Milliardenklage gegen Ratingriesen S&P

5. Februar 2013, 18:31
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S&P droht weiteres Ungemach. Sie habe Finanzprodukte wider besseres Wissen gut bewertet, um sich Marktanteile im Ratinggeschäft zu sichern

Wir raten jeden Deal. Er könnte sogar mit Kühen strukturiert sein, und wir würden ihn bewerten." Interne E-Mails wie diese sind Teil einer 128-seitigen Klage des US-Justizministeriums gegen die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Erstmals wird ein Bonitätsprüfer für die Bewertung von Wertpapieren vor der Finanzkrise von der US-Bundesregierung vor Gericht gezerrt. Systematisch soll die Ratingagentur zwischen 2004 und 2007 die Bewertung von komplexen Wertpapieren zu positiv dargestellt und "wissentlich und vorsätzlich betrogen" haben.

Die Klage ist der erste Schritt in der neuen Amtszeit der Regierung von US-Präsident Barack Obama zur Aufarbeitung der Finanz- und Wirtschaftskrise. 2012 mussten eine Reihe von Großbanken insgesamt 25 Milliarden Dollar für ihre Rolle im Immobilienboom zahlen. Nun will die US-Regierung der Verantwortung der Prüfer klären.

Konkret bemängelt das Justizministerium die Bewertung von CDOs (Collateralized Debt Obligations) und RMBS (Residential Mortgage Backed Securities). Diese strukturierten Finanzprodukte bestehen aus Hypotheken und wurden vor der Finanzkrise von Investmentbanken gebündelt und verkauft. S&P soll zwischen 2004 und 2007 insgesamt 4000 Milliarden Dollar dieser strukturierter Papiere geprüft haben. Allein mit der Bewertung von CDOs hat S&P zwischen 2005 und 2007 knapp 480 Mio. Dollar verdient. Die Ratingagenturen gaben diesen Papiere in vielen Fällen die Bestnote AAA, was sie für konservative Anleger interessant machte.

Kollabiert

Ab 2006 kollabierten diese Wertpapiere aber, weil viele US-Immobilienbesitzer ihre Hypotheken nicht bezahlen konnten. "Diese Verluste waren im Zentrum der Finanzkrise und haben die Probleme der Banken ausgelöst", sagt Lawrence White, Wirtschaftsprofessor an der New York University. "Die optimistischen Ratings der Agenturen haben die Immobilienblase in den USA noch weiter aufgeblasen." Die Ratingagenturen stuften die Papiere erst 2008 massenhaft herab.

US-Justizminister Eric Holder wirft S&P vor, die guten Ratings vergeben zu haben, um "Umsatz und Marktanteil im Ratingmarkt" zu erhöhen. Die USA haben die Ratingagentur unter Berufung auf ein Gesetz aus dem Jahr 1989 geklagt. Dieses wurde als Reaktion auf die Sparkassenkrise erlassen und soll riskante Wetten bei Banken verhindern.

Bereits seit drei Jahren verhandelt das Justizministerium mit S&P. Laut Informationen von Insidern soll die US-Regierung auf eine Zahlung von mehr als einer Milliarde Dollar durch S&P bestanden haben. Das Unternehmen sträubt sich gegen die hohe Strafzahlung und bezeichnet die Klage als juristisch unbegründet. Geht es nach S&P, handelt es sich bei seinen Ratings lediglich um eine Meinung.

White erwartet nach der Klage der US-Regierung, dass zahlreiche Privatankläger aufspringen. "Im Geschäftsmodell gibt es offensichtlich Interessenkonflikte."

An den Aktienmärkten reagierten die Anleger von McGraw Hill, dem Mutterkonzern von S&P, negativ auf die Nachricht. Am Montag war die Aktie um 14 Prozent abgestürzt, am Dienstag notierte sie im frühen Handel 6,5 Prozent im Minus. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 6.2.2013)

  • Es ist noch nicht allzu lange her, dass die US-Ratingagenturen den Besitzern von US-Hypotheken Rosen streuten.
    foto: ap/liu

    Es ist noch nicht allzu lange her, dass die US-Ratingagenturen den Besitzern von US-Hypotheken Rosen streuten.

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