Sie sagt den Männern, wo es langgeht

Gespräch8. Februar 2013, 09:03
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Rallye-Co-Pilotin Ilka Minor ist Weltklasse. Und in eine Männerdomäne eingebrochen. Die Augen von Jewgeni Nowikow hält die Österreicherin auch bei der Schweden-Rallye in ihren Händen

Ausgerechnet Jewgeni Nowikow. Als Ilka Minor 2012 neben dem russischen Rallye-Piloten Platz nahm, schüttelten manche Beobachter ungläubig den Kopf. "Die dachten, ich wäre ganz hinüber", erzählt die 37-Jährige vor der am Freitag beginnenden Schweden-Rallye im Gespräch mit derStandard.at. Nowikow eilte der Ruf eines veritablen Bruchpiloten voraus, böse Zungen nannten ihn gar "Crashikow". Minor ließ sich nicht abschrecken und hatte nach den ersten Testfahrten in England Vertrauen gefasst: "Ich wollte eigentlich nie mit einem jungen Piloten fahren, aber bei ihm habe ich mich nie unwohl gefühlt."

Der Beifahrerin wird dann etwas mulmig zumute, wenn der Pilot den Boliden nicht unter Kontrolle hat. Bei Nowikow sei das keineswegs der Fall. Seine einstigen Abflüge wertet Minor als das übliche Lehrgeld junger Rallye-Jahre: "Das war bei Colin McRae oder Petter Solberg nicht anders." Mittlerweile ist Nowikow 22 Jahre alt und nicht nur für Ausrutscher in die Botanik bekannt. In der Fahrer-WM 2012 belegte er in seinem Ford Fiesta den sechsten Rang, in Portugal stand er als Zweiter erstmals auf dem Podium. Als Nowikow auf Sardinien abermals den zweiten Rang einfuhr, saß Minor bereits an seiner Seite.

Bittersüße Monte

Mit dementsprechend hohen Erwartungen ist die Paarung in die neue Saison gestartet. Und beinahe wäre der Auftakt bei der Rallye Monte Carlo mit einem Spitzenplatz geglückt, wären da nicht ein leichter Buserer und ein infolge dessen kaputtes Rad gewesen. Ausfall statt Podium. "Wir hatten uns vom sechsten auf den dritten Platz nach vorne gearbeitet", erzählt Minor mit bittersüßer Miene, die vielversprechende Leistung stand dem Unfall gegenüber. Die Bedingungen bei der Monte seien diesmal komplizierter denn je gewesen: "Es war eisig, dann matschig und plötzlich wieder trocken, sehr schwierig zu fahren."

Im Normalfall bleibt die Beschaffenheit der Strecke während einer Rallye unverändert. Man unterscheidet Schotter- und Asphaltrennen. Einige Tage vor dem Start fährt Minor mit ihrem Partner den Kurs ab und fertigt einen Schrieb an. Sie nimmt es dabei sehr genau, die Besichtigung kann inklusive Nachbearbeitung der Notizen 30 Stunden dauern. Kurven und Kuppen wollen exakt notiert sein, präzise Anweisungen sind der Schlüssel zu einer sauberen Fahrt. Während des Rennens kann der Pilot nicht auf Sicht fahren, er muss blind auf die Ansagen seiner Co-Pilotin vertrauen. "Dein Schrieb sind meine Augen", pflegt Nowikow zu sagen.

Die Augen sind überall

Während ihr ehemaliger WM-Partner Manfred Stohl die Kurven je nach Winkel in Stufen von 1 bis 5 einteilt, fordert Nowikow von seiner Co-Pilotin einen anderen Stil, der sei "für den Laien nicht zu verstehen". Was der Couch-Potato aber durchaus begreifen kann: Der Beifahrer muss zu jedem Zeitpunkt höchst konzentriert sein, zur Schmerzvermeidung sollte er zudem links und rechts unterscheiden können. Die Augen sind während der Fahrt quasi gleichzeitig auf Schrieb und Strecke gerichtet. Das geht an die Substanz, der Geist ermüdet, gegen Ende einer Rallye sackt man allmählich zusammen. Auch körperlich stellen die Rennen eine Herausforderung dar: "In Schweden hängen die Eiszapfen im Auto, in Griechenland hat es 40 Grad Außentemperatur."

Wer Rallye sagt, sagt weder Kiesbett noch Auslaufzone, sondern Baum, Mauer und Abgrund. "Wenn man diesen Gedanken nicht ausblendet, hat man schon verloren", sagt Minor. Die gebürtige Ferlacherin blieb im Laufe ihrer Karriere freilich nicht von Unfällen verschont. Bis auf eine Operation nach einem Bruch des zwölften Brustwirbels kam sie aber immer glimpflich davon. Und selbst dieser Unfall im Rahmen der Steiermark-Rallye 2010 habe nicht wehgetan: "Wir sind auf einen Erdwall gefahren, ich wurde in den Sessel gedrückt, es war eigentlich relativ harmlos."

Erdige Motorsportszene

Manfred Stohl saß damals hinter dem Steuer und war ob der Verletzung seiner Co-Pilotin natürlich besorgt. Man kennt sich gut, bestritt zwischen 2001 und 2007 gemeinsam die Rallye-WM. Dann stieg Sponsor OMV aus mit der offiziellen Begründung, sich fortan intensiver im Sozialbereich engagieren zu wollen. Wenige Monate später wurde der Erdöl- und Erdgaskonzern als Großsponsor von Rapid Wien präsentiert. Nach dieser Enttäuschung kehrte Minor, die selbst nie ans Lenkrad wollte, erst 2010 in die Weltmeisterschaft zurück, an der Seite von Henning Solberg.

In der erdigen Rallye-Szene fühlt sich Minor gut aufgehoben. Fernab luxuriöser Rundkurse wird zwar nicht der rote Teppich ausgerollt, dafür ist die Nähe zu den Motorsportfans immer gegeben. Für Formel-1-Fahrer Kimi Räikkönen, der in zwei Rallye-Jahren nicht über einen fünften Platz hinauskam, sei das zunächst ein Kulturschock gewesen: "Er hat sich im Auto versteckt." Minor hingegen spricht gerne mit den Fans. Nur während der Rennen wünscht sie sich etwas Zurückhaltung, manche Zuseher bringen sich selbst in Gefahr, stehen an den unsichersten Stellen, im Kurvenausgang, einfach überall.

Aufbruchstimmung in der Rallye-WM

Am Col de Turini sei der Zuschauerandrang bei der diesjährigen Monte wieder besonders groß gewesen, "aber die Piloten sind so auf ihre Fahrt konzentriert, dass sie das gar nicht wirklich mitkriegen". Das schnellste Auto war bei dieser ersten Rallye des Jahres natürlich der Citroën des Franzosen Sebastian Loeb. Zum achten Mal hat er den Klassiker gewonnen, wie immer mit dem Monegassen Daniel Elena als Co-Piloten. "So eine langjährige Partner- und Freundschaft ist natürlich von Vorteil", sagt Minor. Dem Teilrückzug von Loeb, er fährt in diesem Jahr nur vier Rennen, kann sie durchaus etwas abgewinnen: "Dann wird es wieder spannender. Wenn man schon im Jänner weiß, wer Weltmeister wird, ist es etwas fad. Sogar für Loeb selbst."

Dass Red Bull in der Weltmeisterschaft neuerdings die Rolle des Promoters innehat, wertet Minor als Zeichen des Aufbruchs. In den vergangenen Jahren habe sich wenig bewegt, wurde der Sport medial kaum noch wahrgenommen. Darüber will sich Minor aber gar nicht beschweren, etwas ärgerlicher wird sie, wenn man auf die Riege der ehemaligen Gruppe-B-Fahrer zu sprechen kommt, die die heutige Generation abschätzig als "Müsli-Jungs" bezeichnen. Gruppe B, das ist so eine Art Mythos. Die zwischen 1982 und 1986 eingesetzten Fahrzeuge waren extrem leistungsstark, kaum zu bändigende Monster. "Auf der Geraden waren sie schnell, in der Kurve sind sie im Vergleich zu heute aber herumgeeiert", sagt Minor.

Die begehrte Michael Park Trophy

Ihre Rolle als einzige Frau in der Weltklasse will Minor nicht hervorheben, sie will sich mit den Herren messen und an ihnen gemessen werden. Skepsis sei ihr in der Männerdomäne Motorsport ohnehin nie entgegengeschlagen. Im Gegenteil: 2011 erhielt Minor die prestigeträchtige Michael Park Trophy für den besten Co-Piloten des Jahres. "Schreiben Sie bitte nicht, ich sei die beste Beifahrerin, sonst fahre ich ja nur gegen mich selbst", gibt sie dem Autor zum Abschied noch mit auf den Weg und biegt ab Richtung Schweden. (Philip Bauer, derStandard.at, 8.2.2013)

Link

Ilka Minor auf wrc.com

Sendetermine zur Schweden-Rallye auf ServusTV im Überblick:

Sa, 09.02., 10.35 Uhr
Schweden - Highlights

Sa, 09.02., 00.10 Uhr
Schweden - Highlights

Mo, 11.02., 22.35 Uhr
Schweden - Highlights vom Wochenende 

  • Auf klassischem Boden: Ilka Minor bei der Rallye Monte Carlo ...
    foto: apa/ap/cipriani

    Auf klassischem Boden: Ilka Minor bei der Rallye Monte Carlo ...

  • ... mit ihrem hochtalentierten Fahrerkollegen Jewgeni Nowikow.
    foto: ispfd

    ... mit ihrem hochtalentierten Fahrerkollegen Jewgeni Nowikow.

  • Und einst mit Henning Solberg bei der Akropolis-Rallye.
    foto: apa/epa/vlachos

    Und einst mit Henning Solberg bei der Akropolis-Rallye.


  • Spektakel: Vorschau zur Schweden-Rallye.


  • Schön: Testfahrten mit Jewgeni Nowikow.


  • Irre: Vollgas mit Henning Solberg.


  • Ganz schön irre: Minor sagt Manfred Stohl den Weg an.

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