Die feinen Unterschiede in der Mediennutzung

5. Februar 2013, 18:26
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Was entsteht, wenn die Leselust der Lehrer auf die Fernsehgier der Schüler trifft?

Medienpädagogen sind dieser Frage an Wiener Schulen nachgegangen und haben Lösungsvorschläge entwickelt.

Wie viel Lehrstoff beim einzelnen Schüler tatsächlich ankommt, ist zu einem guten Teil von der Art seiner Vermittlung, also auch den verwendeten Medien abhängig. Eine Binsenweisheit in einer Welt, in der man so gerne jeden "dort abholt, wo er steht".

Eine Binsenweisheit jedoch, die angesichts dieser bis zum Überdruss wiederholten Absichtserklärung auch auf einen bislang kaum erforschten blinden Fleck auf dem Lehrkörper verweist: "Wissen wird von Lehrern und Lehrerinnen unbewusst in einer Form kommuniziert, die zum eigenen medialen Habitus passt", erläutert der Medienpädagoge Christian Swertz. " Und dieser mediale Habitus unterscheidet sich oft gravierend von jenem der Schüler."

Grundlegende Strukturen

Der Begriff "Habitus" geht auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurück, der darunter die grundlegenden Denk- und Verhaltensstrukturen eines Menschen versteht. Die Unterschiede im sozial bedingten Habitus der einzelnen Menschen zeigen sich in der Art, sich zu kleiden, sich zu bewegen, im Geschmack, in der Lebensführung ganz allgemein und damit auch in der Art der Mediennutzung.

Dass sich zwischen dem "medialen Habitus" von Lehrern und dem ihrer Schüler eine beträchtliche Kluft auftut, konnten Swertz und sein Team in einer vom Wissenschaftsfonds geförderten Untersuchung an rund 1400 Kindern und sämtlichen Lehrern von acht Wiener Volksschulen belegen. So sind die meisten Lehrer aufgrund ihres Bildungshintergrunds klassische " Buch- und Audio-Typen", während unter den Kindern der "audiovisuelle Typ" mit dem zentralen Medium Fernsehen am häufigsten vorkommt.

"Im Durchschnitt hat jedes Kind - aus welchem sozialen Umfeld oder mit welchem Migrationshintergrund auch immer - Zugang zu zehn verschiedenen Medien vom Buch über TV, PC und Spielkonsole bis zur Videokamera", fand der Medienpädagoge heraus. "Allerdings gehen die Kinder je nach Bildungsnähe oder -ferne der Eltern sehr unterschiedlich mit diesen Medien um."

Lernverhalten beeinflussen

Diese stark vom elterlichen Vorbild und damit von der sozialen Schicht abhängigen Mediennutzungsgewohnheiten der Volksschulkinder beeinflussen ihr Lernverhalten signifikant. "Kinder, die nicht denselben 'medialen Habitus' aufweisen wie ihre Lehrer, sind dabei im Nachteil", weiß Swertz. "Dies betrifft vor allem die audiovisuell geprägten Schüler, für die zu wenig unterrichtsmethodisch angepasste Angebote gemacht werden."

Da der Habitus in all seinen Aspekten ein unbewusstes Phänomen ist, merken Lehrer meist gar nicht, dass sie gewisse Medien als Unterrichtsmittel diskriminieren und damit jene von diesen Medien geprägten Schüler benachteiligen. "Auch aus diesem Grund muss den Medien in der Lehrerausbildung ein bedeutend höherer Stellenwert eingeräumt werden", ist Swertz überzeugt. "Nur so kann die oft unbewusst über die Mediennutzung schon in der Volksschule betriebene Segregation eingedämmt werden."

Kinder, deren Denken und Sprache von TV oder Computerspielen geprägt sind, sind auch an eine bestimmte Aufbereitung der Inhalte gewöhnt. Um dem Credo der Chancengleichheit gerecht zu werden, sollte dieser Umstand von den Lehrkräften konstruktiv genutzt werden.

Ausdrucksfähigkeit fördern

Hier müsse auch die Vermittlung der "Media Literacy, der Medienkompetenz, ansetzen, bei der es um ein reflektiertes Verhältnis zu allen gebräuchlichen Medien geht", sagt Swertz. "Für die Lehrenden bedeutet das, sich der eigenen Mediengewohnheiten und ihrer Folgen bewusst zu sein sowie die Ausdrucksfähigkeit der Kinder mit unterschiedlichsten Medien zu fördern. Allerdings sind viele Lehrerinnen und Lehrer auf die von ihnen selbst bevorzugten Medien wie Buch, Film, Zeitung etc. fixiert und vernachlässigen die anderen im Unterricht."

Und das obwohl es durchaus entsprechende Weiterbildungsangebote gibt. Was also wäre die Lösung? "Die Entwicklung innovativer Unterrichtsmethoden zur Vermittlung der Media Literacy und ihre Einbindung in die Lehrerausbildung", schlägt Medienpädagoge Swertz vor, " damit in der Lehrerschaft das nötige Bewusstsein und die erforderlichen Fertigkeiten von Anfang an forciert werden." (Doris Griesser, DER STANDARD, 06.02.2013)

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    Kinder haben Zugang zu zehn unterschiedlichen Medien, wobei das Fernsehen als zentrales Medium am häufigsten vorkommt. Medienpädagogen fanden heraus, dass die Kinder je nach Bildungsnähe oder -ferne der Eltern sehr unterschiedlich mit diesen Medien umgehen.

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