Gore kritisiert allzu große Macht der Lobbys

4. Februar 2013, 17:22
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Ehemaliger US-Vizepräsident schildert in neuem Buch Systemfehler in US-Politik

Wenn Al Gore auf einer Bühne sitzt, um aus seinem neuen Buch vorzulesen, lässt er bisweilen an einen Buddha denken. Die Körperfülle: beträchtlich. Die Gesten: sparsam und steif. So recht kann man sich den Mann, dem einst nur ein paar Stimmen in Florida am Einzug ins Weiße Haus fehlten, nicht mehr im Trubel einer Wahlkampagne vorstellen. Rein äußerlich ist Gore der Prototyp eines konservativen Patriziers aus dem Südstaat Tennessee, wo er nach wie vor lebt. Umso kühner klingen die Gedanken, die sich Gore über die Zukunft des Planeten macht, zusammengefasst in einem 558-Seiten-Wälzer mit dem schlichten Titel "The Future".

Sechs bestimmende Faktoren des weltweiten Wandels hat er ausgemacht: Globalisierung, digitale Revolution, Klimawandel, zur Neige gehende Ressourcen, den Vormarsch der Biowissenschaften und eine Verschiebung der Kräftebalance von West nach Ost, von Amerika und Europa nach Asien.

Was im eigenen Land die höchsten Wellen schlägt, ist ein kritischer Befund über den Reformstau der US-Demokratie. Der Kongress "ist nicht mehr in der Lage, Gesetze zu verabschieden, ohne die Zustimmung der Unternehmerlobby einzuholen". Ob Demokraten oder Republikaner: Den halben Tag seien die Abgeordneten damit beschäftigt, um Geld zu betteln, weil sich der absurd teure Wahlkampf anders nicht finanzieren lasse. Den Sponsoren verleihe es solche Macht, dass sie Gore an Hacker erinnern, die sich des Parlaments gleichsam durch die Hintertür bemächtigen. Die Folgen: verhärtete Fronten, Politiker, die sich nicht trauen, über Gräben zu springen, um der Gegenseite entgegenzukommen.

Dass Gores Wort nach wie vor zählt, beweisen die übervollen Säle bei seinen Lesungen. Der Silicon-Valley-Magnat John Doerr machte ihn zum Partner seines Venture-Capital-Unternehmens, Steve Jobs holte ihn einst in den Aufsichtsrat von Apple. Die Hightech-Branche schätzt ihn nicht nur wegen seines Netzwerks an Kontakten, sondern auch wegen seines Blicks über den Tellerrand.

Gores Kontostand hat es nicht geschadet: Forbes schätzt sein Vermögen auf rund 300 Millionen Dollar, womit er vor Mitt Romney - der Karikatur nach das Symbol einer kapitalistischen Heuschrecke - rangiert.

"Scheinheiligkeit"

Die Kritik an Gores Manöverkritik gipfelt im Vorwurf der Scheinheiligkeit. Bis Dezember besaß der frühere Vizepräsident ebenfalls einen Fernsehsender, Current TV, einen der weniger bekannten Kabelkanäle der USA. Für 500 Millionen Dollar verkaufte er ihn an Al-Jazeera, die Antwort der arabischen Welt auf BBC und CNN.

Al-Jazeera gehört der Regierung Katars, und das Scheichtum lebt vom Erdöl - diese Kombination hat manche Gore-Anhänger verstört. Der Satiriker Jon Stewart, so etwas wie das moralische Gewissen des linksliberalen Amerika, fragte ihn neulich: "Ließ sich kein anderer Käufer finden als einer, der sein Geld mit fossilen Brennstoffen verdient?" Al-Jazeera berichte ausführlicher über den Klimawandel als jeder andere große Sender, entgegnete der Bedrängte und ging sofort in die Offensive: Während der Präsidentschaftsdebatten des Jahres 2012, des heißesten Jahres der Geschichte, habe nicht ein einziger Journalist den Kandidaten eine Frage zur globalen Erwärmung gestellt. Das sei "schlicht erbärmlich". (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 5.2.2013)

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