Mir fehlt: Der Durchblick

Blog7. Februar 2013, 16:03
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Medien wollen Transparenz - und sollten sie auch bieten - Jobs-to-be-done, Teil 2

Transparenz! Transparenz! Transparenz! will die Zivilgesellschaft, fordern Journalisten. Manches ist erreicht, vieles im Gange: Informationsfreiheitsinitiative (unterstützenswert!),  Medien- und Lobbying-Transparenzgesetze, Open Government, Open Data.

Open Journalism?

Legt der Journalismus an sich selbst die gleichen Maßstäbe an? Wird öffentlich darüber diskutiert, in welchen Prozessen, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Begrenzungen Medienprodukte entstehen? Im Rahmen eines EU-Projekts habe ich mich damit auseinander gesetzt und denke: Zu wenig. Branchenintern wird viel diskutiert, aber noch zu wenig wird geschrieben, gesendet, veröffentlicht. Vorreiter anderswo ist der "Guardian". Das britische Flagschiff der liberalen Publizistik hat "Open Journalism" zu seinem Credo gemacht. Das Konzept zielt auf Partizipation, Prozess, Verlinkung, Abbau von Hierarchien ab. Open Journalism ist per definitionem transparent. (Details in Q&A's mit Chefredakteur Alan Rusbridger oder von Guardian-SEO-Manager Chris Moran bei einem Talk in Wien.)

Immerhin, auch einiges in österreichischen Medien geht in diese Richtung. Themen, Fehler, offene Fragen werden von zahlreichen Journalisten und Journalistinnen auf Twitter diskutiert. Freie Journalistinnen thematisieren ihre Arbeitsbedingungen. Leser und Leserinnen werden in die Themenfindung einbezogen. Redakteursstatute und Leitbilder werden publiziert. Redaktionen holen sich in öffentlichen Blattkritiken live Feedback. Sendungsmacher diskutieren über ihre Sendungen. Und Journalistinnen thematisieren, wie im jüngsten "profil" Anna Giulia Fink, Macht- und Geschlechterverhältnisse in den Redaktionen. Viele internationale Beispiele bringt in einem Blogeintrag von Montag Ulrike Langer.

Mehr Meta-Journalismus

Trotzdem: Solche Thematisierung der Rahmenbedingungen von Journalismus, gewissermaßen Meta-Journalismus, könnte ausgeprägter sein. Oder die Möglichkeit, mit Journalisten und Journalistinnen unmittelbar zu kommunizieren. Noch immer sind auf manchen Medienwebsites nicht mal die E-Mailadressen der Redakteure zu finden. Medienjournalismus ist Nische. TV-Formate wie das Medienquartett bleiben Sache der Community.

Positiv formuliert: Es gibt noch Spielraum. Eine kürzlich im Rahmen des erwähnten EU-Projekts erstellte Sammlung zeigt europäische Best-Practice-Beispiele für Open Newsrooms, Chats über Entscheidungsfindungsprozesse, Streams aus Redaktionskonferenzen, den offenen Umgang mit Fehlern und zahlreiche andere Transparenzmaßnahmen. Viele dieser Beispiele sind nachahmenswert. Andere mögen zu ganz neuen Mitteln und Methoden der Transparenz inspirieren. (Ich freue mich über Diskussion und Ideen @fjumwien.)

Manche mögen zwar befürchten, dass all das zu aufwändig ist. Oder, wie Philosoph und Transparenzkritiker Byung-Chul Han, dass Offenheit und Transparenz nicht nur mehr Freiheit, sondern auch mehr Zwang hervorbringt.

Mag sein. Trotzdem wird die Forderung nach Transparenz in Politik, Verwaltung, Wirtschaft nur glaubwürdig sein, wenn auch Medien selbst Durchblick auf ihre Strukturen, Arbeitsweisen und Entscheidungsprozesse ermöglichen. (Daniela Kraus, derStandard.at, 7.2.2013)

Zum Thema

"Best Practice Guidebook: Media Accountability and Transparency across Europe", erstellt von Medienhaus Wien als österreichischer Partner des EU-Projekts MediaAct hier zum Download: mediaact.eu (Disclaimer: Ich habe an dieser Sammlung mitgearbeitet. Der Credit aber gebührt dem Studienteam und vor allem Klaus Bichler.)

Initiative "Transparenzgesetz statt Amtsgeheimnis": transparenzgesetz.at

Open Journalism beim "Guardian": Q&A's mit Chefredakteur Alan Rusbridger

Eine inspirierend kritische Auseinandersetzung des Philosophen Byung-Chul Han mit dem Transparenzanspruch: brandeins.de

In eigener Sache

Zum Thema Fehlermanagement bietet das fjum im Juni einen Kurs an: Media Fact-Checking: Avoiding Errors, Correcting Mistakes

Nachlese

Mir fehlt was: Jobs-to-be-done, Teil 1

Kommentar

Anita Zielina: Gelebte und geliebte Heimlichkeit

  • Hinter der Fassade verstecken geht nicht. Medien sollten wie Politik, Verwaltung und Wirtschaft Transparenz leben.

    Hinter der Fassade verstecken geht nicht. Medien sollten wie Politik, Verwaltung und Wirtschaft Transparenz leben.

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