Von der Leichtigkeit des Deutschlernens

6. Februar 2013, 09:00
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Wie in unserer Familie Deutsch mithilfe von ORF, Mundl und Co. zur Kommunikationssprache wurde

Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, wann ich Deutsch "gelernt" habe, weil ich ja selbst nicht zugewandert, sondern in Österreich auf die Welt gekommen bin. Als hier Geborene verfüge ich weder über Migrationserfahrung noch über traumatisierende Erlebnisse mit der deutschen Grammatik, insbesondere dem der, die, das - dem Grauen jedes Deutschlernenden.

Ich kann mich auch nicht daran erinnern, mich im Kindergarten als Fremde gefühlt zu haben, die von exotischen Tanten umgeben ist, die in einer ihr unverständlichen Sprache zu ihr reden. Ganz im Gegenteil, Deutsch war immer schon da, noch bevor ich in den Kindergarten ging. Ich hatte wohl den Vorteil, dass meine älteren Geschwister, die im Kindergarten- beziehungsweise Schulalter nach Österreich "mitgewandert" waren, bereits Deutsch sprechen konnten.

Die deutsche Sprache war und ist mir nicht fremd. Ich hörte sie von meinen Geschwistern, ich hörte sie, wenn sich mein Vater in einwandfreiem Baustellendialekt - bis heute kann er kein Hochdeutsch sprechen, und ich dafür nicht im Dialekt - mit unserer Vermieterin unterhielt. Ich hörte die Sprache, wenn unsere Vermieterin - eine ältere, unverheiratete pensionierte Krankenschwester, die zur Kriegsgeneration gehörte und uns immer zum Sparen ermahnte, weil man weiß ja nie, welche Zeiten auf einen zukommen - meiner analphabetischen Mutter aus Ostanatolien aus der "Kronen Zeitung" vorlas.

ORF = Einführung ins Österreichische

Ich hörte die deutsche Sprache, genauer gesagt das Österreichische, aus dem Fernseher, denn bis zu meinem 18. Lebensjahr hatten wir kein Satelliten-TV, weder deutsche noch türkische Kanäle. Mein Vater pochte vehement auf das österreichische TV-Staatsmonopol, damit wir alle gut Deutsch lernen. Die "ZiB" war unser tägliches gemeinsames Ritual am Abend, auch unsere alleinstehende Vermieterin kam zu uns ins Erdgeschoß, um mit uns schwarzen Tee zu trinken und "Zeit im Bild" zu schauen.

Der Mundl, die "Alltagsgeschichten" von Elizabeth T. Spira, der "Kaisermühlen-Blues" mit all der Politparodie um die schwarz-rote Bonzenpolitik und den aufstrebenden Rechtsaußenüberholer, ja selbst der "Musikantenstadl" mit dem Hias und Moik, das war unser Abendprogramm. Mein Vater war begeistert von den Zillertaler Schürzenjägern und von Edmund Sackbauer, diesem Prototyp des resoluten Arbeiters, der sich nicht unterkriegen lässt und glaubt, er habe das Sagen in der Familie.

Satellitenschüsseln verbannen?

Wer gerade Kanzler und Vizekanzler in Österreich war, wussten meine Eltern immer, auch die Namen einiger Minister waren ihnen bekannt. Kreisky, Vranitzky, Klestil - diese drei mochten sie besonders. Als aber das Satelliten-TV auch in ihren vier Wänden Einzug hielt und Schüssel an die Macht kam, verloren sie das Interesse an österreichischer Politik.

Ist also die Lösung zur perfekten Integration und zum schnellen Deutschlernen eine 24-Stunden-Zwangsbeglückung mit ORF 1 und ORF 2 über mehrere Jahre hinweg und das Verbot von Satellitenschüsseln? Das allein reicht nicht. Sprache wird nur dann gelernt, wenn sie praktiziert wird, im Gespräch und Kontakt mit denen, die Deutsch als Muttersprache haben. Wenn in den Schulen Migrantenkinder in Extraklassen oder in Sonderschulen abgeschoben werden, dann gibt es keinen (Sprach-)Austausch mit Kindern, die Deutsch als Muttersprache haben.

Mehr Förderung statt Riesentamtam

Als ich in die Volksschule ging (und auch danach), hatte ich keine Probleme im Unterrichtsfach Deutsch, aber ich war Legasthenikerin und tat mich auch noch schwer mit dem rollenden "r". Meine Klassenlehrerin wurde darauf aufmerksam und schickte mich ein- bis zweimal pro Woche zu einer Logopädin. Andere Kinder (mit und ohne Migrationshintergrund) waren an diesen Nachmittagen auch anwesend, weil sie Legasthenie oder andere Sprechfehler hatten. Aus diesen Sprechfehlern wurde aber kein Riesenmanko gemacht, wir fühlten uns nicht wie auf dem Abstellgleis. Es wurde einfach nicht viel Aufhebens darum gemacht und wir wurden alle unsere Sprechfehler und Legasthenie los.

Vielleicht gab es damals einfach bessere Fördermöglichkeiten und kein Riesentamtam, wenn Migrantenkinder noch nicht perfekt Deutsch konnten bei Schuleintritt. Heute wird über nichts anderes mehr gesprochen und politisches Kapital daraus geschlagen, anstatt mehr in sprachliche Frühforderung schon im Kindergarten und gezielten Förderunterricht für Kinder - mit oder ohne Migrationshintergrund - in allen Hauptfächern zu investieren. (Güler Alkan, daStandard.at, 6.2.2013)

  • Der Mundl, die "Alltagsgeschichten", der "Kaisermühlen-Blues", ja selbst der "Musikantenstadl" - das war unser Abendprogramm.
    foto: orf

    Der Mundl, die "Alltagsgeschichten", der "Kaisermühlen-Blues", ja selbst der "Musikantenstadl" - das war unser Abendprogramm.

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