Libanon: Eine Hochzeit als Staatsaffäre

Hintergrund6. Februar 2013, 05:30
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Der Versuch einer zivilen Eheschließung beschäftigt im Libanon sogar die Staatsspitze. Der Großmufti schäumt vor Wut

Alles begann mit Englisch-Stunden: Nidal Darwisch, Rezeptionist in einem Fitness-Studio wollte seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern. Seine Lehrerin, Kholoud Sukkarieh, sollte auch bald seine große Liebe werden. Vor drei Monaten gaben sich die beiden schließlich das Ja-Wort. All das wäre eine ganz normale Liebesgeschichte, würden der Schiit Nidal Darwisch und die Sunnitin Kholoud Sukkarieh nicht im Libanon leben.

Die Regierung in Beirut erkannte die Hochzeit nicht an, da sie nicht von einem offiziellen Vertreter einer der 18 im Libanon anerkannten Religionsgruppen registriert wurde. Der Fall löste eine heftige Debatte über zivile Eheschließungen im Libanon und wie sie die Balance des konfessionellen Proporzsystems ins Wanken bringen können, aus.

Gesetzeslücke aus dem Jahr 1936

Die libanesische Gesetzgebung sieht eigentlich vor, dass Hochzeiten nur zwischen Mitgliedern derselben Religionsgemeinschaft geschlossen und von Vertretern der offiziell anerkannten Konfession registriert werden können. Wollten im Libanon Paare zweier unterschiedlicher Glaubensrichtungen heiraten, blieben ihnen bisher nur zwei Optionen: Entweder einer der beiden Verlobten wechselte den Glauben oder sie heirateten in einem anderen Land. Letzteres ist mittlerweile so populär, dass Reisebüros in Beirut "Hochzeitspakete" für Eheschließungen in Zypern anbieten.

Darwisch und Sukkarieh versuchten dieses System zu umgehen und bekamen Hilfe vom "Markaz al-Madani li-al-Mubadara al-Wataniyya" (Bürgerrechtszentrum für die nationale Initiative). Die NGO nutzte ein bisher kaum bekanntes Schlupfloch aus dem Jahr 1936. Basierend auf dem aus französischer Mandatszeit stammenden Dekret Nr.60 ließen Sukkarieh und Darwisch in einem wochenlang dauernden Behördengang zunächst ihre religiöse Affiliation aus ihren Dokumenten streichen und unterzeichneten dann einen zivilen Hochzeitsvertrag bei einem Notar, der diesen dann ans Innenministerium zur Registrierung schickte. Die Behörden haben bisher noch nicht reagiert, doch allein die Einsendung hat die Wogen im multi-konfessionellen Staat hochgehen lassen.

Reaktionen

Auf seiner Facebook-Seite drückte Staatspräsident Michel Sleiman seine Unterstützung für ein Gesetz, das zivile Eheschließungen im Libanon ermöglichen soll, aus und nannte es "einen sehr wichtigen Schritt konfessionellen Proporz im Libanon auszumerzen und die nationale Einheit zu festigen". Bis dato hat das Posting fast 8.000 Likes.

Damit steht er im Widerspruch zu Premierminister Najib Mikati, der Gespräche, um das Problem zu lösen, ablehnte. Eine Debatte darüber sei angesichts anderer Probleme, die das Land derzeit habe, sinnlos, sagte Mikati bei einer Kabinettssitzung Ende Jänner.

"Bakterium der zivilen Eheschließung"

Weniger dezent brachte der libanesische Großmufti seine Opposition zu zivilen Eheschließungen zum Ausdruck: "Es gibt Raubtiere unter uns, die versuchen das Bakterium der zivilen Eheschließung im Libanon zu säen, doch sie sollten wissen, dass die Religionsgelehrten nicht zögern werden, ihre Pflicht zu tun", sagte Sheikh Rashid Qabbani und konkretisierte gleich seine Drohung. "Jeder muslimische Offizielle, egal ob Abgeordneter oder Minister, der die Legalisierung ziviler Eheschließungen unterstützt, ist ein Apostat und außerhalb des Islam". Solchen Vertretern würden korrekte islamische Begräbnisriten verweigert und sie würden nicht auf einem islamischen Friedhof begraben werden.

Das ließ selbst die Verwandten von Darwisch und Sukkarieh nicht unbeeindruckt. In einem Statement Ende Jänner distanzierte sich die Familie von dem Ehepaar: "Wir lehnen nicht-konfessionelle Hochzeiten, oder was manche zivile Eheschließungen nennen, ab." Die Familie betonte, dass die Entscheidung des Pärchens eine rein "persönliche war und nicht (das Verhalten der) Familie widerspiegelt."

Libanesische Büchse der Pandora

Hinter der Ablehnung durch religiöse und politische Akteure steckt die Angst vor den langfristigen Implikationen eines Gesetzes zur zivilen Eheschließung. Das libanesische politische System basiert im Kern darauf, die Bevölkerung in drei seperate konfessionelle Gruppen zu teilen: Christen, Schiiten und Sunniten. Wenn die Libanesen diese strikten konfessionellen Grenzen zu überschreiten beginnen, so würde ein Gesetz über die zivile Eheschließung einen Rattenschwanz an weiteren legalen Problemen von Scheidungs-, über Obsorge- bis hin zu Erbrecht nach sich ziehen. Und wenn diese Büchse der Pandora erst einmal geöffnet ist, befürchten Kritiker, gibt es kein zurück mehr.

Der jüngste Lösungsansatz, der derzeit in Beirut kursiert, ist typisch libanesisch: Die Gründung einer 19. konfessionellen Gemeinschaft: Die Säkularen. (Stefan Binder, derStandard.at, 6.2.2013)

  • Kholoud Sukkarieh (links) und ihr Ehemann Nidal Darwisch präsentieren ihren Hochzeitsring. Die Eheschließung wird vom libanesischen Staat offiziell nicht anerkannt.
    foto: ap photo/bilal hussein

    Kholoud Sukkarieh (links) und ihr Ehemann Nidal Darwisch präsentieren ihren Hochzeitsring. Die Eheschließung wird vom libanesischen Staat offiziell nicht anerkannt.

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