Der Bürger, sein Mythos und seine Karikatur

4. Februar 2013, 17:47
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Sándor Márai wurde posthum zum Starautor

Wien - Es war eine der größten literarischen Wiederentdeckungen des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Mit der Neuherausgabe seines Romans Die Glut 1998 (Auflage 200.000) wurde Sándor Márai zum mitteleuropäischen Starautor. Da war er schon neun Jahre tot. Am 22. Februar 1989 hatte er sich in seinem Exil im kalifornischen San Diego (als Emigranten wollte er sich nicht sehen) erschossen.

Der Tod seiner Frau, seines jüngeren Bruders und seines Adoptivsohnes hatten Márai immer tiefer in die Vereinsamung getrieben. In seine ungarische Heimat zurückzukehren, solange dort die Kommunisten herrschten, untersagte er sich, als er 1948 emigrierte, zunächst nach Italien. Dass wenige Monate nach seinem Freitod der Eiserne Vorhang verschwand, mag tragisch erscheinen. Doch hatte Márais Vereinsamung wohl auch mit der Kluft zwischen seinem idealisierten Bild eines Bürgers und der Realität zu tun.

Márai wurde am 11. April 1900 im damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörigen Kaschau in eine bürgerliche Familie mit zum Teil deutschen Wurzeln geboren und wuchs in deren liberalkonservativer Tradition auf. Im Vorwort zu den 2009 auf Deutsch erschienenen Tagebüchern schreibt der ungarische Literaturkritiker László Földényi, Márai sei der Repräsentant eines Bürgertums gewesen, "das es in Ungarn im westeuropäischen Sinn eigentlich nie gegeben hat". Bei Márai selbst heißt es in den Tagebüchern kurz nach Kriegsende 1945: "Europa wurde von den Bürgern erbaut und von den Proleten zerstört."

"Vom Aussterben bedroht"

Auf die Verantwortung des Bürgertums für das, was geschehen war, gehe Márai freilich kaum ein, meint Földényi. Vielmehr gebärde er sich "in der Rolle des ,Bürgers' so, als sei er das letzte Exemplar eines vom Aussterben bedrohten Menschentyps".

Und doch stellte Márai seinen selbstgeschaffenen Bürger-Mythos auch selbst wieder infrage. In Land, Land (ungar. Originalausgabe Föld, Föld! , 1972) schreibt er: "... denn der Mensch ist nicht nur derjenige, der er ist, er ist immer auch die Karikatur seiner selbst. [...] Ich bildete mir ein, endlich sei es um den ,bürgerlichen Schriftsteller' geschehen, um den ,urbanen', um den ,Dandy'... Und ich konnte nicht leugnen, dass ich auch der war, den die Karikatur zeigte und etikettierte."

Einige Seiten weiter spitzt Márai es noch zu: "... es gibt keine Prominenz, die nicht lächerlich wäre, und ein Mensch ist nur wirklich prominent, wenn durch die Maske, die er trägt, der Spott über sich selbst leuchtet." Eine passende Gelegenheit, diesen Maßstab eines zugleich selbstbewussten und selbstkritischen Bürgers an die heutigen Verhältnisse anzulegen, bietet sich übrigens schon sehr bald - beim Wiener Opernball. (Josef Kirchengast, Crossover, DER STANDARD, 5.2.2013)

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