"Viele Flüchtlinge sind von daheim hoch politisiert"

Interview4. Februar 2013, 18:35
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Laut der Sozialwissenschafterin Helen Schwenken wurden die aktuellen Flüchtlingsproteste durch Isolation und Nichtintegration ausgelöst. Instrumentalisiert seien die Asylwerber nicht

STANDARD: Flüchtlingsproteste wie in Wien gibt es derzeit auch in Berlin, Amsterdam, Lille, Budapest. Wie erklären Sie, dass an verschiedenen Orten Ähnliches geschieht?

Schwenken: Das hat viel damit zu tun, dass die Situation in vielen Erstaufnahmezentren unerträglich ist. Doch in der Massivität kamen die Proteste jetzt überraschend. Zuletzt gab es ums Jahr 2000 eine vergleichbare Welle, mit den französischen Sans Papiers (Migranten ohne oder mit unzureichenden Papieren, Anm.) und transnational koordinierte Antiabschiebungsproteste.

STANDARD: Welche Rolle spielten und spielen da linke, autonome Unterstützer? In Österreich heißt es, diese würden die Flüchtlinge instrumentalisieren.

Schwenken: Die Instrumentalisierungsdiskussion gibt es auch in Berlin. Das ist in sozialen Bewegungen nichts Neues, durch deren Geschichte zieht sich die Behauptung, Radikale würden den Protest vereinnahmen - und dann folgt der Verweis auf die vermeintlich authentisch Betroffenen. Bei den Flüchtlingen heißt es jetzt, diese würden nur gegen ihre schlechten Lebensbedingungen protestieren, die umfassenderen Forderungen, etwa Bewegungsfreiheit in Europa, seien gar nicht die ihren.

STANDARD: Sind es die ihren?

Schwenken: Sicher. Das sind Menschen, die sich übergreifend Gedanken machen und Verbindung zur hiesigen Opposition suchen. Viele Flüchtlinge sind von daheim hoch politisiert .

STANDARD: Sie sagten, die jetzigen Proteste kamen überraschend: Was vermuten Sie als Auslöser?

Schwenken: Bemerkenswert ist, dass die Bewegungen in Deutschland in jenen Bundesländern begannen, wo Asylbewerber keine Geld-, sondern Sachleistungen beziehen - etwa in Bayern.

STANDARD: Weil sich Flüchtlinge von Sachleistungen abhängiger fühlen?

Schwenken: Ich denke schon. Und dann kommt oft noch Isolation in - was Deutschland betrifft - Sammelunterkünften dazu, die meist am Rande von Städten, manchmal mitten im Wald, liegen. So sind Asylbewerber für die einheimische Bevölkerung unsichtbar, haben keine Chance auf Integration. Ich sehe das in Deutschland als staatliche Strategie.

STANDARD: In Österreich werden viele Asylwerber in abgelegenen Gasthöfen grundversorgt. Ist das vergleichbar?

Schwenken: Die Isolation ist wohl ähnlich, denn die Communities, in denen Flüchtlinge andocken könnten, sind in den Städten.

STANDARD: Sollten demnach alle Asylwerber in Städten leben?

Schwenken: Ja, und sie sollten im Familienverband oder aber in kleinen Gruppen in ganz normalen Wohnungen leben - und zwar in gemischt in- und ausländischen Nachbarschaften. (Irene Brickner, DER STANDARD, 5.2.2013)

Helen Schwenken (40) forscht zu sozialen Bewegungen an der Uni Kassel. Dort hat sie eine Juniorprofessur für Politik der Arbeitsmigration inne.

  • Sozialwissenschafterin Helen Schwenken.
    foto: privat

    Sozialwissenschafterin Helen Schwenken.

  • Asylwerberprotest 2002 im nordfranzösischen Sangatte.
    foto: reuters/pascal rossignol

    Asylwerberprotest 2002 im nordfranzösischen Sangatte.

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