen Rattenschwanz an Problemen hinterher: Monokulturen, Gentechnik (vor allem für Futtermittel) und Rodung von Regenwald sind nur ein paar davon. Es gibt Soja aus Österreich, garantiert gentechnikfrei, aber vermutlich ist es preislich "nicht konkurrenzfähig".

9. Magermilchpulver: Noch so ein tierisches Produkt, über das sich kaum jemand Gedanken macht (außer die, die unter Allergien oder Unverträglichkeiten leiden). Woher kommt das Milchpulver? Wie wurden die Milchkühe dafür gehalten?

10. Geliermittel Agar-Agar: Immerhin keine Gelatine (sonst müssten wir auch noch das Thema Schweinehaltung diskutieren).

11. Emulgator Sojalecithin: Siehe Sojamehl.

12. Hühnereigelbpulver: Siehe Hühnereiweiß. (Steht auf dem Foto nicht in der Zutatenliste, könnte aber in der Waffel enthalten sein.)

13. Vollmilchpulver: Siehe Magermilchpulver.

14. Karamellzuckersirup: Süßungsmittel Nummer drei, siehe Zucker und Glukosesirup.

15. Vanillearoma: Was ich von Aromen halte, habe ich hier deutlich formuliert. Obwohl ich bei dem Punkt noch am meisten Nachsicht walten lasse, und zwar aus einem einzigen Grund: die Manner Biskotten, die ich jahrelang wegen der Eier nicht gekauft hatte, werden seit einiger Zeit aus Freilandeiern gemacht. Sonst sind keine tierischen Produkte enthalten. Also ziemlich okay, wäre da nicht das Vanille-Aroma. Da ich aber bis dato keine guten Bio-Biskotten gefunden habe, bleibe ich immer wieder bei denen von Manner hängen. Trotz Aromas.

Ja, ich schaue mir fast jedes Produkt so genau an. Das ist auch mein Job.

Bei reinen Genussmitteln - und dazu zählen Schwedenbomben - finde ich es besonders unanständig, sie auf ihren "guten Geschmack" zu reduzieren. Es kann nicht sein, dass wir, die wir in einem der reichsten Länder der Welt leben, die Verantwortung am Süßigkeitenregal abgeben, nur weil dort irgendeine Emotion anspringt. Und nein, 66 Arbeitsplätze können auch nicht der Grund dafür sein, ein Produkt zu kaufen, das inhaltlich nicht überzeugen kann. Das ist im Übrigen immer ein Totschlagargument: Darf man alte Atomkraftwerke, Tierversuchslabore, schlecht geführte Kinderheime, Betriebe der Rüstungsindustrie, Unternehmen, die ihre Mitarbeiter/-innen ausbeuten, etc. nicht zusperren, weil dann Arbeitsplätze gefährdet sind? Die Verantwortung für die Mitarbeiter/-innen trägt das Unternehmen.

Optimierung des Produkts wäre möglich

Aber: Wer verbietet Niemetz oder ähnlichen Unternehmen in einer ähnlichen Lage, sich neu auszurichten und ein zeitgemäßes Produkt auf den Markt zu bringen, das nicht bloß aus Mitleid (auch mit sich selbst und den verklärten Kindheitstagen) oder Patriotismus gekauft wird? Es gibt ja genügend Beispiele für Genussmittel, die im Prinzip kein Mensch braucht, die aber ethisch und ökologisch verantwortungsvoll hergestellt werden und hervorragend schmecken (auf dem Schokoladensektor fällt mir spontan Nougsus von Zotter ein oder all die konsequenten jungen Chocolatiers in Amerika).

Ich habe nichts gegen kulinarische Kindheitserinnerungen. Im Gegenteil. Sie bestimmen, wie und was wir essen. Aber das schöne Sprichwort "Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche" gilt besonders dann, wenn etwas besser gemacht werden kann, weil man weiß, was falsch oder auch nur nicht mehr richtig ist. Auch wenn es vielleicht ein bisserl weh tut.

Bio-Schwedenbomben

Was für eine großartige Vorstellung: Bio-Schwedenbomben mit echter Vanille. Aus Eiweiß von österreichischen Bio-Freilandeiern. Mit österreichischem Bio-Rübenzucker. Fair gehandeltem Bio-Kakao, -Kokos und -Vanilleextrakt. In einer zu 100 Prozent abbaubaren Verpackung. Die super ausschaut. So, dass man die Dinger einfach kaufen muss. Und weil sie super schmecken, sowieso. Wär' das nicht was?

Schwedenbomben scheinen übrigens ungeachtet des österreichischen Markennamens aus Dänemark zu kommen. Dort heißen sie Flødeboller. Im Noma werden hausgemachte Flødeboller zum Kaffee gereicht. Mit Himbeeren (wie auf meinen Fotos vom Sommer 2009), roten Rüben oder Sanddorn.

Den eigenen Kindern merk-würdige kulinarische Ereignisse zu bescheren könnte zum Beispiel heißen, mit ihnen gemeinsam Flødeboller oder eben Schwedenbomben zu machen. Aus anständigen Zutaten.

Mag noch wer eine Schwedenbombe? (Katharina Seiser, derStandard.at, 6.2.2013)

Katharina Seiser ist freie Kulinarik-Journalistin und Kochbuch-Autorin in Wien und veröffentlicht immer wieder im STANDARD. Im Herbst ist ihr zweites Kochbuch "Österreich vegetarisch" (gemeinsam mit Meinrad Neunkirchner) bei Brandstätter erschienen. Dieser Beitrag erschien ursprünglich in ihrem Blog esskultur.at.

  • Flødeboller, selbst gemachte Schwedenbomben, in Kopenhagen.
    foto: katharina seiser

    Flødeboller, selbst gemachte Schwedenbomben, in Kopenhagen.

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