Der Forelle wird der Zugang verweigert

5. Februar 2013, 18:49
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Die Seeforelle, der "Fisch des Jahres 2013", ist selten geworden - War sie vor wenigen Jahrzehnten noch häufig zu finden, machen ihr zunehmend Eingriffe des Menschen das Leben schwer

Wer in die Arten des Jahres aufgenommen wird, ist gewöhnlich gefährdet. So auch die Seeforelle, die der "Fisch des Jahres 2013" ist. Dabei war sie bis vor ein paar Jahrzehnten ein häufiger Bewohner vieler österreichischer Seen. Dass sie das heute nicht mehr ist, liegt in erster Linie an Gewässerregulierungsmaßnahmen, teilweise aber auch an der Fischerei.

Wer zwar Bachforellen kennt, mit dem Begriff "Seeforelle" aber nichts Rechtes anzufangen weiß, muss sich deshalb keine Sorgen machen: "Die Seeforelle ist eine Bachforelle, die im See lebt", wie Günther Unfer vom Institut für Hydrobiologie und Gewässer-Management der Wiener Universität für Bodenkultur erklärt.

Zoologisch gesehen, gehören sie beide zur selben Art - Salmo trutta -, die aber in drei Ökotypen vorkommt: als Bachforelle, die ihr ganzes Leben in Fließgewässern verbringt, als Seeforelle, die als erwachsener Fisch in Seen lebt, und als Meerforelle, die im Süßwasser laicht, aber sonst im Meer bleibt.

Als Angehörige derselben Art sind alle drei Varianten untereinander fortpflanzungsfähig. Nichtsdestoweniger entwickeln sie in Anpassung an ihre Lebensräume allerhand Unterschiede. "Im Jugendstadium sind Bach- und Seeforellen nicht zu unterscheiden", weiß Unfer aus langjähriger Erfahrung, "erst bei den erwachsenen Seeforellen werden die roten Punkte der Bachforellen durch schwarze Kreuze ersetzt, die in Seen eine bessere Tarnung bieten."

Erwachsene Fischfresser

Während die Bachforelle sich weitgehend von Insekten und anderen Wirbellosen ernährt, sind Seeforellen im Erwachsenenalter fast ausschließlich Fischfresser. Dementsprechend werden Bachforellen durchschnittlich 20 bis 40 Zentimeter groß und ein bis zwei Kilogramm schwer, wohingegen Seeforellen locker Längen von 90 Zentimeter und ein Gewicht von acht bis zehn Kilogramm erreichen.

Allen Forellen gemeinsam ist ein Phänomen, das "homing" genannt wird: Sie kehren zum Laichen in die Gewässer zurück, in denen sie selbst aus dem Ei geschlüpft sind. Hier liegt auch der wesentlichste Faktor für den Rückgang der Seeforellen-Bestände in Österreichs großen Seen: "In vielen Seen sind die Zubringerflüsse durch Kraftwerksbauten oder durch Sohlstufen für die Fische nicht mehr erreichbar", sagt Unfer. Staustufen und Regulierungsmaßnahmen beeinträchtigen außerdem den Geschiebetransport in vielen Flüssen, was für die Fische zusätzliche Probleme schafft: Zum Laichen brauchen die Forellen nämlich lockeren Schotter, in den das Weibchen im Herbst oder Winter mit Schwanzschlägen eine Mulde gräbt, in die es seine vier bis fünf Millimeter großen Eier legt.

Ein solches "Nest" muss gut von Wasser durchströmt sein, damit die Eier ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Durch Land- und Forstwirtschaft kommt es jedoch oft zu starkem Eintrag von feinen Sanden in Flüsse und Bäche. Diese können die Lücken im Schotter verstopfen und so bewirken, dass die Eier an Sauerstoffmangel zugrunde gehen.

Hohe Sterblichkeit

Die geschlüpften Winzlinge können zwar noch nicht schwimmen, sind aber sehr beweglich. Sie bleiben noch einige Wochen im Schotter und ernähren sich in dieser Zeit von ihrem Dottersack. "In dieser Lebensphase ist die Sterblichkeit am höchsten", sagt Unfer. Wie er mit Kollegen an der Oberen Ybbs in Niederösterreich zeigen konnte, beeinflusst vor allem das Geschehen im Fluss während der Schneeschmelze massiv die Jungfischdichten im darauffolgenden Herbst.

Sobald die Jungfische ins freie Wasser vordringen, besetzen sie ein Territorium, das sie gegen Eindringlinge - meist handelt es sich dabei um Schlupfgeschwister - verteidigen. Nach einigen Monaten wandern die künftigen Seeforellen in die Seen ab, wo sie sich hauptsächlich von Fischen ernähren und rasch größer werden. Mit Eintritt der Geschlechtsreife kehren sie, soweit möglich, an ihren Geburtsort zurück, um sich dort zu paaren und zu laichen. "Was dazu führt, dass die eine Variante in den See abwandert, ist bislang ungeklärt", bedauert Unfer. Anzunehmen sei eine genetische Komponente des Verhaltens, aber "die Seeforellen bleiben nicht immer unter sich. Es kann schon auch vorkommen, dass sich See- und Bachforellen paaren." Für den massiven Rückgang der Seeforellenbestände ist nicht nur der mangelnde Nachwuchs verantwortlich. Auch die Befischung der erwachsenen Tiere hat dazu beigetragen: "Berufsfischer, die in erster Linie auf Renken aus sind, arbeiten heute mit Kunststoffnetzen, die die Forellen schlechter sehen als die früher üblichen Baumwollnetze, dadurch werden sie leichter mitgefangen", erklärt Wolfgang Hauer, Fischereimeister am Institut für Gewässer-Ökologie, Fischereibiologie und Seenkunde in Scharfling am Mondsee.

Fremdbesatz als Problem

Probleme macht auch der Besatz von Seen mit "Fischen minderer Qualität, die nicht aus dem See stammen", sagt Hauer. "Die kennen sich nicht aus und finden oft nicht zu den Laichplätzen, oder sie werden gar nicht geschlechtsreif." Auch das Aussetzen von anderen, nicht heimischen Fischarten, kann unerwünschte Folgen haben. "Die Veränderung der natürlichen Artenzusammensetzung in den Seen bedeutet große Probleme für die Seeforelle", warnt Unfer: Im Lunzer See in Niederösterreich vermehren sich derzeit vom Menschen eingebrachte Barsche und Hechte stark, was zu einer deutlichen Reduktion der Elritzen, der bevorzugten Beute der Seeforellen, geführt hat.

Hindernisse entfernen

Um die Seeforelle zu schützen bzw. zu fördern, braucht es also in erster Linie Renaturierungsmaßnahmen und das Entfernen von Hindernissen bei ihren Laichgewässern, aber auch fischereiwirtschaftliche Maßnahmen. Die wichtigste davon wäre für Hauer die Erhöhung des Mindestfangmaßes für Seeforellen, also jener Größe, bis zu der ein Fischer oder Angler einen gefangenen Fisch ins Gewässer zurück entlassen muss. So wäre sichergestellt, dass möglichst viele Tiere zur Fortpflanzung kommen.

Am Bodensee, wo der Seeforellenbestand in den 1950er-Jahren zusammenbrach, hat man vor rund 25 Jahren die Schonbestimmungen verschärft und die Aufstiegshindernisse in den Zuflüssen beseitigt. Seitdem geht es kontinuierlich aufwärts. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 06.02.2013)

  • Die Seeforelle ist eine Bachforelle, die in einem See lebt. Dort ernährt sie sich ausschließlich von kleineren Fischen wie Elritzen. Diese werden ihr aber von vom Menschen eingebrachten Barschen und Hechten streitig gemacht. So geschehen im Lunzer See.
    foto: wolfgang hauer

    Die Seeforelle ist eine Bachforelle, die in einem See lebt. Dort ernährt sie sich ausschließlich von kleineren Fischen wie Elritzen. Diese werden ihr aber von vom Menschen eingebrachten Barschen und Hechten streitig gemacht. So geschehen im Lunzer See.

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