Abseits von Magnaten und Metropolen

5. Februar 2013, 18:29
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Peter Rauscher erforscht den überregionalen Donauhandel

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Ich gehöre zum wissenschaftlichen Proletariat", sagt Peter Rauscher. Sein Leben als drittmittelfinanzierter Historiker folgt dem Muster: Anträge schreiben, das Projekt fristgerecht abarbeiten, publizieren und gleichzeitig vielversprechende Spuren weiterverfolgen. Immer unter dem Druck des Wettbewerbs um Fördermittel. Dazwischen Gastprofessuren zur Österreichischen Geschichte und zur Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Wien.

Das hat auch Vorteile: freie Zeiteinteilung und tun, was ihn wirklich interessiert. Den Anerkennungspreis für Wissenschaft des Landes Niederösterreich 2012 erhielt er für eine Fleißaufgabe: Gemeinsam mit Kolleginnen verfasste der gebürtige Nürnberger nach Abschluss eines Projekts am Institut für jüdische Geschichte Österreichs (St. Pölten) die Edition Austria Judaica, in der Quellen zum jüdischen Leben in Niederösterreich und Wien zwischen 1520 und 1671 abgedruckt und kommentiert wurden.

Bei seiner Recherche in den rund 50 jüdischen Landgemeinden fand der 42-Jährige in Krems den Anfang des roten Fadens für seine Arbeit über den überregionalen Donauhandel. Die Wirtschaftsgeschichte rückt oft Magnaten ins Zentrum: "Die Fugger, Mateschitz oder Stronach kennt jeder. Mich interessiert der Normalfall, also der Handel abseits der großen Metropolen und der durchschnittliche Kaufmann", erklärt der Fachmann für das 17. und 18. Jahrhundert.

Im Frühjahr 2013 will er das letzte Projekt mit einer Datenbank abschließen, in der die zwischen 1621 und 1737 in Krems tätigen Kaufleute und ihre Waren verfügbar und durchsuchbar gemacht werden. Die Datensätze stammen aus den Waags- und Niederlagsbüchern der Stadt. Für das nächste Forschungsprojekt zieht er nach Aschach in Oberösterreich weiter, wo er Mautregister durchforsten und den Donauhandel für einen Zeitraum von 150 Jahren rekonstruieren will: Knapp 200 noch unerschlossene Bücher à 70 Zentimeter - ohne Index - warten.

Horizonterweiterung

Nach der Bundeswehr belegte Rauscher zunächst Physik. Rasch wurde ihm klar, dass er besser mit Texten umgehen kann. Also studierte er Geschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg, in Tübingen, Passau und Wien, wo er fachlich zunächst an den Habsburgern hängenblieb. 2005 habilitierte er sich mit einem Buch über die jüdische Landgemeinde in Langenlois im Zeitalter des Dreißigjährigen Kriegs. Nach seinem vorhergehenden Interesse für kaiserliche Finanzen und die Strukturgeschichte des Politischen waren die Quellen des historischen Alltagslebens für ihn "horizonterweiternd". Von Schlägereien über Diebstahl bis zu Pferdehandel und Steuerstreitigkeiten reichte das Spektrum.

Sein persönliches Highlight ist ein Gerichtsprotokoll aus Waidhofen an der Thaya. Es weist die merkwürdige Tradition des Würfelzolls für diese Gegend erstmals nach. Dabei handelt es sich um einen aus dem Zollwesen stammenden diskriminierenden "Sport" meist jüngerer christlicher Männer, Juden unter Androhung von Gewalt Spielwürfel abzupressen. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 06.02.2013)

  • Stieß auf die Tradition des Würfelzolls: Peter Rauscher.
    foto: putz

    Stieß auf die Tradition des Würfelzolls: Peter Rauscher.

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