"Auch Wien ist erdbebengefährdet"

Interview7. Februar 2013, 17:00
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Katastrophenschutzexpertin Iris Mach über bebensichere Pagoden, Panik und den schmalen Grat zwischen Katastrophenschutz und ökonomischem Zwang

derStandard.at: Im Jahr 2006 ist eine Eislaufhalle im bayrischen Bad Reichenhall unter gewaltigen Schneelasten eingestürzt und riss dabei 15 Menschen in den Tod. Wie kann man sich vor solchen Unglücksfällen schützen?

Iris Mach: Eigentlich sind ja Gebäude dazu da, die Menschen vor Naturgewalten zu schützen. Naturkatastrophen sind nur deren extreme Ausprägung. Wenn die Häuser da nicht standhalten, werden sie selbst zur Gefahr - und genau das ist auch in Bad Reichenhall passiert. Grund waren einerseits Baumängel, zudem war offenbar die Belastungsgrenze nicht richtig eingeschätzt worden - was tatsächlich nicht immer leicht ist. Aber es gibt Maßnahmen, die dafür sorgen sollen, dass die Bemessungsgrundlagen für die Belastungsgrenzen verschärft werden. So werden etwa seit 2008 aufwändigere statische Nachweise für den Erdbebenfall bei Einreichungen in Wien eingefordert.

derStandard.at: Welche Folgen hat dies für die Bauwirtschaft?

Mach: Man hatte davor lediglich die Grenzwerte der letzten 100 Jahre im Fokus, nun kalkuliert man für Zeiträume von bis zu 500 Jahren und mehr. Diese Verschärfungen haben u.a. zur Folge, dass Dachausbauten wesentlich kostspieliger geworden sind, weil man etwa Zwischenwände und Decken verstärken muss.

derStandard.at: Reichen solche Maßnahmen für den Katastrophenschutz?

Mach: Maßnahmen zum Katastrophenschutz könnten immer besser sein, allerdings stehen dem oftmals politische und ökonomische Zwänge und Abwägungen im Weg.

derStandard.at: Ihre Arbeitsgruppe beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Japan. Welchen Einfluss haben die dortigen, immer wiederkehrenden Naturkatastrophen auf den Katastrophenschutz?

Mach: Die Japaner reagieren sehr aufmerksam und professionell. Es gab beispielsweise in Tokio im Jahr 1923 ein großes Erdbeben. Die dort üblichen Holzbauten sind für Erdbebenregionen ja eigentlich gut geeignet. Sie wurden aber zum Problem, weil sie zu dicht aneinander standen - durch beschädigte Gasleitungen kam es zu Bränden, die rund 140.000 Menschen das Leben kosteten. Seitdem wird die Stahlbetonbauweise forciert, um diese gefährlichen Folgen zu minimieren. Aber Katastrophenschutz umfasst auch andere Bereiche.

derStandard.at: Welche?

Mach: Es geht auch um Informationen. Die Japaner werden bereits im Vorschulalter auf Katastrophen vorbereitet und auf richtiges Verhalten geschult, denn falsches Handeln und Panik führen oft zu noch mehr Opfern. Aber es geht in Japan auch um Siedlungspolitik. Heute sagt man, diese sei zum Beispiel hinsichtlich Tsunamis in der vorindustrialisierten Zeit besser gewesen, weil damals kaum in Küstennähe und damit in der Gefahrenzone gebaut wurde. Erst durch den zunehmenden Druck der Industrie und die Verknappung der Siedlungsflächen mussten auch diese gefährdeten Bereiche genutzt werden.

derStandard.at: Auch in der türkischen Millionenmetropole Istanbul wird ein starkes Erdbeben erwartet. Was kann man dort von den Japanern lernen?

Mach: Ähnlich wie in Japan wurde auch in Istanbul von Holz- auf Stahlbetonbauweise umgestellt. Leider hat sich aber bei früheren Beben gezeigt, dass hier durch Einsparungen bei den Baumaterialien die Tragfähigkeit der Gebäude oft mangelhaft war und zu Einstürzen führte. In Istanbul müsste man daher idealerweise eine Überprüfung aller Gebäude vornehmen und die Bevölkerung eingehend über mögliche Risiken und richtiges Verhalten im Katastrophenfall informieren.

derStandard.at: Viele Istanbuler fühlen sich in älteren Gebäuden sicherer - haben sie Grund dazu?

Mach: In Istanbul wurde traditionell in Holz gebaut, welches durch sein geringeres Gewicht und seine Flexibilität prinzipiell gut für Erdbeben geeignet ist. Aber dass alt gleich besser ist, kann man so nicht sagen. In Wien etwa könnten bei Gründerzeithäusern im Falle eines Erdbebens Probleme auftreten, weil die Mauerqualität in den vergangenen 100 bis 150 Jahren abgenommen hat. Ziegel und Mörtel bieten oft keinen Schutz mehr gegen Verschiebung, man kann teilweise den Mörtel regelrecht herauskratzen. Daher werden nun bei Sanierungen u.a. Mörtelprüfungen vorgeschrieben. Es gibt aber auch historische Bauweisen, die für das moderne Bauen Impulse geben.

derStandard.at: Zum Beispiel?

Mach: In Japan hat man etwa festgestellt, dass über 1.000 Jahre alte Pagoden mit bis zu fünf Stockwerken nie bei Erdbeben eingestürzt sind. Man ist draufgekommen, dass diese flexibel gebaut wurden und sich die einzelnen Stockwerke im Fall eines Erdbebens gegeneinander verschieben können. Diese Technologie wendet man nun seit kurzem bei Hochhausbauten an.

derStandard.at: Mit welchen Katastrophen muss man in Österreich rechnen?

Mach: Ein weniger präsentes Naturereignis ist ein mittelstarkes Erdbeben, das im Wiener Raum passieren kann. Nur wann genau weiß keiner. Es ist ein Beben, das einmal in 500 Jahren auftreten kann. Es wird natürlich nicht mit Istanbul oder Tokio vergleichbar sein, aber auch hier gilt es, sich rechtzeitig vorzubereiten. (Nina Brnada, derStandard.at, 7.2.2013)

Iris Mach ist seit 2002 Mitarbeiterin im "TU Kooperationszentrum für Katastrophenvorbeugung und Sicherheit in Bauten", Sektion für "objektorientierte Forschung" (Leitung Emmerich Simoncsics).

  • Vor sieben Jahren stürzte eine Eislaufhalle in Bad Reichenhall ein. Neben Baumängeln wurden vor allem die Belastungsgrenzen falsch eingeschätzt, sagt Iris Mach von der TU Wien.
    foto: ap_diether endlicher

    Vor sieben Jahren stürzte eine Eislaufhalle in Bad Reichenhall ein. Neben Baumängeln wurden vor allem die Belastungsgrenzen falsch eingeschätzt, sagt Iris Mach von der TU Wien.

  • Bei einem Erdbeben in Wien könnten vor allem Gründerzeithäuser gefährdet sein. Grund: Die Mauerqualität habe in den vergangenen 100 bis 150 Jahren abgenommen, so die Expertin.
    foto: robert newald

    Bei einem Erdbeben in Wien könnten vor allem Gründerzeithäuser gefährdet sein. Grund: Die Mauerqualität habe in den vergangenen 100 bis 150 Jahren abgenommen, so die Expertin.

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