Turkish-Airlines-Chef: "Unsere Lage ist perfekt"

Interview5. Februar 2013, 17:08
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Keine Fluggesellschaft expandiert so stark wie Turkish. Mit 100 neuen Jets will Airline-Chef Temel Kotil die Position einzementieren

STANDARD: Es gibt eine ganze Reihe von Fluggesellschaften, die schnell gewachsen sind und sich damit übernommen haben. Hält Sie das nachts wach?

Temel Kotil: Die Antwort ist sehr einfach. Alles auf der Welt ist natürlich - Pflanzen, Unternehmen, Menschen. Wenn zwei Bäume nebeneinander wachsen, wird der eine vielleicht höher, der andere bleibt niedriger. Sie gleichen sich gegenseitig aus. Fluggesellschaften haben auch ihre natürliche Größe.

Sie können zusätzliche Kraft aufwenden, um größer zu sein, aber ab einem gewissen Zeitpunkt kommen Mitbewerber mit ihrem natürlichen Absatzmarkt ins Spiel. Unser natürlicher Umfang ist viel größer als der heutige. Es geht um die Geografie eines Landes; die Menschen dort und ihre Art, Geschäfte zu machen; um politische Fragen. Als Turkish Airlines 2003 mit dem Umbau begann, hatte sie 10,4 Millionen Passagiere. Am Ende dieses Jahres werden wir 46 Millionen transportieren zu 250 Destinationen. Unser Ziel in fünf bis zehn Jahren sind 300 Destinationen. Das ist die Größe, bei der wir dann stoppen sollten.

STANDARD: Istanbul wird einen dritten großen Flughafen bekommen. Was bedeutet das für das Luftfahrtgeschäft in Europa?

Kotil: Dieser Flughafen wird der größte in Europa sein und einer der größten auf der Welt nach Atlanta und Peking. Unsere Lage ist einfach perfekt. Wir haben jetzt schon 66 Prozent Marktanteil bei den Transitpassagieren zwischen Europa, Fernost, Nahost und Afrika. Der neue Flughafen wird unsere Position als natürliche Drehscheibe nur festigen. Er wird modern sein, sehr großzügig angelegt. Fluggäste werden es leicht haben, zu kommen und zu gehen.

Istanbul-Atatürk, unser Flughafen auf der europäischen Seite, wird schon am Ende dieses Jahres nach Heathrow Europas größter Flughafen sein, gemessen an der Zahl der Sitze pro Woche.

STANDARD: Die große Herausforderung für Europas Fluglinien kommt vom Golf. Turkish Airlines steht deshalb in Gesprächen mit Lufthansa. Wie könnte eine Allianz mit den Deutschen aussehen, über das Code-Sharing in der Star Alliance hinaus?

Kotil: Es kann alles sein. Die Realität ist die Landkarte: Wir wollen sicher stellen, dass wir mehr Fluggäste über unsere Drehscheibe bringen, und die Fluggesellschaften vom Golf wollen Ähnliches. Als europäische Fluggesellschaft sind wir die stärkste Linie nach Fernost, vom Nahen Osten und von Afrika. Eine Partnerschaft mit Lufthansa wäre großartig. Dass die deutsche Kanzlerin und unser Premierminister über eine Kooperation der Unternehmen sprechen, ist das eine. Aber wir haben verabredet, zu diesem Zeitpunkt nicht an die Öffentlichkeit zu gehen aus Rücksicht auf unser beider Interessen an den Börsen.

STANDARD: Sie wollen auch Ihr Geschäft in Österreich ausweiten. Warum?

Kotil: Wir sehen hier noch Potenzial für uns. Wir beobachten Graz, aber wir wollen ab Sommer zunächst mit einem täglichen Flug nach Salzburg starten. Alles andere als täglich macht keinen Sinn für uns.

STANDARD: Und das wird sich rechnen?

Kotil: Wenn es nicht läuft, gehe ich selbst nach Salzburg und verkaufe Tickets. Kein Problem.

STANDARD: Sie schätzen Ihr Joint Venture mit Do & Co ...

Kotil: Ein schönes Unternehmen. Attila Dogudan und seine Mitarbeiter sind mit dem Herzen dabei.

STANDARD: In einem Ranking von Skyscanner sind Sie im vergangenen Jahr mit dem Catering auf Kurzstreckenflügen vom ersten auf den dritten Platz abgerutscht.

Kotil: So ist das Leben. Wenn man etwas gut macht, kommt jemand und macht es besser. Und dann versucht man es eben noch besser zu machen. Ab März werden wir ein neues Design haben. Alles wird neu sein, sogar die Kaffeesets. Wir haben einen Küchenchef auf allen Flügen an Bord und zwei Chefs bei Langstreckenflügen. Das ist unsere Politik. Auf unseren Boeings 777 werden wir ab 2015 Cocktail-Tablets aufstellen - und zwar in der Economy. Sparen lohnt hier nicht. (Markus Bernath, DER STANDARD, 6.2.2013)

Temel Kotil (53) studierte Luftfahrtingenieur in den USA, war Manager in der Istanbuler Stadtverwaltung, als der jetzige Premier Recep Tayyip Erdogan Bürgermeister war, und ist seit 2005 Generaldirektor der Turkish Airlines.

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    Die Köpfe hunderter Mitarbeiter zieren diese Boeing 737-800 der Turkish Airlines. Ab dem Sommerflugplan steht erstmals auch täglich Salzburg-Istanbul auf dem Plan der Fluglinie.

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    Temel Kotil

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