Trojanischer Flohkrebs bedroht einheimische Fischwelt

7. Februar 2013, 11:40
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Die eingewanderte Schwarzmundgrundel hat ihre Nahrung und einen unangenehmen Parasiten mitgebracht

Die Verdrängung heimischer Arten durch eingewanderte Spezies hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Die genauen Hintergründe, wie die neuen Arten Fuß fassen und erfolgreicher sein können als die angestammte Fauna und Flora, sind großteils noch unbekannt. Deutsche Forscher haben nun die eingeschleppte Schwarzmundgrundel genauer angesehen und festgestellt: Sie ist nicht allein gekommen. Die Fische haben ihre Parasiten und ihre bevorzugte Nahrung gleich mitgebracht.

Angler halten sie für echte Plagegeister: Die Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus) stellt in Rhein und Main derzeit die häufigste von insgesamt fünf invasiven, neozoischen Grundeln dar. Das bedeutet: Die Grundeln sind hier eigentlich nicht heimisch, es handelt sich um sogenannte Neozoen – eingeschleppte bzw. eingewanderte Tierarten. Als invasiv werden dabei diejenigen Arten bezeichnet, welche relevante ökologische Schäden verursachen.

Einwanderer aus der Ponto-Kaspischen Region

Mittlerweile existieren zahlreiche eingewanderte Fischarten und Krebstiere in Rhein und Main. Die Kessler Grundel (N. kessleri), die Schwarzmundgrundel (N. melanostomus) und die Flussgrundel (N. fluviatilis) sowie eine Reihe verschiedener Flohkrebsarten (Amphipoda) sind die häufigsten Vertreter. "Etwa ein Viertel der aquatischen invasiven Arten stammen aus der Ponto-Kaspischen Region, hauptsächlich aus dem Schwarzmeerraum und dem Kaspischen Meer, wobei die Schwarzmundgrundel und der Große Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) zu den prominenten Beispielen zählen", so Sven Klimpel von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und dem Biodiversität und Klima Forschungsinstituts (BiK-F). Die Grundeln vermehren sich rasant. "Insbesondere die Schwarzmundgrundel ist inzwischen mit Abstand die dominanteste Fischart im Rhein und nicht nur unter Biologen, sondern auch unter Berufs- und Hobbyfischern in aller Munde", resümiert der Projektmitarbeiter Sebastian Emde.

Für die gerade im Fachmagazin "PLoS ONE" veröffentlichte Studie hatten die Wissenschafter im Rhein die Angel ausgeworfen, um Nahrungsökologie und Parasitenfauna der Grundeln sowie der invasiven Flohkrebsarten zu untersuchen und dabei mehr über Konkurrenzdruck und Parasit-Wirt-Beziehungen zu erfahren. Dabei konnten sie am Untersuchungsort keinerlei einheimische Flohkrebs-Arten wie beispielsweise Gammarus pulex mehr finden. Die Grundeln hatten entsprechend ausschließlich Flohkrebse gefressen, die wie sie selbst aus der Region des Schwarzen und Kaspischen Meeres eingewandert sind.

Über 90 Prozent der Schwarzmundgrundeln waren zudem mit einem Parasiten befallen, dem ebenfalls nicht heimischen Kratzwurm Pomphorhynchus tereticollis (Acanthocephale), einem Darmparasiten. Die Grundel und ihre Lieblingsspeise, der invasive Höckerflohkrebs, fungieren für den Parasiten als Zwischenwirte: Den Flohkrebs benötigt er zur Entwicklung. Die Grundel nutzt er als Transportwirt zur Verbreitung. Die Zielwirte, größere Fische, infizieren sich, wenn sie Grundeln fressen. Es sind also zwei invasive Arten für die starke Verbreitung eines Parasiten verantwortlich, welcher ebenfalls in dieser Region vorher nicht heimisch war.

Eingeschleppter Wurm gefährdet heimische Fische

Was bedeutet das nun für Barbe, Döbel und Forelle? Genau wie für die invasiven Grundelarten ist der Höckerflohkrebs zur Hauptnahrungsquelle heimischer Fischarten geworden, stellte Klimpel fest: "Das ist energetisch zunächst von Vorteil für die Fische, denn diese Krebstiere sind massenhaft vorhanden."
Der Nachteil für die einheimischen Fischarten: Ihr Immunsystem kennt sich mit den für sie neuen Parasiten nicht aus, weil der Prozess einer gemeinsamen Koevolution nicht stattgefunden hat. Gegenüber hiesigen Schädlingen und Krankheitserregern haben die Fische eine gewisse Widerstandsfähigkeit entwickelt, doch gegen gebietsfremde Organismen besitzen sie oft nur geringe oder gar keine natürlichen Abwehrkräfte. Möglicherweise sterben die Tiere daher durch den Parasiten früher oder sind in ihrer Fitness eingeschränkt.

Die Höckerflohkrebs-Parasit-Grundel-Verkettung steht also modellhaft für einen der vielen Mechanismen, mittels deren eingewanderte Arten gravierende Auswirkungen auf heimische Ökosysteme haben können: "Wenn invasive Arten durch die Verdrängung einheimischer Arten dominieren und dabei auch noch Wirte für bestimmte neue Parasiten und Krankheitserreger sind, können sich Krankheiten leichter ausbreiten", gibt der Parasiten-Experte Klimpel zu bedenken. Letztendlich kann dies zum Verschwinden heimischer Arten aus einem Lebensraum wie dem Rhein führen. Klimpels Fazit: "Der Schutz der heimischen Artenvielfalt dient auch der Gesundheit der Organismen im jeweiligen Ökosystem." (red, derStandard.at, 07.02.2013)

  • Die drei häufigsten invasiven Grundeln im Rhein auf einem Bild vereint: die Kessler Grundel Neogobius kessleri (links), die Schwarzmundgrundel Neogobius melanostomus (mitte) und die Flussgrundel Neogobius fluviatilis.
    foto: senckenberg

    Die drei häufigsten invasiven Grundeln im Rhein auf einem Bild vereint: die Kessler Grundel Neogobius kessleri (links), die Schwarzmundgrundel Neogobius melanostomus (mitte) und die Flussgrundel Neogobius fluviatilis.

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