Der Geisteswissenschafter, ein begehrter Pragmatiker

5. Februar 2013, 18:06
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Sind Geisteswissenschaften anwendungsorientiert? Grundsätzlich ja: Ihr Denken verläuft nahe den Strukturen der Lebenswelt, meint der Philosoph Jürgen Mittelstraß bei einer Debatte mit Jungforschern

Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Medizin und Chemie haben komplementäre Berufssysteme, für die an den Universitäten ausgebildet wird. Bei Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ist das - sieht man von der Lehrerausbildung ab - so nicht gegeben.

Inwiefern können also Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) anwendungsorientiert sein, lautete die Frage an Jürgen Mittelstraß, den Experten der "Meet the expert"-Diskussionsrunde, die die Ludwig-Boltzmann-Institute letzte Woche für ihre Nachwuchsforscher veranstaltete.

"Eine große Antwort" sei schnell gegeben, erklärte Mittelstraß, Wissenschaftstheoretiker und -historiker, Philosoph und Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates. Die Geisteswissenschaften seien jener "ausgezeichnete Ort", an dem sich die moderne Gesellschaft und Kultur, der moderne Mensch ein strukturiertes Wissen von sich selbst bilden. Ohne sie würde sich die Gesellschaft selbst nicht kennen. "Sie wäre orientierungslos."

Als Vertreter der "theoretischen Seite der Kultur" könnten die GSK-Wissenschafter aber kaum Hauptwege beschreiten wie der Jurist, der Richter wird. Ihm bleiben nur die Nebenwege, Abzweigungen in den Medien- und Kulturbetrieb, "keine Königswege, aber viele kleine Wege mitten in die moderne Welt".

Die Geisteswissenschaft zeige sich als ein Können, das mit theoretischen Zusammenhängen und ihren Organisationsformen ebenso umzugehen vermag, " wie mit praktischen Zusammenhängen, in denen Augenmaß und pragmatische Klugheit mehr bedeuten und mehr erreichen als jedes theoretische Wissen." Bereits Hegel hätte den geisteswissenschaftlichen Verstand schon in der Nähe seiner "Gestalten des objektiven Geistes", also Recht, Moralität, Sittlichkeit, verortet.

Das Argument zählt

Wenn es nun darum geht, zwischen wahr und falsch, Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden, verfüge der Geisteswissenschafter allein über das Argument, nicht wie die empirischen Wissenschaften über messende Beobachtung und Experiment: "In den Geisteswissenschaften sagt nicht die Natur oder eine andere empirische Instanz ja oder nein, sondern allein das argumentierende Gegenüber." - Eine Fertigkeit, die " Geisteswissenschafter zum gesuchten Partner, auch und gerade in beruflichen Zusammenhängen macht".

Weil das Argument im Zentrum steht, "haben auch die Geisteswissenschaften ein besonderes Verhältnis zur Sprache und zu reflexiven Sachverhalten". Als karikaturhafte Zuspitzung: "Wer einen naturwissenschaftlichen Vortrag besucht, auf den geht heute ein Powerpoint-Gewitter nieder, in dem es kein Entrinnen in Reflexivität gibt. Taten treten an die Stelle von Gedanken. Alles folgt der Devise: Seht, was wir wissen! Wer einen geisteswissenschaftlichen Vortrag besucht, wird in verschlungene Denkprozesse, in ein andauerndes Einerseits-Andererseits geführt, in dem keine Wege an festes Land, gebaut aus Tatsachen, zu führen scheinen. Hier folgt alles der Devise: Seht, wie ich denke!"

Die Naturwissenschaft befasse sich anders als die Geisteswissenschaft mit der Feststellung von Tatsachen im außermoralischen, nicht die Lebenswelt betreffenden Sinn. Der geisteswissenschaftliche Verstand sei damit der Lebenswelt, auch der beruflichen Welt, näher. Das steht in einem drastischen Widerspruch zur allgemeinen Vorstellung des Gelehrten im Elfenbeinturm. Er sei aber nur die Karikatur, nicht das Original. Die " Nähe zu den Strukturen der Lebenswelt, theoretischen wie pragmatischen", mache den Geisteswissenschafter in vielen Dingen "nützlich und erfolgreich".

Dem Leben näher

Er hat gelernt, in historischen, hermeneutischen, normativen und argumentativen Kategorien zu denken, die dem Leben näherstehen als das Wissen des Spezialisten. Deshalb würden "viele Berufszweige, selbst die Wirtschaft, die Industrie und das so in Verruf geratene Bankenwesen nach Geisteswissenschaftern rufen oder sie einfach, ohne großes Aufsehen davon zu machen, einstellen". Kulturelle Entwicklungen gewinnen an Bedeutung, derzeit würde die Wahrnehmung nur durch wirtschaftliche und politische Fragen überlagert. "In Wahrheit geht es um die wachsenden Möglichkeiten und Wirklichkeiten kultureller Konstruktion und Produktion." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 06.02.2013)

  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sind Werkzeuge, mit denen sich eine Gesellschaft selbst kennenlernt.
    fotos: standard/cremer, montage: renate leitner

    Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sind Werkzeuge, mit denen sich eine Gesellschaft selbst kennenlernt.

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