Wo ist das Design?

7. Februar 2013, 17:04
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Das Linzer Designerduo March Gut entwirft Küchen für den Garten und macht der Bierbank neue Beine - Warum, das erfuhr Michael Hausenblas

Dass sich Designer seit geraumer Zeit dagegen wehren, als Verhübschungsbastler abgetan zu werden, ist bekannt, würdig und recht. Dass Design im besten Falle unsichtbar sei, ist hingegen eine nicht so verbreitete These. Das behaupten nämlich Marek Gut und Christoph March, die seit 2010 unter dem Label March Gut in Linz firmieren. Anlass, den beiden auf den Gestalterzahn zu fühlen, denn unsichtbar ist ihr Design in Form von Hockern, Bänken, Sesseln, Skiern und Leuchten ganz und gar nicht.

Mit ihren Entwürfen erzeichneten sich die beiden längst einen Fixplatz in der Sippe der jungen, heimischen Gestalter - ihre Auftritte absolvieren sie mit Möbeln wie der Commode, einem Schrankmöbel mit vielen Schubladen und Geheimfächern, das gattungstechnisch irgendwo zwischen Truhe und Kabinettschrank daheim ist. Das mit Nussholz furnierte Ding, das auf einem filigranen Metallgestell ruht, darf ruhig als ein Spiel mit dem Märchenobjekt Schatztruhe verstanden werden.

Trotz reduzierter Formensprache verlangt es Aufmerksamkeit in der Wohnlandschaft. Ebenso der zweite Kommodenstreich der Designer, der Commander, eine Kombination aus gebogenem Stahl und mit Gummi furnierter Oberfläche, die durch eine elegante Containerästhetik punktet.

Do-it-yourself-Serie Geh'Stell

March Gut wollen ihre Auffassung von Ästhetik verständlich machen, Sinne kitzeln und dabei doch unauffällig bleiben. Anders formuliert: So paradox es klingen mag, March Gut kommen mit ihrem Design sehr einfach und doch auch verspielt daher. "Die Verspieltheit entsteht oft zufällig, beim Herausfitzeln des Wesens eines Objekts", erklärt der 1983 in Südtirol geborene March, der neben seinem Dasein als Entwerfer auch auf die Trommeln der italienischen Hardcore-Band Norean drischt. "Wenn sich Design in den Kontext einfügt, dann wird es unsichtbar", setzt er nach. Ein gutes Objekt muss nicht bewusst als Design wahrgenommen werden, könnte man auch sagen.

Auch das Spiel mit alten Werten und Traditionen bezeichnet die Herangehensweise der Designer an so manches Stück, zum Beispiel im Falle ihrer Eckbank Eckebank - eine Neuinterpretation oder beinahe eine Art Wiederauferstehung des einstmals wohl prototypischsten aller österreichischen Möbel. March Gut entwarfen eine einfache, solide Möbelgruppe mit weißlackierten Sitz- und Tischflächen, die auf kräftigen Beinen aus Nussholz rasten.

Ein Alzerl frecher und frischer gingen sie im Falle ihrer Do-it-yourself-Serie Geh'Stell vor und machten dem österreichweit omnipräsenten Möbel namens Bierbank Beine. Eine Rettungsaktion für alte, liebgewonnene Dielen und Bretter schwebten March und Gut dabei vor, denn sie stellen lediglich ein wohlgestaltetes Rohrgestänge mit Auflagefläche zur Verfügung. In diese werden die Lieblingsbretter simpel eingefädelt. "Ein Herz, in ein Brett geritzt, oder ein Geburtsdatum - auf den alten, modrigen Holzdielen haben sich Generationen mit ihren Gedanken und Botschaften verewigt. Wir wollen sie nicht einfach in den Ofen werfen", dachten sich die beiden. Dasselbe Prinzip kommt auch bei ihrer mobilen Küche für drinnen und draußen zum Tragen.

Die Lebensgeschichte des Möbels

Nostalgie, Geschichte und das Reflektieren von Traditionen sind also auch Buchstaben des Formenalphabets von March Gut. "Wir würden durchaus sagen, dass ein Möbel eine Lebensgeschichte vorzuweisen hat. Im Umgang mit der jeweiligen Gattung geht es dabei natürlich auch um Kultur und Rituale", formuliert es der 1978 in Krakau geborene Marek Gut und meint weiterführend: "Die schönste Lebensgeschichte eines unserer Möbel würde sein, wenn es über Generationen weitervererbt würde" - eine Idee, von der man seitens Industrie und Handel wohl weniger Gutes halten wird. Gut also, dass es Gut gibt. Und March.

Apropos Geschäft: Wie viele andere junge Gestalter des Landes, zum Beispiel die Studios Polka, White Elephant, Danklhampel oder mischer'traxler schlossen sich die beiden sehr wohlüberlegt zu einem Duo zusammen. Der Austausch sei wichtig, die verschiedenen Blickwinkel würden ein mehrdimensionales Reflektieren ermöglichen, erklären die beiden. March nennt es eine Art "geistiges Pingpong". Die zwei, die nicht nur gemeinsam arbeiten, sondern auch zusammen wohnen, aber Wert darauf legen zu erwähnen, dass sie separate Freundinnen haben, umschreiben den "guten" Designer als einen, der die Arbeit auf das Wesentliche reduziert, als einen gefühlvollen Konstrukteur. Dabei fallen Namen wie Santiago Calatrava oder Gustave Eiffel.

Auch wenn den beiden, die im Salär von Kunden wie Swarovski, Silhouette, Atomic, Kneissl oder Dotzauer stehen, der Begriff etwas zu abgelutscht daherkommt, ist es doch die Entschleunigung, der sie auch mit ihrem Interieur-Design eine Möglichkeit zur Ausbreitung geben wollen. Dieses ist zum Beispiel in der Vinothek Ignis beim Linzer Hauptplatz oder im Plachutta bei der Wiener Staatsoper zu erleben. "Wir freuen uns besonders in Zeiten von Social Media, wenn es unsere Umgebungen begünstigen, dass Menschen auch im echten Leben mehr zusammenkommen. Dazu kann eine Umgebung viel beitragen."

Design für die Wüste

Ebenso kulinarisch, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, kam der soziale Aspekt in der Arbeit von March Gut im Rahmen ihres Projekts während der vergangenen Vienna Design Week rüber. Die beiden überlegten sich, was modernes Design im Falle des am Wiener Brunnenmarkt ansässigen Fleischers Karl Sterkl anbieten könnte. Es ging den beiden aber nicht darum, eine neues Paar Würstl oder einen Fleischerhaken zu entwerfen, sondern sich zu überlegen, wie man einen traditionellen Fleischer besser in eine Umgebung, die von vielen verschiedenen Kulturen geprägt wird, integrieren könnte.

Ziel war es, den Fleischer, der von den Marktstandln in die zweite Reihe verdrängt wurde, wieder in die erste Reihe zu bringen. Dies geschah einerseits durch ein temporäres Standl für den Metzger sozusagen fußfrei, mehr aber noch dadurch, dass die Designer eine von Sterkl entwickelte Wurst ohne Schweinefleisch für muslimische Kunden in Kochrezepte verpackten. Für diese waren wiederum Zutaten von vielen anderen Marktanbietern nötig. "Klar kann man als Designer nicht unbedingt die Welt retten, aber selbst dieses kleine Projekt zeigt, dass man etwas tun kann", erklärt Marek Gut.

Jeden Tag üben

Ob die Arbeit eines zeitgenössischen Designers angesichts unzähliger neuer und fragwürdiger Möbel, die jedes Jahr den Markt überschwemmen, nicht auch Frustpotenzial birgt, beantwortet Gut folgendermaßen: "Klar muss man sich den Sinn eines neuen Produkts zweimal überlegen. Da geht es vor allem um Materialien und Produktionstechniken, um Emotion, um viel Beobachtung und Erfahrung, die in etwas wirklich Neues fließen müssen.

Design ist nicht etwas, das von selbst kommt. Unser Job ist durchaus mit dem eines professionellen Geigers zu vergleichen. Auch der muss jeden Tag üben. Und abgesehen davon: Wir können ja gar nichts anderes", so der Absolvent der Meisterklasse für Industrial Design an der Kunst-Uni Linz, der davon träumt, eines Tages einen Sessel für den Papst zu entwerfen.

Auf die Frage, mit welchen drei Worten sie ihre Objekte umschreiben würden, geraten die beiden ins Stocken. Eine Autofahrt von Wien nach Linz später reichen sie die Wortspende nach: "Ehrlich, elegant und funktional." Und dankenswerterweise nicht unsichtbar. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 8.2.3013)

Christoph March und Marek Gut werden heuer im April auch den gemeinsamen Auftritt der österreichischen Designszene rund um die Mailänder Möbelmesse inszenieren. Als Location wählten sie dafür die ehemaligen Showrooms von Marc Jacobs im Salone dei Tessuti. Dort wollen sie neben den "üblichen Verdächtigen" auch einige unbekanntere, junge Designer zeigen. Ein heißer Insider-Tipp der beiden Designer lautet, neben den Messehallen und dem ganzen Tamtam in der Stadt auch den Mailänder Campingplatz zu besuchen, denn dort spiele sich während der Messe das ganz große Designer-Woodstock ab.

www.marchgut.com

  • Das Duo March Gut auf der Linzer Eisenbahnbrücke.
    fotos: andreea sasaran; helga traxler

    Das Duo March Gut auf der Linzer Eisenbahnbrücke.

  • Die Outdoor-Küche aus der Serie "Geh'Stell", bei der die Designer neue Beine für Dielen und Bretter aller Art erfanden.
    fotos: andreea sasaran; helga traxler

    Die Outdoor-Küche aus der Serie "Geh'Stell", bei der die Designer neue Beine für Dielen und Bretter aller Art erfanden.

  • Ihre Kommode "Commander".
    fotos: andreea sasaran; helga traxler

    Ihre Kommode "Commander".

  • Christoph March (li) und Marek Gut.
    fotos: andreea sasaran; helga traxler

    Christoph March (li) und Marek Gut.

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