Unter Taglöhnern

Rezension4. Februar 2013, 18:48
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Natürlich ist es Günter Wallraff, an den man denkt, wenn es um Sozialreportagen geht. Logischerweise ist er in diesem Band vertreten. Doch auch die anderen Geschichten "vom Rand der Gesellschaft" sind nicht minder interessant und nicht minder gut geschrieben. Ganz in der Wallraff'schen Tradition des "ganz unten" sind es meistens Berichte in Selbstversuchen: am Arbeitsstrich, mit Hartz-IV-Mindestsicherung oder als Zimmermädchen.

Da ist eine Strecke aus Sibylle Hamanns Buch über das Putzen um sieben Euro die Stunde. Da ist der berührende Bericht von Detlef Vetten, einem ehemaligen Sportchef bei "Stern" und Ex-Lokalchef bei der Münchner "Abendzeitung", den eine Lebens- und Schaffenskrise in den Taglöhnermarkt warf. Dort musste er feststellen, dass man bei den billigen, unsicheren Jobs schnell gelinkt wird. Nach einem Tag schwerer körperlicher Arbeit im Nirgendwo von Brandenburg kommt am Schluss keiner mit der Geldbörse, kann man sich zu Fuß über die Felder nach Berlin aufmachen.

Im Buch ist auch eine Reportage von Michael Holzach, der 1982 von Hamburg bis zum Bodensee wanderte, ohne einen Groschen in der Tasche. Mit dieser Erfahrung schrieb er ein Buch, das verfilmt werden sollte. Beim Filmdreh starb er beim Versuch, seinen Hund aus einem Fluss zu retten.

Schnell kann sich das Blatt wenden, kann man von der Butter- auf die Schattenseite fallen, zeigt dieses Buch. Niemand steht gerne am Rand, freiwillig sind dort nur ein paar Journalisten, um möglichst authentisch darüber zu berichten. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 5.2.2013)

Felicia Englmann u. a.
Draußen

Reportagen vom Rand der Gesellschaft
Redline Verlag 2013
209 Seiten, 19,90 Euro

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    foto: redline verlag
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