"Anleihen sind riskanter, als sie scheinen"

6. Februar 2013, 10:48
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Rekordtiefe Zinsen hätten die Risiken für viele Anleihen-Investoren deutlich erhöht, warnt iShares-Chefstratege Koesterich

"Investoren sollten nicht zu viel für Sicherheit zahlen." Russ Koesterich, Chef-Stratege des ETF-Anbieters iShares, hält risikolose Anlagen für alles, aber nicht risikolos. "Mit derart niedrigen Renditen können selbst kleine Zinserhöhungen ein ganzes Jahr an Kupons auslöschen." So haben etwa lang laufende deutsche Staatsanleihen seit Jahresbeginn knapp drei Prozent verloren, bei einer derzeitigen Effektivverzinsung von etwas mehr als zwei Prozent. "Anleihen sind riskanter als sie scheinen." Denn die geringen Renditen haben das Zinsrisiko noch deutlich erhöht.

Für Koesterich ist der Bullenmarkt in vielen Anleihenmärkten bereits zu weit gelaufen. Denn in den vergangenen Jahren haben Anleger als Reaktion auf die Aktienmarktkrise hunderte Milliarden Dollar in Anleihenfonds gepumpt, das zeigen etwa die Lipper-Daten für die USA (siehe Grafik). "Die Anleihen der 'sicheren Häfen' sind alles andere als sicher", mahnen auch die Analysten von Gavekal.

Selbst wenn Analysten bereits eine "große Rotation" vorhersagen, also eine Risikorochade, bei der Anleger risikolose Anleihen wegen ihrer geringen Renditen gegen riskante Aktien eintauschen, sind die Anzeichen dafür nur spärlich gesät. Zwar sind im Jänner laut Daten von EPFR wieder 57,8 Milliarden Dollar in Aktienfonds geflossen. Doch das macht die Abflüsse der vergangenen zwei Jahre (von über 200 Milliarden) nicht wett.

Dabei rotieren die Anleger, allerdings innerhalb des Anleihenmarkts. Hochzinsanleihen, Schwellenländer-Bonds und Kreditpapiere haben mit höheren Renditen das Interesse von Anlegern geweckt. Doch gerade bei gut bewerteten Unternehmensanleihen (Investment Grade Rating von BBB oder besser) ist der Ofen bereits aus. "Die Zinsen sind dort bereits sehr stark zusammengelaufen. Im Endeffekt werden Anleger für die Zins- und Kreditrisiken kaum mehr kompensiert", sagt Koesterich.

Zudem werden die Kapitalgewinne der Vergangenheit nicht zu wiederholen sein. Daher hält er es sogar für nötig, dass "Menschen in ihrer 60ern zumindest einen kleinen Teil Aktien halten sollten, um ihre Kaufkraft zu sichern". Denn das Inflationsrisiko werde mit Anleihen nicht mehr abgegolten.

Auch "sichere" Aktien bereits teuer

Ebenso sieht der iShares-Experte, dass die Anleger am Aktienmarkt zu viel für Sicherheit bezahlt haben. "Die Prämie für US-Aktien ist wohl nicht mehr gerechtfertigt", sagt Koesterich. Aktuell sind die US-Aktien etwa gemessen am zyklisch adjustierten Preis im Verhältnis zum Cashflow der Unternehmen recht teuer bewertet (siehe Grafik). Die Quintessenz: Europäische Unternehmen werden im Vergleich zu US-Unternehmen mit einem saftigen Abschlag zu ihrem Buchwert und ihrer Wirtschaftskraft gehandelt. In den USA ist in vielen Fällen bereits eine Prämie fällig.

Im aktuellen Marktumfeld eine Prämie zu zahlen macht aber für Koesterich kaum Sinn. "2013 wird nur ein wenig besser als 2012, was das globale Wachstum betrifft. Und es gibt noch einige Risiken für die globale Konjunktur, allen voran den US-Budgetstreit." (Lukas Sustala, derStandard.at, 6.2.2013)

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    foto: derstandard.at
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