"Von der Geige wird nichts verziehen"

5. Februar 2013, 17:25
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Daniel Hope hat gerade bei der Deutschen Grammophon die CD "Spheres" veröffentlicht - Ein Gespräch über Sphärenmusik und die Zeit bei Yehudi Menuhin

Wien - Spheres heißt die neue CD von Daniel Hope, und eigentlich ist sie " seit dreißig Jahren in meinem Kopf", so der Geiger. So lange rumort in ihm die Idee von Sphärenmusik, welche ihrerseits seit Pythagoras durch Gelehrtenköpfe geistert. Es geht um die Vorstellung, dass Musik entsteht, wenn "Planeten sich bewegen oder zusammenstoßen, und dass Musik eine mathematische Grundlage hat, eine Art astronomische Harmonie. Ich wollte ein Album machen, das dieses Thema behandelt, aber auch herausfinden, wie Komponisten sich damit heute auseinandersetzen."

Es ist eine vielschichtige Konzept-CD geworden. Aber Hope (Jahrgang 1974) ist vielseitig; er hätte zum Thema auch ein Buch schreiben können. Es gibt ja von ihm Heiteres wie Wann darf ich klatschen? oder Toi, toi, toi! Pannen und Katastrophen in der Musik - recht ungewöhnlich für einen international tätigen Geiger. "Das Schreiben an sich fällt mir leicht, aber gut zu schreiben natürlich gar nicht. Erstaunlicherweise kann ich diese Tätigkeit im Flugzeug ganz gut ausüben. Der Tag fängt jedoch mit Üben an. Wenn ich das nicht täte, würde ich von allen anderen Dingen erdrückt. Da darf man nicht sparen; wenn ich auf Tour bin, müssen das schon vier Stunden täglich sein. Von der Geige wird nichts verziehen."

Blackout weltweit hörbar

Zumal in Zeiten wie diesen, da "man unfreiwillig auf Youtube landet. Und meistens mit einem Blackout. Zum Glück ist es mir noch nicht passiert, aber wir haben alle Tage, an denen es hätte besser laufen können. Die müssen nicht unbedingt weltweit verbreitet werden." Das war in der Epoche eines Yehudi Menuhin natürlich anders. Und Hope kann dazu Authentisches erzählen, es war ja seine Mutter in England Sekretärin Menuhins. 26 Jahre lang.

"Wir kamen aus Südafrika, wo mein Vater, da er als Schriftsteller die Apartheid kritisierte, wegmusste. Das Klima in London was jedoch so negativ gegenüber Südafrika, dass er trotz seiner Distanz zum Regime keinen Job bekam. Geld musste aber her. Durch Zufall traf meine Mutter dann einen Mann, der sie zu Menuhin vermittelte." Es gab für Hope nicht gleich Geigenunterricht. "Lange Jahre hat Menuhin nur gesagt, ich solle erst einmal herumprobieren, er hat das alles mit gutem Misstrauen betrachtet, ich war ja ein Kind. Aber sein Umfeld kennenzulernen, das war für mich das große Glück. In seinem Haus konntest du einen Ravi Shankar hören oder einen Jazzgeiger wie Stéphane Grappelli. Daher rührt wohl, dass ich verrückt bin nach jeglicher Musik. Es muss mich nur berühren, was einer spielt. Unabhängig vom Stil."

Auch interessant und erklärungsbedürftig an Hope: Er lebt in Wien, "da er diesbezüglich heimatliche Gefühle hat". Er fühlt sich als Brite, hat aber einen irischen Pass. "Der irische Pass rührt daher, dass wir England hätten verlassen müssen, hätte mein Vater nicht eine irische Mutter gehabt. So konnten wir die irische Staatsbürgerschaft bekommen und in England bleiben." Und Wien? "Eine Urgroßmutter stammt aus Wien. Wien war wichtig für die Familie - wie auch Berlin. Beide Urgroßväter sind allerdings an der Folgen der Vertreibung durch die Nazis gestorben. Einer hat sich 1939 in Berlin das Leben genommen, nachdem er seine Familie nach Südafrika geschickt hatte. Der andere hat in Berlin alles zurücklassen müssen und ist in der Schweiz einem Herzinfarkt erlegen."

Was Wunder, dass Hope auch ein Buch (Familienstücke: eine Spurensuche) schrieb, in dem er sich mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzte und auch in Zukunft von den Exilgeschichte nicht lassen wird. "Ich erfuhr etwa, dass das Familienhaus von den Nazis im Krieg zu einer der Hauptdechiffrierstationen gemacht wurde. Als Nächstes werde ich mich den Exilkomponisten widmen, die nach Los Angeles flüchteten. Ich bin irgendwie besessen von der Vergangenheit."

Die Besessenheit wird dann wohl in Buch- und CD-Form zu studieren sein. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 6.2.2013)

  • Geiger Daniel Hope über den "Unterricht" bei Legende Yehudi Menuhin: " Lange Jahre hat er gesagt, ich solle herumprobieren, er hat meine Entwicklung mit gutem Misstrauen beobachtet." 
    foto: reuters/bensch

    Geiger Daniel Hope über den "Unterricht" bei Legende Yehudi Menuhin: " Lange Jahre hat er gesagt, ich solle herumprobieren, er hat meine Entwicklung mit gutem Misstrauen beobachtet." 

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