Ahmadi-Nejads unerwiderte Liebe zu Ägypten

Analyse | Gudrun Harrer
5. Februar 2013, 18:51
  • Mahmud Ahmadi-Nejad beim Al-Azhar-Großscheich, Ahmed al-Tayyib. Offiziell ist die Schia anerkannt, die Praxis sieht anders aus.
    foto: ap photo/amr nabil

    Mahmud Ahmadi-Nejad beim Al-Azhar-Großscheich, Ahmed al-Tayyib. Offiziell ist die Schia anerkannt, die Praxis sieht anders aus.

Zum ersten Mal seit der iranischen Revolution besucht ein iranischer Regierungschef Ägypten. Die Beziehungen zwischen Teheran und Kairo haben sich seit 2011 verbessert, unkompliziert sind sie aber noch lange nicht

Kairo/Wien - Die ägyptische Regierung versucht arabische Ängste, dass angesichts des Besuchs von Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad die große Harmonie zwischen Teheran und Kairo ausbrechen könnte, zu beschwichtigen: Gute Beziehungen, sagte Ägyptens Außenminister Kamel Amr am Montag laut Al-Masry al-Youm, würden "nicht auf Kosten der Sicherheit gehen". Und die Sicherheit Ägyptens und der Golfregion gehörten zusammen, so Amr.

Der Iran, politischer Antagonist Saudi-Arabiens in etlichen Bereichen - am dramatischsten derzeit im Syrien-Konflikt -, umwirbt die ägyptischen Muslimbrüder seit der Stunde Null nach dem Rücktritt Hosni Mubaraks vor zwei Jahren. Obwohl alle ägyptischen Politiker von Anfang an beteuerten, dass die ägyptische Außenpolitik neu aufgestellt werden müsse, wozu auch eine Normalisierung der Beziehungen zu Teheran gehöre, geht es mit der iranisch-ägyptischen Freundschaft aber nicht so recht voran.

Bis heute haben die beiden Länder nur Vertretungen, keine Botschaften in ihren jeweiligen Hauptstädten eröffnet (wenngleich mit Diplomaten im Botschafterrang besetzt). Das will Ahmadi-Nejad ändern.

Präsident Mohammed Morsi flog zwar im August 2012 zum Blockfreiengipfel nach Teheran, verstörte aber seine Gastgeber, indem er den Freiheitskampf der Syrer pries: Der Farsi-Dolmetsch ersetzte in seiner Version der Rede Morsis prompt "Syrien" mit "Bahrain" und "Arabischer" mit "Islamischer" Frühling - kein guter Start für neue Beziehungen.

Ahmadi-Nejad traf am Dienstag nicht zu einem bilateralen Besuch in Kairo ein, sondern ist nur einer der Staatsgäste des Gipfels der Organisation of Islamic Cooperation (OIC), bei der ein Saudi-Araber, Iyad Madani, als Nachfolger des Türken Ekmelledin Ihsanoglu zum neuen Chef der Organisation gewählt werden soll. Dennoch ist es eine Tatsache, dass zum ersten Mal seit der Islamischen Revolution 1979 ein iranischer Regierungschef Ägypten besucht - entsprechend hoch wird der Besuch gehängt.

Die Beziehungen zwischen Ägypten und der Islamischen Republik waren durch die guten persönlichen Beziehungen zwischen Anwar al-Sadat und Schah Reza Pahlavi belastet, der nach der Islamischen Revolution Aufnahme in Kairo fand und dort auch begraben ist (bei der ägyptischen Königsfamilie, aus der seine erste Frau stammte). Die neuen iranischen Machthaber verübelten Sadat den Friedensschluss mit Israel (1979) so sehr, dass sie 1981 eine Straße in Teheran nach Sadats Mörder Islambuli benannten. Ausgerechnet ein Teheraner Oberbürgermeister namens Ahmadi-Nejad benannte sie 2004 wieder um.

Die iranischen Islamisten sehen in den Muslimbrüdern insofern Seelenverwandte, als auch sie - im Gegensatz zu den Golfarabern - sozusagen eine republikanische Variante des Islam vertreten. Die Ägypter können es sich aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten, die Saudis und die reichen Golfemirate - Katar ist besonders spendabel - zu vergrämen. Es herrscht auch ein genuines tiefes Misstrauen gegenüber der Schia - das Ägyptens kleine schiitische Gemeinde oft genug zu spüren bekommt.

Anerkennung durch Al-Azhar

Laut Ahmadi-Nejad (und vielen anderen Muslimen) ist die schiitisch-sunnitische Spaltung, die sich seit Ausbruch des Arabischen Frühlings vertieft, ein Komplott von außen. Ahmadi-Nejad traf in Kairo neben Morsi auch den Großscheich von Al-Azhar, Ahmed al-Tayyib, jener sunnitischen Institution, die 1959 die imamitische Rechtsschule (die der meisten Schiiten) neben den vier sunnitischen offiziell anerkannte. In der neuen Verfassung Ägyptens ist die Scharia aber nur auf der Basis der Lehre der sunnitischen Schulen definiert, was eine klare Schlechterstellung der Schia ist.

Die Schiitophobie ist allgegenwärtig. Im Oktober 2012 warnte Großmufti Ali Gomaa vor schiitischer Missionierung in Ägypten - in seiner Rede spulte er die ganze Litanei der sunnitischen Vorurteile gegen die Schiiten ab, auch wenn er gleichzeitig zur Versöhnung aufrief. Mit seinem Alarmismus ist er nicht allein: Auch sein libyscher Kollege Sadiq al-Ghariani schlug im Sommer 2012 in die gleiche Kerbe, so wie der berühmte katarische Fernsehprediger Yusuf al-Qaradawi - ursprünglich ein ägyptischer Muslimbruder - bereits im Jahr 2009. Darin war er sich sogar mit Hosni Mubarak einig, der 2006 allen arabischen Schiiten pauschal vorwarf, ihre Loyalität gehöre Teheran. Denn immer wenn Schiiten irgendwo aufmucken - so wie beim Aufstand in Bahrain -, steckt laut sunnitisch-arabischer Ansicht der Iran dahinter.

Pro und kontra Aisha

Im November wurden Schiiten in Kairo von Sicherheitskräften daran gehindert, ihr Trauerfest Ashura zu begehen. Immer wieder werden aufgrund von religiösen Gründen Prozesse gegen Schiiten angestrengt: meist wegen Beleidigung von Prophetengefährten und von Muhammads Frau Aischa, die sich in der Auseinandersetzung, die zur Spaltung des Islam führte, besonders gegen die Anhänger der "Schiat Ali", der Partei Alis, hervortaten. Wobei es natürlich stimmt, dass die Schiiten auf diese Figuren aus der frühislamischen Zeit nicht gut zu sprechen sind. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 6.2.2013)

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20 Postings

Und prompt bekommt er einen Schuh auf den Deckel :)

http://www.youtube.com/watch?v=7HofocldL30

schäää

schöne Geschichte...

Schia und Scharia, Jesus und Maria

Schrecklich, wie viele immer noch diese Märchen glauben und wie viel Unheil damit seit Jahrtausenden angerichtet wird.

und was sollen wir

SONST machen ???

Auf facebook herumhängen ???

grüsse

Warum nicht selbstverantwortlich?

Benötigen Sie unbedingt jemand von außen zum Glück?
Facebook, Twitter, Allah, Jesus, Gott, den Staat?

mammut amadinetschad schreibt man des..

wurscht wie man den schreibt

gauner bleibt gauner

sunna gegen schia, das ist brutalität...

warum sollte es in ägypten anders sein, als in syrien, im irak, in bahrain....
ein zusammenhalt der staaten schiitischen und sunnitischen bekenntnisses ist wohl nur dann feststellbar, wenns darum geht, nichtmuslime zu verfolgen und zu drangsalieren.
sunna/schia im irak.... man betrachte mal, mit welcher begeisterung sich die beiden demireligionen bekriegen und gegenseitig hinschlachten. aber ein gemeinsamer feind wurde immer schnell gefunden: israel und usa...

War ja jahrhundertelang im christlichen Raum nicht anders. Bartholomäusnacht, Dreißigjähriger Krieg, der Ku-Klux-Clan, und noch vieles mehr Erscheinungen der konfessionellen Streitigkeiten. Glücklicherweise wurden diese großteils überwunden. Der islamischen Welt steht das noch bevor.

Hinter den christlichen Kriegen stehen weltliche Konflikte!

Die Protestanten fanden Unterschlupf bei vorher schon abtrünnigen Fürsten, die das Machtsystem gefährdeten. Die Religion bietet nur das leicht erkennbare Symbol.

Im 30-jährigen Krieg haben die Menschen mehrfach die Religion gewechselt. Je nach Sieger.

Heute gibt es soviel Ökumene, dass die theologisch feinen Unterschiede nur noch Hardcore Mitglieder relevant sind. Die BRD könnte gar nicht anders existieren, da beide Kirchen gleich groß sind.

Zwischen Protestanten und Katholiken gibt es zwar Nickeligkeiten, aber keine Unterdrückung!

"War ja jahrhundertelang im christlichen Raum nicht anders. "

Doch war anders. Diese Friktionen waren und sind nicht annähernd so stark wie im Islam.
1. Die "Schia" beinhaltet Richtungen , die man mit dem sunnitischen Islam nicht unter einen Hut bringen kann. Selbst der "Ali" der Ayatollahs hat eine frappante Jesusnähe (der er ursprünglich wohl mal war)
2. Religion ist Mittel zum Zweck. Islam ist in erster Linie Staatsidee,Herrschaft und dann erst Religion.

Ähm nein, so anders ist es nicht. Protestanten/Orthodoxe/Katholiken haben einander jahrhundertelang ebenso gnadenlos abgeschlachtet, vertrieben, diskriminiert, wie es Sunniten und Schiiten zum Teil noch tun.

Und den Status Alis auch nur irgendwie mit Jesus in Verbindung zu bringen, ist nicht haltbar. Seine Anhänger waren nämlich ursprünglich keine Konfession, sondern eine politische Fraktion, die nach mehreren richtungsweisenden Ereignissen einen anderen Weg ging. Eine "islamische Dreifaltigkeit" mit Allah, Mohammed und Ali hineinzuinterpretieren ist schlichtweg Blödsinn.

"Eine "islamische Dreifaltigkeit" mit Allah, Mohammed und Ali "

Behauptet kein Mensch.
Es kommt aber sogar noch der Mahdi ins Spiel (Ahmadinedschad ist Mahdiist), und die Zuständigkeit der drei (M,J,M) ist bei vielen schiitischen Richtung absolut nicht klar, weil sie eben viel vor-islamische Tradition enthalten.

ägypten muss eine balance zwischen USA und Iran finden.
wirtscastlich brauchen sie die USA und westen
sie sind abhängig von Geldzahlungen.
Ideologisch sind sie dem iran nahe

"die sich in der Auseinandersetzung, die zur Spaltung des Islam führte,"

Wie die traditionelle Darstellung gesamten islamischen Frühzeit ist auch diese bluttriefende Spaltung mit dem Betrug an Ali Legende.

Im Iran entwickelte sich schon früh eine eigene Konfessionalität aus Christentum/ Zoroastrimus/ Manichäismus in zahlreichen Facetten.

Als die Mohamedsekte ("Sunnismus") obsiegte wurde praktisch alles andere zur "Schia" erklärt. Darunter fallen die Imamiten("Ayatollahs"), aber auch Drusen oder Aleviten, die nicht so sehr viel mit dem Islam gemein haben. Die Ismaeliten sind in Wirklichkeit die letzten verbliebenen Gnostiker. Das Spektrum der Schia reicht von islamisch über gnostisch bis christlich.

Die Schiiten haben sich keineswegs vom Sunnismus abgespaltet, manche sind in Wahrheit älter ("Urmuslime").

Endlich mal ein vernünftiges Posting zum Thema. Danke dafür.

Keine leichte Entscheidung für die Muslimbruderschaft:
Lässt sie sich wie ein braver Hund von den Saudis, Türken und Amis Gassi führen, wer braucht denn schon Ehre xD, oder bandelt sie mit dem Underdog Iran an, was die vorher genannten Staaten allerdings zu extremen Vergeltungsmaßnahmen greifen lassen wird.

Die Frage die sich stellt, ist die, ob die Muslimbruderschaft überhaupt an der Macht bleiben könnte, wenn sie deren Unterstützung verliert, ich würde soweit gehen und sagen, dass sie nicht wirklich eine Wahl hat, ohne dabei ein riesengroßes Risiko einzugehen.

Ägypten steht kurz vor der Pleite!

Ägypten hat noch Devisenreserven von 13,6 Mrd. USD. Ein Großteil ist gebunden, um die Auslandskredite zu finanzieren.

Damit bleiben noch freie Devisen für die Importe von 3 Monaten, die 746 Mio. USD pro Monat verbrauchen.
http://english.ahram.org.eg/NewsConte... -impo.aspx

Damit schafft es Mursi vielleicht bis zur Parlamentswahl ohne Strukturreformen, also weniger Subventionen für Lebensmittel und höhere Steuern. Aber danach wird das Desaster offenbar werden und zu Unruhen in weiten Teilen der Bevölkerung führen. Und Mursi muss die Reformen umsetzen, um den IWF-Kredit von 4,8 Mrd. USD zu erhalten.

Deshalb ist Mursi an seine Geldgeber gebunden.

Danke für die Info,

ihr 12 zeiliges Posting enthält mehr Fakten und nützliche Informationen über die Lage in Ägypten als Frau Harrers gesamte Analyse xD

Dass die Prozesse, die wegen angeblicher Beleidigung Aischas angestrengt werden, eine Idiotie sind, ergibt sich allein aus dem Umstand, dass der sunnitische Kalif einst Mohammeds direkten Nachfahren Hussein getötet hat/töten liess. Insofern sollte man also lieber die eigenen hochverehrten Kalifen genauer unter die Lupe nehmen, denn die Sunniten sehen über dieses Sakrileg gerne hinweg, nehmen aber den Schiiten die Opposition gegen die Kalifen übel.

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