Raubtier auf dem Sprung in Russlands sterbenden Städten

4. Februar 2013, 18:39
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Im Schatten von "Pussy Riot" gedeiht auch in der russischen Literatur eine Oppositionsszene, die den Liberalismus ablehnt und ein mitunter bizarres Ethos pflegt. Zakhar Prilepins Roman "Sankya" ist aber große Literatur

Wien - In Zakhar Prilepins Roman Sankya fällt der Name Putin kein einziges Mal. Das Schlimmste, was dem "Staatspräsidenten" vonseiten der Radikalopposition widerfährt, ist ein Anschlag mit Farbe. Eine Aktivistin der "Sojusniki" wirft dem Potentaten einen Plastiksack voller Paradeiser und Mayonnaise auf das schüttere Haar.

Die Folgen für den "Bund der Schaffenden" (so die Übersetzung von "Sojus Sosidajuschtschich") sind verheerend. Führende Mitglieder der Partei werden verhaftet und vom Inlandsgeheimdienst grausam zugerichtet. Junge Parteiaktivisten wie Sascha Tischin ("Sankya") fühlen, dass es Zeit geworden ist zu handeln. Sascha ist russischer "Nationalbolschewist". Er und seine wenig zimperlichen Gesinnungsgenossen stehen im Bann ihres Parteigründers, der als Märtyrer der Staatsgewalt hinter Gittern sitzt.

Das Vorbild von "Kostenko" bildet Eduard Limonow: die schillerndste Figur der Oppositionsbewegung in Russland. Limonow hat als bisexueller Dandy und provokanter Dichter tüchtig Krawall geschlagen und trotzdem Karriere in den feineren Kreisen gemacht. Seinem Gastland, den USA, schrieb er Schmeicheleien hinterher: "Fuck off, America!" Berühmt wurde er, als er neben den serbischen Aggressoren stand, die auf das belagerte Sarajevo hinunterschossen, und seinerseits eine Salve abgab.

Flucht und Suizid

Limonow erfreut sich bis heute des Rufes, ein Rowdy mit Niveau zu sein. Die von ihm gegründete Partei trug Flaggen vor sich her, auf denen Hammer und Sichel das Hakenkreuz ersetzten.

Irgendwann gingen Limonows "Nats-Boly" (Nationalbolschewiki) in der russischen Oppositionsbewegung "Anderes Russland" auf. Auffällig wurden die Demonstranten etwa im Zuge der letzten Putin-Angelobung. Ein Aktivist der Nationalbolschewisten namens Alexander Dolmatow floh unlängst nach Holland. Der Ingenieur in einem Rüstungsbetrieb war von Verhaftung bedroht. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, und Dolmatow erhängte sich in einer Zelle des Abschiebungszentrums.

Das Wissen um die Konfrontationslinien im heutigen Russland lädt Sankya mit zusätzlicher Bedeutung auf. Packende Literatur ist Prilepins Roman aber aus eigenem Recht. Zakhar Prilepin (37), erzählt der Wiener Übersetzer Erich Klein, genieße hohes Prestige bei den jungen Russen: " Auch solche Studenten, die nicht unmittelbar mit Literatur zu tun haben, kennen und lesen Prilepin." Nachsatz: "Ich glaube, sie lesen ihn naiv, direkt, realistisch."

Sascha Tischin, der Titelheld, ist, frei nach Lermontow, ein Held unserer Zeit. Der Mittzwanziger zeichnet sich durch freundliches Phlegma aus. Er pendelt mit der elektrischen Bummelbahn zwischen Moskau und seiner Heimatstadt hin und her.

Die familiären Wurzeln drohen abzusterben: Der trunksüchtige Vater ist jung gestorben, die Mutter schuftet als Krankenschwester im Schichtbetrieb. Die Großmutter lebt in einem abgelegenen Dorf. Den Alkoholtod ihrer drei Söhne hat sie niemals verwunden, und in den benachbarten Bauernhäusern springen abends immer weniger Lichter an. Russland ist nicht etwa bedroht, sondern schon längst gestorben.

Saschas gewalttätiger Protest besitzt eine unerschütterliche Kraft. Er und seine Genossen erwarten sich von der Politik keine Wendung zum Besseren. Heute, doziert einer von ihnen, seien "allein die Instinkte ideologisch". Wie ein geschmeidiges Raubtier schleicht Sascha durch die in Auflösung begriffenen Städte. Ihm und seinen Parteigängern eignet ein " angeborenes Gefühl innerer Würde". Die Quellen ihres Patriotismus sind trübe. Als attraktive Strolche ähneln sie "Vaterlosen auf der Suche danach, wem sie als Söhne von Nutzen sein können".

Ihr Nutzen für die Gesellschaft aber ist äußerst beschränkt. Ihr Gegenüber ist die Miliz. Ihr Ethos ist das der Tat. Taten allein ändern nichts. Das Bewusstsein der Rowdys könnte man als postpolitisch beschreiben: "Wir müssen genau dann beginnen" - gemeint ist: mit Gewalttaten -, "wenn nichts mehr zu erwarten ist."

Zeugnis des Nihilismus

Sankya ist das fesselnd erzählte Porträt eines Nihilismus, der die Entwicklung der russischen Gesellschaft während der Putin-Jahre als Zerfallsprozess begreift. Prilepin, der in Nischnij Nowgorod lebt und schreibt, sei, so Klein, "mit beiden Seiten der zentralen Auseinandersetzung vertraut".

Als Demonstrant sei er gegen die Staatsmacht aufgetreten. Vor elf Jahren aber arbeitete der zweifache Tschetschenien-Kriegsveteran noch als schlecht bezahlter Offizier der Innenministeriums-Truppen Omon. Prilepin selbst bezeichnet sich als "linkskonservativ". Seine ganze Abneigung gilt dem Liberalismus, den er mit Putin identifiziert. Sein aktuelles Stück heißt Verhör und handelt die Gewalttätigkeit der Polizei ab.

Ob das verzweifelte Pathos der Tat tatsächlich zu einer neuerlichen " Revolution" in Russland führen kann, steht in den Sternen. Mit politischen Zuordnungen tut sich der westliche Betrachter schwer. Das Buch Sankya enthält jedoch Passagen, die jeden politischen Einspruch zunichtemachen. Eine besonders tief zu Herzen gehende Episode spielt naturgemäß im Winter: Sascha und seine Mutter versuchen mithilfe eines Freundes, den Sarg mit dem toten Vater in das verschneite Dorf der Vorfahren zu schaffen. Slapstick und Tragik bilden das Doppelgesicht der russischen Misere. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.1.2013)

Zakhar Prilepin: "Sankya". Roman. Übersetzt von Susanne Macht und Erich Klein. Berlin: Matthes & Seitz 2012

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  • Der Autor, Oppositionelle und Ex-Soldat Zakhar Prilepin, fotografiert in seiner Wohnung in Nischnij Nowgorod: mit einem "Helden unserer Zeit" durch die Wladimir-Putin-Jahre.
    foto: reuters/mikhail beznosov

    Der Autor, Oppositionelle und Ex-Soldat Zakhar Prilepin, fotografiert in seiner Wohnung in Nischnij Nowgorod: mit einem "Helden unserer Zeit" durch die Wladimir-Putin-Jahre.

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