Die mit den Wölfen tanzt

4. Februar 2013, 18:36
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Er symbolisiert das Böse, den Schlauen, den Einsamen: der Wolf - Unterrichtsministerin Claudia Schmied wagte sich im Wolfforschungszentrum Ernstbrunn unter Carnivoren

Ernstbrunn/Wien - Wamblee muss heute raus aus dem Gehege. "Der benimmt sich Fremden gegenüber leider daneben", erklärt Kurt Kotrschal. "Er knabbert an der Kleidung rum ..." Darum muss der knapp zehn Monate alte schwarze Timberwolf, der aus Ontario, Kanada, stammt, kurzfristig sein Rudel verlassen. Dieses wird angeführt vom Alphapaar Nanuk und Yukon, wegen ihrer schönen grauen Fellzeichnung und der schrägen Augen "die schöne Yukon" genannt, die Wildfang Wamblee und der zwei Wochen älteren Jungwölfin Una, geboren in Minnesota, USA, beibringen, sich friedlich in ein Wolfsrudel einzuordnen.

Sie und elf weitere Wölfe sowie 13 Hunde aus ungarischen Tierschutzhäusern wurden im Wolf Science Center (WSC) in Ernstbrunn, das Kotrschal, Professor für Verhaltensbiologie an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle, mit seinen Kolleginnen Friederike Range und Zsófia Virányi (beide Veterinärmedizinische Uni) 2008 in Grünau gründete und 2009 ins Weinviertel übersiedelte, von Hand aufgezogen.

Auf den Hund gekommen

Diese sozial und emotional beteiligte Methode ermöglicht es, "Wildtiere zu vertrauensvollen Partnern für die Forschung heranzuziehen", erklärt Kotrschal. Die gleiche Erziehung von Hunden und Wölfen ist die Basis für das Erkenntnisinteresse der Grundlagenforschung, die am WSC, dem weltweit einzigen experimentellen Wolfs- und Hundeforschungszentrum, betrieben wird: So soll etwa die Mensch-Hund-Beziehung besser verstanden werden - und ohne Wolf wäre der Mensch nie auf den Hund gekommen.

An diesem Wintertag - "Winterzeit ist Wolfszeit", freut sich Kotrschal für seine drei Rudel - hat sich im Gehege fremder Besuch angesagt: Claudia Schmied (SPÖ). Aber was treibt die Unterrichtsministerin zu den Carnivoren? Warum ausgerechnet Anschauungsunterricht bei fleischfressenden Raubtieren?

Weil Wölfe mehr mit uns Menschen gemeinsam haben, als uns vielleicht lieb oder bewusst ist. Das Gute - und das Böse. Laut Kotrschal sind Wölfe "unsere soziale Schwesternart", so ähnlich ist ihr Sozialverhalten unserem. Beide Gruppen, der Homo sapiens und der Canis lupus, leben in einem hochkomplexen sozialen System - als "Kooperationstiere", nach innen meist freundlich gesinnt und nett, nach außen oft aggressiv bis mörderisch feindselig.

Nanuk zum Beispiel, der souveräne Rudelchef und besonders menschenfreundliche Alpharüde, kann anderen Wölfen gegenüber mitunter auch recht rabiat werden. Die anderen - sie machen Wölfe und Menschen zu Gleichen. Genau genommen das "Wir und die anderen"-System, mit dem sie ihre Lebenswelt organisieren. Kotrschal nennt das in seinem neuen Buch Wolf-Hund-Mensch (Brandstätter-Verlag Wien 2012) "eine der tief- und abgründigsten Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Wölfen". Beide, sagt der Verhaltensbiologe, "können und wollen auch klar zwischen Freund und Feind unterscheiden".

Ein Phänomen, das auch Schmied umtreibt, schlagen xenophobe Stimmungen in der Gesellschaft doch immer auch in die Schule durch. Die Ministerin hatte zuletzt angesichts der Debatte um spezielle Klassen für Kinder mit Deutschdefiziten ausdrücklich vor einem ausländerfeindlich grundierten Wahlkampf gewarnt.

Wir und die anderen

Wolfsforscher Kotrschal weiß dazu aus seiner Arbeit mit jungen Wölfen und Hunden, dass "das Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit auch von den Umständen abhängt. Je größer der subjektiv empfundene Bedrohungsdruck, umso stärker wird Abwehr gezeigt werden. Je offener und positiver die Beziehung zu anderen während des Heranwachsens gestaltet wird, umso geringer fällt später die Abwehrhaltung aus." Die probaten Mittel gegen " dumpfe Fremdenfeindlichkeit" und für Offenheit seien "im Wesentlichen bekannt: Integration und Bildung."

Das sehe man an den von den ersten Lebenstagen an von Menschen aufgezogenen Wölfen im WSC: Wie flexibel und offen sie sein können, wenn sie unter anderen Umständen - mit freundlich zugewandten neuen Menschen und auch Wölfen - aufwachsen. "Gesellschaftlicher Xenophobie kann man nur ständige Bildungsarbeit entgegensetzen", sagt der Zoologe. "Wenn man die Leute dumm sterben lässt, dann können sie in der Regel nur xenophob sein und die anderen ablehnen."

Das ist die demokratiepolitische Lektion, die auch Schmied - etwas mulmig zwischen Nanuk und den anderen sie umtanzenden Wölfen - ableitet: "Am Wolfsrudel sieht man: Wenn es ihnen selber gutgeht, nehmen sie gern jemanden auf. Darum müssen wir auf die aufnehmende Gesellschaft und deren Bildungsstand achten. Das ist die Voraussetzung, um mit der heutigen Vielfalt gut, angemessen und respektvoll umzugehen."

So zwischen Wölfen stehend landet dann auch noch ein bisschen Tagespolitik im Wolfsgehege: Als Kotrschal erzählt, dass er - Vertrautheit hin oder her - "nie alleine zu den Wölfen ins Gehege geht", ist der Minoritenplatz in Wien für einen Moment sehr nah: Schmieds erste Assoziation zur Politik ist das Lehrerdienstrecht. Da lautet die Devise der Regierung für die Verhandlungen nämlich: "Nur noch zu dritt hinein". (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 5.2.2013)

  • Nanuk, ein Timberwolf aus Montana, USA, war im Wolf Science Center in 
Ernstbrunn zuerst der Chef im "Amerikaner-Rudel", tat sich dann mit der "schönen Yukon" zusammen und bringt nun mit ihr den jungen Wölfen Una 
und Wamblee bei, sich friedlich in eine Gruppe einzuordnen.
    foto: standard/cremer

    Nanuk, ein Timberwolf aus Montana, USA, war im Wolf Science Center in Ernstbrunn zuerst der Chef im "Amerikaner-Rudel", tat sich dann mit der "schönen Yukon" zusammen und bringt nun mit ihr den jungen Wölfen Una und Wamblee bei, sich friedlich in eine Gruppe einzuordnen.

  • Die will nur spielen: Una fordert "Alpha" Nanuk im Schnee heraus, Kurt 
Kotrschal und Claudia Schmied dürfen zuschauen.
    foto: standard/cremer

    Die will nur spielen: Una fordert "Alpha" Nanuk im Schnee heraus, Kurt Kotrschal und Claudia Schmied dürfen zuschauen.

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