Wo die hehre Oper kein Gottesdienst ist

5. Februar 2013, 17:15
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Das Letzte Erfreuliche Operntheater feiert 20-Jahr-Jubiläum - und pflegt die jüdische Kultur

Wien - Das Letzte Erfreuliche Operntheater ist ein Etablissement der anderen Art. Da sitzt man an kleinen Tischen, auf denen man sein Gläschen Rot abstellen kann. Man darf lachen und singen. Wenn die Königin der Nacht ihre Rachearie singt - pardon: pfeift, dann meint man sich von ihren Augen ganz persönlich angefunkelt zu sehen. Wenn Pamina durch den schmalen Mittelgang zur Bühne schreitet, wird man von ihrem Kleid gestreift.

Im L.E.O. bekommt man eine Ahnung davon, wie Oper früher gewesen sein muss: weniger Gottesdienst, mehr Gasthaus. Weniger Museum, mehr Menschlichkeit. Weniger Hochglanz, mehr Geschichtenerzählen. Der Mann, der diese wohltuende Wiener Institution vor 20 Jahren gegründet hat, ist Stefan Fleischhacker. Das Credo seiner Operndarstellung lautet wie folgt: "Ich will Stimmungen vermitteln. Das kann durch die Stimme oder aber durch die Persönlichkeit eines Sängers geschehen. Ich habe an großen Häusern die Erfahrung gemacht, dass eine perfekte Stimme noch keine Garantie dafür ist, dass das Stück stattfindet."

Oper war für den gebürtigen Tiroler immer ein Lebenselixier: Beim Frühstück wurde zum Butterbrot die Salome konsumiert. Wenn Papa kulturfaul war, durfte der Sohn mit der Mutter ins Tiroler Landestheater. Ein Bühnenbildstudium in Mailand folgte, parallel dazu ließ Fleischhacker seine Stimme bilden. "Ich hatte früher immer mit Regisseuren zu tun, die nicht mehr an das Stück glaubten, das sie inszenierten. Die gesagt haben: So kann man es nicht mehr machen. Das finde ich nicht. Ich glaube an die Stücke."

Wie laufen die (unbezahlten) Proben im L.E.O. ab? "Die Sänger müssen ihre Partien selber entdecken. Ich bin nur Zuschauer und Koordinator, ich schaue, ob sie verstanden haben, worum's geht. Wenn mich eine Sängerin fragt, was sie bei einer Arie darstellerisch machen soll, dann sage ich: Drück das aus, was du singst. Wenn sie das macht, dann ist der darstellerische Spielraum gering."

Kraft dieser Philosophie und sehr vieler Meter Stoff als Bühnendeko hat das L.E.O. mit Fleischhacker und seinen Stammkräften Stephen Delaney, Elena Schreiber, Martin Thoma und Antonia Lersch schon an die 30 Musiktheaterwerke aufgeführt; ergänzt wurde das Programm mit Liederabenden und alten Kabarettprogrammen. Teile davon haben sich irgendwann wie von selbst zu einem Jüdischen Musikkabarett-Festival zusammengefunden, welches nun bereits zum dritten Mal im L.E.O. stattfinden wird.

Dort werden Martin Haidinger und Robert Kolar aus Roda Rodas Feldherrenhügel lesen, die charmante Kurt-Tucholsky-Revue wird wieder zu erleben sein. In Fräulein Gigerlette werden unterhaltsame Lieder der kanonisierten Götter Mahler, Zemlinsky, Korngold und Schönberg "als Geschichten" vorgetragen, im Programm Verbotene Lieder wird mehr der Götter der kabarettistischen Unterwelten gedacht, wie Fritz Grünbaum oder Karl Farkas. Zum Ende tanzen Elena Schreiber und Antonia Lersch dann Kosher Through the Ballroom.

War Humor ein Überlebensmittel für die Juden? "Vielleicht war er ein Ausdruck ihres Willens, sich nicht unterkriegen zu lassen." Was kennzeichnet den jüdischen Humor? "Schwärze, eine gewisse Respektlosigkeit, Menschlichkeit, Offenheit, Intelligenz und Selbstironie", so Fleischhacker. (Stefan Ender, DER STANDARD, 6.2.2013) 

9. bis 25. 2.

  • Stefan Fleischhacker treibt der musikalischen Hochkultur den falschen Ernst aus. Sein Motto: "Drücke aus, was du singst."
    foto: wojciech czaja

    Stefan Fleischhacker treibt der musikalischen Hochkultur den falschen Ernst aus. Sein Motto: "Drücke aus, was du singst."

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