Initialzündung für junge Wilde

5. Februar 2013, 18:02
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Die jetzige Förderpolitik hemmt Dissertanten bei der Entwicklung neuer Forschungsansätze, kritisieren Experten - Die Uni Wien startet daher ein Programm, das Arbeiten individuell fördert

Während Lucas Zinner über die prekäre Anstellungssituation junger Wissenschafter spricht, greift er zielsicher in sein Aktenregal. Man vermutet aktuelle Studien, doch was der Leiter des DoktorandInnenzentrums der Uni Wien herauszieht, um seine Argumente für die Anstellung von Doktoranden zu untermauern, ist ein schmales, gelbes Reclam-Heft: Max Weber - Wissenschaft als Beruf. Die Publikation des Soziologen aus dem Jahr 1919 ist eine frühe Analyse der teils prekären Arbeitsverhältnisse von Wissenschaftern.

Dass die Arbeit an der Dissertation bezahlt werden sollte, darüber herrscht mittlerweile europaweite Einigkeit, sagt Zinner. Das DoktorandInnenzentrum bietet Dissertanten Beratung und Fortbildungen sowie eine Art Interessenvertretung. Dennoch gibt es unter den Doktoratsstudierenden einen beträchtlichen Anteil ohne Förderung - vor allem in Österreich. "Ich müsste nachdenken, in welchem Land mit entwickelter Bildungsinfrastruktur es ein derart unterentwickeltes Förderungssystem für Doktoranden gibt", sagt die Vizerektorin für Forschung an der Universität Wien, Susanne Weigelin-Schwiedrzik: " Wahrscheinlich in keinem." Das könnte auch am weitgehend offenen Zugang zum Doktorat liegen.

Boom der Kollegs

Österreich hat wie die meisten Länder seit den 1990er-Jahren bei der Förderung von Dissertanten vor allem auf sogenannte Doktoratskollegs gesetzt. In diesen arbeiten meist fünf bis 20 Dissertanten zu einem Thema. Der Wissenschaftsfonds FWF hat seit 2004 37 solcher Kollegs finanziert und dafür rund 108 Millionen Euro investiert, letztes Jahr wurde das Budget vom Wissenschaftsministerium noch aufgestockt.

Argumente, die gerne für die Förderung in Doktorandenkollegs ins Treffen gebracht werden, sind einerseits die Effizienz, indem mehrere Leute zu einem Thema arbeiten, andererseits die intensivere Betreuung, indem nicht nur ein Betreuer die Arbeit begleitet, sondern ein Kollektiv. Auch die Uni Wien hat ihre Dissertanten bisher ausschließlich im Rahmen von Kollegs gefördert. Nur die Akademie der Wissenschaften blieb als einziger wichtiger Geldgeber für eigenständige Doktoratsprojekte übrig.

Die Kollegs hätten sich im letzten Jahrzehnt bewährt, doch nun bräuchte es zusätzlich ein völlig neues Fördersystem, meint Weigelin-Schwiedrzik. Denn in Doktoratskollegs gebe es weniger Möglichkeiten für eine Umgebung, die die Neugierde junger Menschen weckt und sie dabei fördert, eigenen Fragestellungen nachzugehen.

Mehr Risikobereitschaft

Das könne sich nicht nur hemmend auf die Doktoranden, sondern auf die Wissenschaft generell auswirken. "Wir haben unterschätzt, dass gerade Dissertationen für die Innovation in der Wissenschaft zentral sind", sagt die Vizerektorin. Denn im Gegensatz zu den "alteingesessenen" Wissenschaftern würden die jungen eine gewisse Risikobereitschaft in den Wissenschaftsbetrieb einbringen, die neue Entwicklungen in der Forschung ermögliche.

Aus diesen Gründen hat die größte Universität im deutsprachigen Raum ein neues Förderprogramm für Doktoranden, uni:docs, entwickelt, das bisher in Österreich einzigartig ist. Nach einem mehrstufigen Bewerbungsprozess (siehe Wissen) will die Uni Wien heuer 25, in den nächsten Jahren jährlich 30 Dissertanten für 30 Stunden anstellen. Bei einem Nettogehalt von etwa 1350 Euro können sie dann drei Jahre an ihrem Projekt arbeiten.

Das neue Programm ist Teil der Leistungsvereinbarungen mit dem Ministerium. Langfristig sollen die Kollegs der Uni auslaufen und diese Mittel zur Förderung individueller Dissertationen eingesetzt werden. Weigelin-Schwiedrzik hofft, dass sich auch andere Unis ein Beispiel an uni:docs nehmen und ähnliche Programme einführen. Denn insgesamt ist es um die Situation von Doktoranden in Österreich nicht gut bestellt.

2011 ist Österreich in einer europaweiten Studie zur Anstellungssituation von Doktoranden als das traurige Schlusslicht unter fünfzehn europäischen Ländern hervorgegangen: Nach den Erhebungen von Eurodoc bekommt jeder zweite Doktorand für seine Arbeit kein Gehalt. Diese Zahlen spiegeln sich auch in den Statistiken der Uni Wien wider: 10.000 Studierende sind im Doktorat eingeschrieben, nur 3500 verfolgen es aktiv, meint Weigelin-Schwiedrzik. Derzeit sind 1700 Doktoranden an der Uni angestellt.

In anderen Ländern wäre das undenkbar, meint Zinner. Etwa sind in den skandinavischen Ländern Dissertationen in der Regel finanziert. Damit wird die Finanzierung aber auch zum limitierenden Faktor für die Anzahl der Dissertationen. In Deutschland gibt es neben den Doktoratskollegs eine Vielzahl privater Stiftungen, die individuelle Dissertationen fördern - ein System, das es in Österreich so nicht gibt.

Warum ist das Fördersystem in Österreich derart unterentwickelt? Weigelin-Schwiedrzik sieht zwei Gründe dafür. Einerseits kann sich jeder, der über einen Masterabschluss verfügt, für das Doktorat einschreiben, während in den meisten anderen Ländern dafür strenge Auswahlkriterien gelten. "Das fördert nicht das Engagement privater Geldgeber, diese Gruppe zu finanzieren."

Außerdem vermutet sie - selbst gebürtige Deutsche -, dass das ausgeprägte Titeldenken der Österreicher dazu führt, das Doktorat eher als persönliche Weiterbildung anzusehen denn als Beitrag zur Entwicklung der Forschung und als Bildungsgut, für das die Allgemeinheit aufkommen sollte. (Tanja Traxler, DER STANDARD, 06.02.2013)

=> Wissen: Der steile Weg zur Dissertantenstelle


Wissen: Der steile Weg zur Dissertantenstelle

Für viele Dissertationsstipendien gibt es um ein Vielfaches mehr Bewerber als Stellen. Die Verfahren sind mehrstufig aufgebaut, und meist scheiden mit jeder Runde Bewerber aus. Die Bewilligungsquoten liegen bei den Stipendien der Akademie der Wissenschaft, dem FWF und den Universitäten oft unter 20 Prozent. Doch wie sieht eine überzeugende Bewerbung aus?

Herzstück jeder Bewerbung ist ein Exposé. Beim neuen Programm der Uni Wien uni:docs werden 15 Seiten erwartet. Ein Exposé umfasst meist drei Teile: den State of the Art, in dem der Forschungsstand dargelegt wird, die Forschungsfragen und -thesen sowie einen methodischen Teil.

In der nächsten Runde geht es in die internationale Begutachtung. An der Uni Wien bekommt den Antrag zumindest ein Wissenschafter im Ausland, der zum selben Thema arbeitet, vorgelegt. In dieser Runde wird die fachliche Eignung geprüft.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil ist ein persönliches Interview. Bei der Akademie der Wissenschaften präsentiert man sich und sein Vorhaben in einem Hearing vor einer Jury. An der Uni Wien wird es Gespräche mit fachfremden Uni-Angehörigen geben.

Die Bewerbungsfrist für die erste Ausschreibungsrunde von uni:docs läuft bis 15. März. Für die 25 Stellen werden 100 Bewerbungen erwartet. Die zweite Runde wird nächsten Winter ausgeschrieben. (trat)

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    Neue Sprungkraft für das Doktorat soll ein Anstellungsprogramm der Uni Wien bringen. In Österreich wird nur jeder zweite Dissertant für seine Arbeit bezahlt. Die Möglichkeiten, eigenständige Fragen zu verfolgen, sind rar.

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