Ahmadi-Nejads unerwiderte Liebe zu Ägypten

Analyse |
  • Mahmud Ahmadi-Nejad beim Al-Azhar-Großscheich, Ahmed al-Tayyib. Offiziell ist die Schia anerkannt, die Praxis sieht anders aus.
    foto: ap photo/amr nabil

    Mahmud Ahmadi-Nejad beim Al-Azhar-Großscheich, Ahmed al-Tayyib. Offiziell ist die Schia anerkannt, die Praxis sieht anders aus.

Zum ersten Mal seit der iranischen Revolution besucht ein iranischer Regierungschef Ägypten. Die Beziehungen zwischen Teheran und Kairo haben sich seit 2011 verbessert, unkompliziert sind sie aber noch lange nicht

Kairo/Wien - Die ägyptische Regierung versucht arabische Ängste, dass angesichts des Besuchs von Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad die große Harmonie zwischen Teheran und Kairo ausbrechen könnte, zu beschwichtigen: Gute Beziehungen, sagte Ägyptens Außenminister Kamel Amr am Montag laut Al-Masry al-Youm, würden "nicht auf Kosten der Sicherheit gehen". Und die Sicherheit Ägyptens und der Golfregion gehörten zusammen, so Amr.

Der Iran, politischer Antagonist Saudi-Arabiens in etlichen Bereichen - am dramatischsten derzeit im Syrien-Konflikt -, umwirbt die ägyptischen Muslimbrüder seit der Stunde Null nach dem Rücktritt Hosni Mubaraks vor zwei Jahren. Obwohl alle ägyptischen Politiker von Anfang an beteuerten, dass die ägyptische Außenpolitik neu aufgestellt werden müsse, wozu auch eine Normalisierung der Beziehungen zu Teheran gehöre, geht es mit der iranisch-ägyptischen Freundschaft aber nicht so recht voran.

Bis heute haben die beiden Länder nur Vertretungen, keine Botschaften in ihren jeweiligen Hauptstädten eröffnet (wenngleich mit Diplomaten im Botschafterrang besetzt). Das will Ahmadi-Nejad ändern.

Präsident Mohammed Morsi flog zwar im August 2012 zum Blockfreiengipfel nach Teheran, verstörte aber seine Gastgeber, indem er den Freiheitskampf der Syrer pries: Der Farsi-Dolmetsch ersetzte in seiner Version der Rede Morsis prompt "Syrien" mit "Bahrain" und "Arabischer" mit "Islamischer" Frühling - kein guter Start für neue Beziehungen.

Ahmadi-Nejad traf am Dienstag nicht zu einem bilateralen Besuch in Kairo ein, sondern ist nur einer der Staatsgäste des Gipfels der Organisation of Islamic Cooperation (OIC), bei der ein Saudi-Araber, Iyad Madani, als Nachfolger des Türken Ekmelledin Ihsanoglu zum neuen Chef der Organisation gewählt werden soll. Dennoch ist es eine Tatsache, dass zum ersten Mal seit der Islamischen Revolution 1979 ein iranischer Regierungschef Ägypten besucht - entsprechend hoch wird der Besuch gehängt.

Die Beziehungen zwischen Ägypten und der Islamischen Republik waren durch die guten persönlichen Beziehungen zwischen Anwar al-Sadat und Schah Reza Pahlavi belastet, der nach der Islamischen Revolution Aufnahme in Kairo fand und dort auch begraben ist (bei der ägyptischen Königsfamilie, aus der seine erste Frau stammte). Die neuen iranischen Machthaber verübelten Sadat den Friedensschluss mit Israel (1979) so sehr, dass sie 1981 eine Straße in Teheran nach Sadats Mörder Islambuli benannten. Ausgerechnet ein Teheraner Oberbürgermeister namens Ahmadi-Nejad benannte sie 2004 wieder um.

Die iranischen Islamisten sehen in den Muslimbrüdern insofern Seelenverwandte, als auch sie - im Gegensatz zu den Golfarabern - sozusagen eine republikanische Variante des Islam vertreten. Die Ägypter können es sich aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten, die Saudis und die reichen Golfemirate - Katar ist besonders spendabel - zu vergrämen. Es herrscht auch ein genuines tiefes Misstrauen gegenüber der Schia - das Ägyptens kleine schiitische Gemeinde oft genug zu spüren bekommt.

Anerkennung durch Al-Azhar

Laut Ahmadi-Nejad (und vielen anderen Muslimen) ist die schiitisch-sunnitische Spaltung, die sich seit Ausbruch des Arabischen Frühlings vertieft, ein Komplott von außen. Ahmadi-Nejad traf in Kairo neben Morsi auch den Großscheich von Al-Azhar, Ahmed al-Tayyib, jener sunnitischen Institution, die 1959 die imamitische Rechtsschule (die der meisten Schiiten) neben den vier sunnitischen offiziell anerkannte. In der neuen Verfassung Ägyptens ist die Scharia aber nur auf der Basis der Lehre der sunnitischen Schulen definiert, was eine klare Schlechterstellung der Schia ist.

Die Schiitophobie ist allgegenwärtig. Im Oktober 2012 warnte Großmufti Ali Gomaa vor schiitischer Missionierung in Ägypten - in seiner Rede spulte er die ganze Litanei der sunnitischen Vorurteile gegen die Schiiten ab, auch wenn er gleichzeitig zur Versöhnung aufrief. Mit seinem Alarmismus ist er nicht allein: Auch sein libyscher Kollege Sadiq al-Ghariani schlug im Sommer 2012 in die gleiche Kerbe, so wie der berühmte katarische Fernsehprediger Yusuf al-Qaradawi - ursprünglich ein ägyptischer Muslimbruder - bereits im Jahr 2009. Darin war er sich sogar mit Hosni Mubarak einig, der 2006 allen arabischen Schiiten pauschal vorwarf, ihre Loyalität gehöre Teheran. Denn immer wenn Schiiten irgendwo aufmucken - so wie beim Aufstand in Bahrain -, steckt laut sunnitisch-arabischer Ansicht der Iran dahinter.

Pro und kontra Aisha

Im November wurden Schiiten in Kairo von Sicherheitskräften daran gehindert, ihr Trauerfest Ashura zu begehen. Immer wieder werden aufgrund von religiösen Gründen Prozesse gegen Schiiten angestrengt: meist wegen Beleidigung von Prophetengefährten und von Muhammads Frau Aischa, die sich in der Auseinandersetzung, die zur Spaltung des Islam führte, besonders gegen die Anhänger der "Schiat Ali", der Partei Alis, hervortaten. Wobei es natürlich stimmt, dass die Schiiten auf diese Figuren aus der frühislamischen Zeit nicht gut zu sprechen sind. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 6.2.2013)

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