Mexiko: Bürgerwehren gegen Drogenbosse

4. Februar 2013, 18:21
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In Mexiko gibt es bereits an die 800 private Gruppen, die sich im Kampf gegen die ausufernde Gewalt selbst bewaffnen. Doch das könnte zu völlig anarchistischen Zuständen führen, fürchten manche

Schon seit längerem hatten die Polizisten von Marcos Castellanos mit Verbrechern Probleme. Vor einigen Wochen aber lief das Fass über: Nachdem Schwerbewaffnete 48 Stunden lang die Bevölkerung der zentralmexikanischen Kleinstadt terrorisierten und vier Polizisten ermordeten, trat die Ortspolizei praktisch geschlossen zurück. "Wir fühlen uns der Mafia hilflos ausgeliefert", sagte Bürgermeister José de Jesús Bautista. "Doch was ist die Lösung? Dass wir uns alle bewaffnen?"

Darauf scheint es in der Tat hinauszulaufen. Mehr als 780 Selbstverteidigungsgruppen hat der auf Organisierte Kriminalität spezialisierte Universitätsprofessor Edgardo Buscaglia in ganz Mexiko gezählt. Die Palette ist groß: von Bauernwehren über von Unternehmern finanzierte Todesschwadronen bis hin zu Gemeinden, die parapolizeiliche Truppen unterhalten - etwa der Bürgermeister der reichen, nordmexikanischen Gemeinde San Pedro Garza García, der sich rühmte, mit "Stoßtruppen" den Verbrechern den Garaus zu machen.

"Noch sind die Gruppen nicht vernetzt, haben keine Ideologie und keine professionelle Ausbildung oder Ausrüstung", sagte Buscaglia zum STANDARD. Doch eine Entwicklung wie in Kolumbien, wo aus den Selbstverteidigungsgruppen gegen die Guerilla die gefürchteten, mächtigen Todesschwadronen wurden, will er nicht ausschließen.

70.000 Tote in sieben Jahren

"Das ist eine bedenkliche Entwicklung und eine Bankrotterklärung des Rechtsstaates", so der Direktor des Mexikanischen Instituts für Menschenrechte, Edgar Cortéz. Seit Mexiko 2006 der Drogenmafia den Krieg erklärte, starben mehr als 70.000 Menschen.

Ayutla ist ein armes Bergdorf im verarmten Bundesstaat Guerrero, einer Hochburg des Mohnanbaus und der Drogenkartelle. Auch dort hat die Bevölkerung dieser Tage zu den Waffen gegriffen. Guerrero war ursprünglich unter Kontrolle des Kartells der Beltran Leyva. Als die Anführer 2009 bei Militäroperationen starben, zerfiel das Kartell und seine Logistik. Die verbliebenen Killer erschlossen sich neue Einnahmequellen: vor allem Entführung und Schutzgelderpressung. Vom Mangobauern über den Ziegelhersteller bis zum kleinen Ladenbesitzer müssen alle bezahlen.

Der Attacken überdrüssig, pa trouillieren jetzt dutzende maskierte Maisbauern mit Macheten, Pistolen und Flinten. "Wir hatten keine andere Wahl, wenn wir in Ruhe leben wollen", sagte ein maskierter 25-jähriger Familienvater. Mit handgeschriebenen Listen macht sich die Bürgerwehr auf die Suche nach Verdächtigen. Mehr als 30 wurden geschnappt. Ihnen droht nun die Volksjustiz. Diese kann vom Pranger bis zur in Mexiko illegalen Todesstrafe reichen.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Region, Juan Alarcón, konnte die Verdächtigen zwar kurz im Gefängnis besuchen - doch aushändigen will die Gemeinde sie nicht. "Dann lässt das korrupte Gericht sie gleich wieder frei. Wir wollen Ayutla jetzt endlich säubern", sagte der 28-jährige Anführer der Bauernwehr. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 5.2.2013)

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    Immer mehr Menschen in Mexiko wollen die Gewalt der Drogenkartelle nicht mehr hinnehmen. Statt ex post Tote zu betrauern, gründen sie Bürgerwehren - was Experten beunruhigt.

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