Beim Zuhören entstehen die Freiräume

5. Februar 2013, 17:05
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Das Hörspiel ist die kleine Cousine des Theaters - Andreas Jungwirth pflegt die Verwandtschaft am Schauspielhaus, wo er Hölds "Träumt?" vorstellt

Wien - Als das Radio noch zu den Leitmedien im Äther gehörte, hat das Hörspiel Triumphe eingefahren. Das Fernsehen war noch kein Massenphänomen und so manches Lichtspieltheater vom Krieg noch derangiert, als Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Andreas Okopenko, Friederike Mayröcker oder Ernst Jandl Hörspiele für das Radio fabrizierten. In deren Werkausgaben nehmen Hörspiele mitunter einen ganzen Band ein.

Diese Zeiten sind vorbei. Das Hörspiel, zumal das Original-Hörspiel, führt heute ein Nischendasein. Allerdings ist mit den neuen Medien eine generelle Lust am Hören von Literatur erwacht. Belletristik präsentiert sich in Buchhandlungen mittlerweile dick umwuchert von den dazugehörigen Hörbüchern. Ein Boom, der zwar nicht unmittelbar das Hörspiel betrifft, der aber das Zuhören zelebriert, die gesprochene, gelesene Literatur. Auch am Theater hat die Figur des Erzählers an Bedeutung zugelegt, und das Theater Salon 5 etwa hat mit Grimm leuchtet eine eigene Live-Hörspiel-Serie.

Während es sich bei Hörbüchern schlichtweg um vorgelesene Bücher handelt, ist das Hörspiel ein originäres literarisch-auditives Kunstwerk eigener Gestaltungskraft mit Autor, Regisseur, Dramaturg usw. Die kleine Cousine des Theaters gewissermaßen, die auch in den Sprechern ihre Verwandtschaft deutlich macht (die ersten Hörspiele entstanden in den 1920er-Jahren durch eingesprochene Theaterstücke).

Seit einem Jahr gibt nun das Wiener Schauspielhaus dem Hörspiel extra Raum. Kurator Andreas Jungwirth stellt einmal pro Monat im Nebenraum des Theaters ein Hörspiel vor. Darunter waren bisher röhrende Gebilde wie Hirsche rufen Jäger, Jäger Hirsche von Hermann Bohlen oder das wortgewaltige Auftau-Drama Gletscher von Maxi Obexer. Am Montag, 11. Februar, steht Träumt? von March Höld am Plan, das 2011 als Theaterstück am Volkstheater uraufgeführt wurde. Maria Hofstätter, die in der Hörspielfassung u. a. mit Sigi Zimmerschied die Sprechrollen übernahm, wird zu Gast sein.

Kein Kino im Kopf

Andreas Jungwirth, 1967 in Linz geboren und nach 20 Jahren als Theater- und Hörspielautor in Deutschland nun nach Wien übersiedelt, wollte der österreichischen Hörspielszene ein Forum bieten, sich auszutauschen. "In Berlin hört man im Planetarium mit Blick auf die Sterne Hörspiele, es gibt auch Formate in den Kneipen. In Wien kannte ich bis auf das Klangtheater im Radiokulturhaus keine vergleichbare Veranstaltung."

Das Genuine am Hörspiel erklärt Andreas Jungwirth folgendermaßen: "Viele sagen, das sei Kino im Kopf. Ich stelle bei mir fest, das stimmt nicht. Also ich sehe keine Bilder. Ich bin mit den Stimmen beschäftigt, mit den Situationen, den Räumen. Es entstehen aber keine konkreten Bilder. Und diesen Freiraum, den ich gar nicht genau benennen kann, den schätze ich sehr. Ich muss die Geschichte letztendlich bildlich nicht konkretisieren, und dennoch ist sie es."

Das Genre hat verschiedene Formate entwickelt, die sich sehr frei Audio Art oder schlicht Hörstück nennen - Begriffe, so Jungwirth, die alles jenseits der klassischen narrativen Form beschreiben. Ihnen widmet sich die ORF-Reihe Literatur als Radiokunst.

Im Vergleich zu finanziell wesentlich stärkeren Produktionspartnern wie ARD oder WDR ist die Hörspielproduktion in Österreich gering. Pro Jahr sind es zwölf bis 14 Hörspiele im ORF, so Jungwirth, dessen erste Ö1-Hörspielregie gestern, Dienstag, Premiere hatte und nun noch eine Woche lang online abrufbar ist: Käfergräber von Thomas Arzt, ein Hörspiel über einen Menschen, der sich in den Wald zurückzieht und dort mit der Natur verwächst.

Vieles wird aber auch abseits der Rundfunkanstalten produziert, da die technischen Möglichkeiten mittlerweile für jeden leicht zu kriegen sind. Um diesen Wildwuchs nun kennenzulernen und einen Austausch anzuregen, hat Andreas Jungwirth einen Wettbewerb ausgerufen, die 1. Ohrspiele im Schauspielhaus. Bis Ende März können Einsendungen an das Theater geschickt werden. Die Sieger und ihre Werke werden am 13. Mai vorgestellt.

Formal schwieriger

Hörspiele werden auch selten auf Tonträgern verlegt. Selbst für die Wallander-Krimis, also veritable Bestseller, hat der Hörspiel-Verlag ohne Unterstützung eines Senders die Initiative ergriffen, erzählt Jungwirth. Besonders populär sind hingegen - wie derzeit am Theater ja auch - die Bearbeitungen von Romanen. Doch alle zusammen können den Hörbuchmarkt nicht toppen. Diese sind deshalb populär, so Jungwirth, " weil sie sich meist an Bestseller dranhängen. Und wohl auch, weil jeder weiß, was einen erwartet: Mir wird ein Buch vorgelesen, da bin ich formal abgesichert."

Beim Hörspiel geht es diesbezüglich eher rund. Paul Plamper etwa, einer der Stars der Szene in Deutschland, hat mit seinem vielfach ausgezeichneten Hörspiel Ruhe 1 ausgerechnet aus dem Moment einer Stille eine dramatische Form entwickelt. Er umkreist einen Vorfall aus mehreren Perspektiven auditiv. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 6.2.2013)

  • Mischpult für den perfekten Klang von Literatur und den ihr innewohnenden Atmosphären. Das aktuell online abrufbare Ö1-Hörspiel heißt "Käfergräber" und führt in den Wald.
    foto: heribert corn

    Mischpult für den perfekten Klang von Literatur und den ihr innewohnenden Atmosphären. Das aktuell online abrufbare Ö1-Hörspiel heißt "Käfergräber" und führt in den Wald.

  • Andreas Jungwirth ist Initiator und Kurator der Hörspiel-Reihe am Wiener Schauspielhaus.
    foto: privat

    Andreas Jungwirth ist Initiator und Kurator der Hörspiel-Reihe am Wiener Schauspielhaus.

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