ADHS-Studien müssen hochwertiger werden

5. Februar 2013, 13:04
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Wie wirksam sind nicht-medikamentöse ADHS-Therapien? Das hat die europäische ADHS‐Leitliniengruppe in einer studienübergreifenden Analyse hinterfragt

Der Markt für ADHS-Medikamente boomt, aber es gibt auch zahlreiche nicht-medikamentöse Therapien. Wie wirksam diese sind, hat die europäische ADHS‐Leitliniengruppe, unter Federführung der Universität Southhampton, in einer studienübergreifenden Analyse hinterfragt.

Betrachteten die Forscher nur wissenschaftlich hochwertige, sogenannte verblindete Studien, hatten lediglich zwei von sechs Therapien einen Effekt. Diese basierten auf einer Ernährungsumstellung. "Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Therapien nicht wirken", sagt Martin Holtmann von der LWL-Universitätsklinik der RUB in Hamm, "sondern dass die Datenlage nicht gut ist. Wir brauchen mehr wissenschaftlich hochwertige Studien." Die Forscher berichten die Ergebnisse im American Journal of Psychiatry.

Sechs nicht-medikamentöse ADHS-Therapien im Test

In die Meta-Analyse gingen Daten von 54 Studien mit insgesamt rund 3.000 Patienten ein. Erstmals betrachteten die Wissenschaftler mehrere nicht-medikamentöse Therapien auf einmal. Sie untersuchten zum einen, was passierte, wenn die Betroffenen ihre Ernährung auf drei Arten umstellten: keine künstlichen Lebensmittelfarben, mehr Omega 3-Fettsäuren oder eine spezielle Diät ohne Lebensmittel, gegen die die ADHS-Patienten eine Unverträglichkeit besaßen.

Zum anderen prüfte das Team die Effekte dreier psychologischer Ansätze: kognitives Training zum Beispiel des Arbeitsgedächtnisses, Verhaltenstherapie und Neurofeedback. Bei letzterer Methode visualisieren Ärzte die Hirnaktivität, um dem Patienten beizubringen, diese zu modifizieren und so Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zu steigern.

Verblindete und nicht verblindete Studien

Die Wissenschaftler analysierten, ob sich die ADHS-Kernsymptome – Impulsivität, schlechte Aufmerksamkeit, motorische Unruhe – durch die jeweilige Therapie besserten. Sie unterschieden dabei zwischen "verblindeten" und "nicht verblindeten" Studien. Verblindet bedeutet, dass die Person, die die Kernsymptome beurteilt, nicht weiß, ob der Patient in der Plazebogruppe war oder eine Therapie erhielt.

Im Rahmen nicht verblindeter Studien weiß die beurteilende Person, ob der Patient eine Therapie bekommt oder nicht. Hier hatten alle sechs Therapien einen signifikanten Effekt auf die ADHS-Kernsymptome. In den verblindeten Studien zeigten dagegen nur die Diäten ohne künstliche Lebensmittelfarben und mit Omega 3-Fettsäuren Wirkung – doch die Effekte waren klein.

Datenlage ist zu dünn

"Mit den Ergebnissen können wir weder belegen, dass die Therapien wirken, noch dass sie nicht wirken", resümiert Holtmann. Um eine eindeutige Aussage treffen zu können, müssten dringend mehr verblindete Studien her, da diese als wissenschaftlich aussagekräftiger gelten. Martin Holtmann: "Wenn ein Beurteiler weiß, dass ein Patient eine Therapie bekommt, erwartet er oft eine Besserung. Das kann das Urteil trüben."

Für die Neurofeedback-Therapie fanden sich nur acht Studien, von denen lediglich vier verblindet waren. "Außerdem haben die Studien nur die drei Kernsymptome erfasst: impulsiv, unaufmerksam, unruhig", gibt Holtmann zu bedenken. "Man muss breiter schauen".

Da ADHS auch die Lebensqualität und das Selbstwertgefühl beeinflusst, könnte es sein, dass die nicht-medikamentösen Therapien auf diese Bereiche wirken. Da viele Eltern keine medikamentöse Behandlung wünschten oder diese aufgrund von Nebenwirkungen nicht möglich sei, seien andere Therapieformen essenziell. Letztere zu untersuchen, ist laut Holtmann aber nicht so einfach. Denn anders als bei Medikamentenstudien sei eine Unterstützung durch finanzkräftige Firmen selten.

Die Forscher der LWL-Klinik Hamm unternehmen zurzeit einen ersten Schritt, um die Datenlage zu verbessern. Unter ihrer Leitung entsteht die bisher größte verblindete Studie zur Wirksamkeit von Neurofeedback mit 150 Kindern, die von ADHS betroffen sind. (red, derStandard.at, 5.2.2013)

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