Eine letzte Offensive der Missbrauchsopfer von Kremsmünster

5. Februar 2013, 18:53
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Seit drei Jahren wird rund um die Missbrauchsfälle im Stift Kremsmünster ermittelt. Nun wird eine kleine Gruppe von Opfern aktiv. Denn noch diese Woche entscheidet sich, ob der "Haupttäter" vor Gericht kommt

Linz - Der ehemalige Klosterschüler ist inzwischen ein erwachsener Mann, und dennoch - jeden Sonntag aufs Neue holt ihn seine Vergangenheit ein, bis heute. Er bekomme dann zittrige Hände, Schweißausbrüche, werde nervös und sei angespannt. Doch zumindest, so erzählt das Missbrauchsopfer, das nicht namentlich genannt werden möchte, die Albträume von Pater A. habe er inzwischen im Griff.

Pater A. ist der "Haupttäter", wie Martin Schmidt, auch ein ehemaliger Schüler, der kein Opfer, aber Zeuge von "exzessiver Gewalt" während seiner Zeit im Internat des Stifts Kremsmünster geworden sei, ihn nennt. Er hat viele der Geschädigten getroffen, die in dem mehr als tausendseitigen Gerichtsakt, der dem STANDARD vollständig vorliegt, erzählen, wie Patres sie geschlagen, misshandelt und missbraucht haben. Einige von ihnen seien heute "verkrachte Existenzen", die mit enormen Problemen im Alltag zu kämpfen haben, erzählt Schmidt.

"Verdrängen und Vertuschen"

Seit mehr als drei Jahren kommen immer neue Fälle ans Licht. Eine Gruppe von Opfern geht nun in eine letzte Offensive. Sie werfen dem Stift vor, dass es mit "professionellen Medienberatern" eine Taktik der " Verdrängung und Vertuschung" fahre. Damit soll nun Schluss sein. Die Opfer wollen vor allem aufzeigen, welche Macht das Stift damals wie auch noch heute in Oberösterreich habe - wie sie argumentieren, bis hinein in die Justiz.

Eigentlich hätten am Mittwoch zwei der Opfer Abt Ambros Ebhart vor Gericht gegenübertreten sollen. Sie hatten eine Zivilklage gegen das Stiftsinternat eingebracht, weil vor einem Jahr mehreren Geschädigten eine öffentliche Entschuldigung samt Eingeständnis, die Errichtung eines Mahnmals und die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch externe Experten zugesagt worden sein soll. Das Stift bestreitet das. Der Abt lässt sich nun wegen einer Kapitelsitzung entschuldigen und der Prozess wurde auf Anfang März vertagt.

Mitwisser und Täter

"Die Klostergemeinschaft versucht, seine Opfer auszusitzen, verfolgt die Einzeltätertheorie mit Pater A. und leugnet die strukturelle Gewalt im Stift, die mindestens bis ins Jahr 1945 zurückgeht", sagt Martin Schmidt. Was die Opfer vor allem erbost, ist, dass sich heute "alle blöd stellen". Viele der Patres in Kremsmünster seien im Alter des 79-jährigen Pater A., der vergangenes Jahr aus dem Kloster austrat.

Sie seien, belegt durch Zeugenaussagen im Gerichtsakt, nachweisliche Mitwisser und teilweise selbst Täter, die bis heute im Kloster leben und unterrichten. Der derzeitige Direktor der Schule ist beispielsweise seit den Achtzigerjahren dort tätig. "Es ist aus heutiger Sicht vollkommen unglaubwürdig und nicht nachvollziehbar, dass die Lehrer von all dem nichts bemerkt haben wollen", sagt Schmidt.

Pater Bernhard, Pressesprecher des Stifts, will die Emotionen der Opfer verstehen, Zugeständnisse mache das Kloster seiner Ansicht nach aber schon lange: "Ja, es ist Schreckliches hinter den Klostermauern passiert, aber wir haben uns entschuldigt und arbeiten intensiv an der Aufarbeitung." Nun lebe eine neue Generation "Kremsmünsteraner" im Stift, die interessiert daran sei, dass die Vergangenheit bewältigt werde, "falsche Unterstellungen" wolle er sich aber nicht gefallen lassen.

Ermittlungen vor Abschluss

Insgesamt haben sich in dieser Causa 45 Männer bei der Kommission gegen Missbrauch gemeldet. Dem Pater sei die "kleine Gruppe" von Opfern bekannt, die nun versuche, das Kloster in ein "schlechtes Licht" zu rücken. "Denen geht es ums Geld. Sie wollen sich mit den Entschädigungszahlungen nicht zufriedengeben", sagt er.

Im Jahr 2010 waren gegen insgesamt zwölf Patres und weltliche Lehrer des Stifts Ermittlungen aufgenommen worden. Bis auf eine wurden alle eingestellt, weil die Vorfälle verjährt waren oder als strafrechtlich nicht relevant eingestuft wurden. Fünf Ordensleute enthob der Abt dennoch ihrer Ämter.

Der einzig ausstehende Fall ist der gegen Pater A. - drei seiner Opfer wurden Langzeitschäden attestiert, was die Verjährungsfrist verlängert. Der fertige Akt liegt nun beim zuständigen Staatsanwalt auf dem Schreibtisch. "Vermutlich schon Ende dieser, spätestens Mitte nächster Woche" werde er nun endgültig darüber entscheiden, ob gegen Pater A. Anklage erhoben wird. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 6.2.2013)

  • "Ja, es ist Schreckliches hinter den Klostermauern passiert", sagt der Stiftssprecher. Einigen Opfern ist das Zugeständnis zu wenig. Ein von ihnen angestrengter Zivilprozess wurde vorerst vertagt.
    foto: apa/rubra

    "Ja, es ist Schreckliches hinter den Klostermauern passiert", sagt der Stiftssprecher. Einigen Opfern ist das Zugeständnis zu wenig. Ein von ihnen angestrengter Zivilprozess wurde vorerst vertagt.

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