Fühlen sich Buntbarsche bedroht, akzeptieren sie eher fremde "Einwanderer"

10. Februar 2013, 17:43
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Hat die Gruppe Angst vorm Gefressenwerden, steigt Wahrscheinlichkeit für Aufnahme von Artgenossen

Wien/Cambridge - Steigt die Bedrohung durch Fressfeinde, so erhöht sich die Toleranz gegenüber fremden Artgenossen. Das gilt zumindest für eine afrikanische Buntbarsch-Art, wie an der Universität Cambridge und Bern tätige österreichische Wissenschafter in einer aktuellen Untersuchung herausfanden. Geht in der kooperativ brütenden Gruppe die Angst vorm Gefressenwerden um, akzeptieren das dominante Weibchen und Männchen eher fremde "Einwanderer". Dabei behalten die Fische auch zukünftige Gefahren im Blick. Ihre Studienergebnisse veröffentlichten die Forscher im Journal "Proceedings of the Royal Society B".

Bei der "Prinzessin vom Tanganjikasee" (Neolamprologus pulcher) handelt es sich um eine Buntbarsch-Art, die ausschließlich im zentralafrikanischen Tanganjika-See vorkommt. Diese Fische bilden sehr kooperative soziale Gruppen. Das Recht auf Fortpflanzung ist aber meist auf ein dominantes Paar beschränkt. Die anderen Gruppenmitglieder helfen bei der Aufzucht der Nachkommen und bei der Verteidigung des Territoriums.

Wenn eine solche Gruppe jedoch sehr viele Mitglieder zählt, hat das auch negative Auswirkungen, da es vermehrt zu Konflikten um Ressourcen und um das Recht auf Fortpflanzung kommen kann. Aufgrund dieser Konflikte sei anzunehmen, dass neue Mitglieder nur toleriert werden, wenn sie gebraucht werden, so der seit kurzem als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Cambridge tätige Verhaltensbiologe Markus Zöttl.

Konfrontationsversuche

Um das zu untersuchen, präsentierten die Forscher verschiedenen Gruppen verschiedene Bedrohungsszenarien. Dafür wurden Aquarien durch durchsichtige Scheiben in mehrere Abteilungen unterteilt. Auf der einen Seite befand sich die Buntbarsch-Gruppe, auf der anderen Seite ein Fisch, der es entweder auf ihre Eier oder auf sie selbst abgesehen hat. In anderen Versuchsanordnungen wurden sie entweder mit einem pflanzenfressenden Fisch oder gar keinem Gegenüber konfrontiert.

In einer weiteren Abteilung befanden sich Buntbarsche, die Anschluss an eine Gruppe suchten. Nach einem Tag nebeneinander wurde die Trennwand entfernt und die Forscher zeichneten die Interaktionen zwischen den Einwanderern und der Gruppe sowie aggressives Verhalten gegenüber den Außenstehenden auf. Die potenziellen Helfer wurden in Gruppen, die es mit Fressfeinden zu tun hatten, eher akzeptiert und in die Gruppe aufgenommen als in Gruppen ohne Bedrohungsszenario.

Überraschung über vorausschauende Handeln

Dass das Verhalten der Fische auch durch zukünftige Bedrohungen definiert wird, zeigte sich darin, dass auch Gruppen, die einem Raubfisch gegenüberstanden, der es ausschließlich auf ihre noch ungelegten Eier abgesehen hat, ebenfalls aufnahmebereiter waren. Dieses vorausschauende Handeln ist für Zöttl eine der großen Überraschungen der Studie. Solche Handlungsweisen habe man vorher schon bei Vögeln und Menschenaffen beobachtet.

Überrascht hat den Wissenschafter auch, wie weit das Verhalten der Buntbarsche dem der Menschen ähnelt. Die Einwanderungspolitik vieler Länder richte sich explizit danach, welchen Bedarf an Helfern die Entscheidungsträger eines Landes orten. Ist der Bedarf hoch, steige wie bei den Fischen die Wahrscheinlichkeit auf Aufnahme. (APA/red, derStandard.at, 10.02.2013)


Abstract
Proceedings of the Royal Society B: Group size adjustment to ecological demand in a cooperative breeder

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