Verschollen im "Birdmuda-Dreieck"

5. Februar 2013, 17:31
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Züchter standen vor einem Rätsel: An bestimmten Orten gehen immer wieder Brieftauben verloren - Forscher haben nun eine neue Theorie zu den Hintergründen

Seit Jahrhunderten wird ihr Orientierungssinn dazu genützt, um Botschaften überbringen zu lassen. Doch unfehlbar sind Brieftauben auch nicht. Immer wieder gegen Brieftauben verloren - zuletzt etwa im Sommer 2012, als bei Wettflügen im Nordosten Englands dutzende Brieftauben auf unerklärliche Weise verloren gingen. Gerade einmal 13 von 232 Vögeln erreichten ihr Ziel in Galashiels in Schottland.

Jedes Mal, wenn die Vögel ein bestimmtes Gebiet überflogen, verschwanden sie von der Bildfläche. Die Bewohner nennen die Region bereits " Birdmuda-Dreieck" - in Anspielung auf das Seegebiet im Atlantik, wo immer wieder Schiffe spurlos verschwanden.

Mysteriöses Phänomen

Auch in den USA gibt es ein ähnlich mysteriöses Phänomen. Der Biologe Bill Keeton von der Cornell University führte zwischen 1968 und 1987 insgesamt fast 1000 Flüge mit Tauben durch. Brieftauben, die von Jersey Hill (nahe Ithaca) nach Hause fliegen sollten, verirrten sich dabei regelmäßig. Nur zehn Prozent kamen wieder an. Am 13. August 1969 jedoch kehrten viele Vögel wie von Geisterhand zurück. Was war da los? Keeton jedenfalls konnte die Anomalie nicht erklären.

US-Forscher dürften dem Rätsel nun aber auf die Spur gekommen sein. Jonathan Hagstrum vom US Geological Survey (USGS) und sein Team haben die Untersuchungsreihe von Keeton noch einmal überprüft - und gingen dabei davon aus, dass sich die Vögel an extrem tiefen Infraschallschwingungen orientieren. Diese für den Menschen nicht hörbaren Töne haben eine Frequenz von etwa 0,1 Hertz und resultieren aus der Kopplung von Atmosphäre und Oberflächenspannungen der Erde (Mikrobeben) sowie aus Überlagerungen des Luftdrucks, sogenannten Mikrobaromen.

Die Vögel haben laut Hagstrum ein feines Sensorium, um diese Schallwellen zu registrieren. "Wenn die Tauben losgelassen werden", so der Geologe, "kreisen sie erst mal über dem Startpunkt. Weil die Ohren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt und die Wellenlängen im Bereich von zwei Kilometern liegen, müssen sich die Vögel in der Luft hin- und her bewegen." Der Forscher vermutet, dass sich die Vögel dabei den Dopplereffekt zunutze machen. Das Phänomen rührt daher, dass - wenn sich eine Wellenquelle und der Empfänger relativ zueinander bewegen - die wahrgenommene von der eigentlich ausgesandten Frequenz abweicht.

Akustische Schattenzone

Um die akustischen Signale in der Atmosphäre zu modellieren, wandte der Forscher eine spezielle Software an. Die Auswertung zeigte, dass an jenen Tagen, an denen die Vögel desorientiert waren, kaum oder kein Infraschall herrschte. Jersey Hill liege zudem in einer akustischen Schattenzone, heißt es in der im Journal of Experimental Biology veröffentlichten Studie. Schließlich gehe aus den Berechnungen hervor, dass der 13. August 1969 der einzige Tag war, an dem es am Cornell Loft Infraschallsignale gab.

Hagstrum schließt daraus, dass die niederfrequenten Wellen tatsächlich essenziell für die Navigation von Brieftauben sind. "Die Vögel nutzen den natürlichem Infraschall, um die Landschaft zu kartieren und ihre Heimat zu verorten", so der Geologe. Doch wie kommt es, dass diese Orientierungshilfe gerade in Jersey Hill versagt? Der Forscher erklärt sich diese Schallschattenzone einerseits durch die spezielle klimatische Bedingungen, andererseits durch die Topografie: Das besondere Terrain um Cornell sei für akustische Signale ungünstig. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 06.02.2013)

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    Verloren über Jersey Hill: Fehlen aufgrund topografischer oder klimatischer Besonderheiten bestimmte Infraschallfrequenzen, dann tun sich Brieftauben schwer, nach Hause zu finden.

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