Tochter Tinas Wille, Vater Hartis Segen

4. Februar 2013, 16:43
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1982 gewann Harti Weirather WM-Gold in Schladming für Österreich. 31 Jahre später fährt Tochter Tina um Medaillen - für Liechtenstein. Für die Rennen vor tausenden Fans hat sich die 23-Jährige, die sich schon vier Kreuzbandrisse zugezogen hat, speziell vorbereitet

Schladming - Natürlich hat Tina Weirather das Video vom Siegeslauf ihres Vaters Harti bei der WM-Abfahrt 1982 in Schladming gesehen. "In Österreich kann man ihn nicht nicht gesehen haben", sagt sie dem Standard. "Der läuft ja seit Wochen alle paar Stunden in einem Werbespot im ORF."

Weirather, der Name zieht in Schladming noch immer gewaltig. Bei der Generalprobe für die Medaillenzeremonie am Medal Plaza wurden, um keinen Sieger vorwegzunehmen, Namen einstiger Skistars verwendet. Der Schweizer Didier Cuche erhielt Silber, Gold gewann Harti Weirather. Eine Meute vorbeiziehender Fans drehte sich plötzlich um - und jubelte lautstark. " Harti, Harti!"

"Die spinnen, die Österreicher", sagt Tina Weirather. "Aber auf eine gute Art und Weise. Wenn Heimrennen sind, dann drehen sie durch." Für die 23-jährige Speed-Spezialistin ist Schladming eine halbe Heim-WM, sie fährt für den Liechtensteinischen Skiverband (LSV), besitzt aber auch die österreichische Staatsbürgerschaft.

Auf den bei einem gefüllten Zielstadion von 28.000 Fans zu erwartenden Wahnsinn hat sich Weirather mental gut vorbereitet. Im Vorjahr bekam sie eine Ahnung davon, da wurde sie in Schladming in der Abfahrt Vierte. "Es ist natürlich eine spezielle Situation. Jeder fragt mich, wie cool es denn nicht wäre, wenn ich hier auch gewinnen würde. Das ist überwältigend, da muss man aufpassen, dass der Fokus nur auf dem Rennen bleibt."

Den Super-G am Dienstag (11 Uhr, ORF 1), bestreitet sie als chancenreiche Außenseiterin. Ende November 2012 wurde sie in der Abfahrt von Lake Louise Dritte, beim Super-G zwei Tage später zog sie sich eine Skischuhrandprellung zu. "Das ist der Grund, wieso es seither nicht mehr gelaufen ist. Aber zu 95 Prozent sind die Schmerzen weg."

Vier Kreuzbandrisse

Die Schmerzschwelle liegt bei Weirather ziemlich hoch. Mit Verletzungen ist die Athletin, die in der Vorsaison den Durchbruch schaffte und im Abfahrtsweltcup Zweite hinter Lindsey Vonn wurde, quasi auf Du und Du. 2007 riss sie sich die Kreuzbänder in beiden Knien, 2008 hielt das rechte Knie nicht mehr, 2010 das linke. Da haben auch die Skifahrereltern Harti und Hanni Wenzel, 1980 in Lake Placid mit Gold im Riesenslalom und Slalom sowie Silber in der Abfahrt die erste und bislang einzige Olympiasiegerin Liechtensteins, Besorgnis wegen des Berufs ihrer Tochter angemeldet.

"Direkt nach der letzten Verletzung Anfang Dezember 2012 hat der Papa gesagt, dass er froh wäre, würde ich aufhören und etwas anderes machen. Ich hab mir das angehört und überlegt. Aber für mich ist anderes einfach nicht infrage gekommen. Er hat meine Entscheidung akzeptiert, mich weiter unterstützt."

Sich auf die weniger gefährlichen Disziplinen zu spezialisieren kommt für Weirather ebenfalls nicht infrage. "Im Speed-Bereich habe ich mehr Potenzial." Kalt ließ sie der Sturz in Lake Louise aber nicht. Die Verletzung hat sie beeinträchtigt, vor allem im Kopf. Ans Limit ging sie aus Angst vor einer neuerlichen Zwangspause nur selten. "Ich habe hart daran gearbeitet, dass ich es wegbekomme. Jetzt bin ich wieder so weit, dass ich voll fahren kann."

Ein Praktikum nach ihrem vierten Kreuzbandriss bei einer Lebensversicherung hat ebenfalls Erkenntnisse gebracht. "Das Leben danach ist noch lange genug für einen normalen Beruf, bei dem man jeden Tag ungefähr das Gleiche macht. Wenn man die Chance hat wie ich, im Sport so viele Emotionen zu erleben, so viel Risiko eingehen zu können, muss man das nützen."

Weirather wird nicht nur von ihrem Privatcoach Pascal Hasler (40) betreut, sondern ist auch vollständig mit ihrem Vorarlberger Trainer im Schweizer Ski-Team integriert. "Mit dem Unterschied, dass ich nur mit Pascal meine Trainingsvideos gucke." Beim ÖSV sei ein Mittrainieren nicht möglich gewesen.

Kein zwölftes Rad

Interessiert hat sich der heimische Verband schon für das talentierte Mädchen, das in Vaduz geboren wurde und in Liechtenstein das Skifahren lernte, aber auch im Tiroler Außerfern aufgewachsen ist. Weirather hat die Skihauptschule in Schruns besucht und in Stams maturiert, wie einst die Mutter hat sich Weirather aber "emotional" für das Fürstentum entschieden. "Für mich ist es perfekt, wenn man nicht das zwölfte Rad am Wagen ist." Zudem ist Weirather "als Liechtensteinerin in der Situation, extrem gut fahren zu müssen, um beachtet zu werden. Ich werde nicht in die Höhe gejubelt, wenn's gut läuft. Ich werde - anders als Schweizer und österreichische Kollegen - aber auch nicht auseinandergenommen, wenn' s mal nicht so passt." (David Krutzler, DER STANDARD, 5.2.2013)

  • Weirather: "Das Leben danach ist lang genug."
    foto: epa/mike sturk

    Weirather: "Das Leben danach ist lang genug."

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